Fantasien (WAB 215/1‑4)
Bruckner komponierte die vier Fantasien im Kitzler-Studienbuch (S. 213–218), die er mit römischen Ziffern
durchnummierte, knapp nach Der Trompeter an der Katzbach und vor den Instrumentierungsübungen
in den Tagen vom 22.–25.8.1862.
Fantasie in d‑Moll (WAB 215/1)
Kompositionsübung für Klavier, „Schnell“
Die Fantasie in d‑Moll, im Alla breve-Takt, überschrieb
Bruckner mit „I. Fantasie in kleinen Formen anreihender Perioden“. Sie besteht
aus einer achttaktigen zu wiederholenden Periode (1. Teil), an die ein
28 Takte umfassender 2. Teil und danach von Bruckner als „Anhang“
bezeichnete zehn Takte anschließen. Unterhalb der Komposition notierte er seine
Fragen: „? Die Lieder ohne Worte z B v. Mendelssohn haben meistens Liedform / „? Durchführungsperiode?“ / NB Zuweilen auch
Schlußperiode u Anhang. / mit Anhang 2 o[der] 3 theilig?“.
Fantasie in c‑Moll (WAB 215/2)
Kompositionsübung für Klavier, „Langsam“
Die „II. Fantasie für Piano forte“, im 4/4‑Takt, durchmisst zunächst mit
pathetisch-heroischem Gestus in punktierten Noten einen Ambitus von mehr als vier
Oktaven (C–es‘‘‘) (T. 1–12). An den neuntaktigen 2. Teil, ebenfalls durch
Punktierte bestimmt, die zunächst akkordisch gebracht und dann durch
Sechzehntelsextolen begleitet werden, notierte Bruckner ein Dal
Segno al Fine.
Fantasie in Es‑Dur (WAB 215/3)
Kompositionsübung für Klavier
Die Fantasie in Es‑Dur („III.“), von Bruckner mit dem Vermerk
„(Chor / Rythmus)“ versehen, ist im 4/4‑Takt geschrieben und weist einen kompakten
Satz in Akkordtriolen (meist in beiden Händen gleichzeitig) auf. Hier gibt es keine
durch Wiederholungszeichen oder den Vermerk „Fine“ angemerkte Binnengliederung,
jedoch weist T. 9 eine Zäsur durch eine deutliche Kadenz auf. Die folgenden acht
Takte wirken durch die regelmäßige Begleitung in Achteltriolen etwas transparenter.
T. 2–6 sind hierauf zu wiederholen, fünf Schlusstakte runden das Stück ab.
Fantasie in F‑Dur (WAB 215/4)
Kompositionsübung für Klavier, „Nicht zu langsam“
Die Fantasie in F‑Dur („IV.“) ist dreiteilig (8+10+8 Takte im
Sinne einer A‑B‑A-Form) und die unter den vier Fantasien am meisten ausgereifte,
sowohl was die Stimmführung (streckenweise Zweistimmigkeit der rechten Hand) und die
melodische Erfindung als auch die häufigen Vortrags- und Pedalangaben betrifft.
Dieser Umstand dürfte Bruckner auch ein Lob seines Lehrers
Otto Kitzler eingetragen haben, denn am
linken Seitenrand findet sich (von wessen Hand?) der Bleistiftvermerk „gut.“.
Direkt anschließend an die Komposition der Fantasie in F‑Dur,
bereits am 26.10.1862, versuche sich Bruckner an Instrumentationen derselben für
Flöte, Oboe, Klarinette und Klavier (Kitzler-Studienbuch, S. 218,
Z. 5,–S. 221) und für Oboe, zwei Klarinetten und Klavier (S. 222f.)
sowie, vermutlich an einem weiteren Tag, für zwei Flöten, zwei Oboen, zwei
Klarinetten in B und Bass (S. 224).
Literatur
- Otto Kitzler, Musikalische Erinnerungen mit Briefen von Wagner, Brahms, Bruckner und Richard Pohl. Brünn 1904, S. 28–34
- Paul Hawkshaw, Das Kitzler-Studienbuch: ein unschätzbares Dokument zu
Bruckners Arbeitsweise, in: Bruckner‑Symposion
1995Othmar Wessely u. a. (Hg.), Bruckner-Symposion. Zum Schaffensprozeß in den Künsten. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1995. 20.–24. September 1995. Bericht. Linz 1997, S. 95–109
- Paul Hawkshaw, A Composer Learns his Craft: Anton Bruckner‘s Lessons in Form and Orchestration, 1861–63, in: The Musical Quarterly 82 (1998) H. 2, S. 336–361