Anekdoten

In der griechischen Antike ein publikationstechnischer Begriff im Sinne von „nicht Herausgegebenes“; erst im 18. Jahrhundert Wandel zum literarischen Gattungsbegriff mit heutiger Bedeutung.

Die episodische Grundstruktur einer Anekdote ist dreiteilig: Einleitung – Überleitung – Pointe. Häufig basiert sie auf wahren Gegebenheiten, die mit einer „gut erfundenen“ Pointe angereichert werden. Die Anekdote ist stets in zwei Richtungen zu lesen und zu verstehen: einerseits auf das (historische) Objekt ausgerichtet, andererseits auf den Erzähler bzw. Informanten.

Die Anekdote spielt in der Rezeption Bruckners eine große Rolle. Über kaum einen anderen Komponisten existieren so viele Anekdoten in häufig mehrfachen Varianten. Themen sind in erster Linie Lebensgewohnheiten, Unterricht (Lehrtätigkeit) und Frauen.

Als typisch sei folgendes (gekürztes) Beispiel angeführt: Franz Xaver Bayer, Regens chori von Steyr, hatte den im Herzen ewig jungen Meister auch auf mancherlei Brautfahrten in der Umgebung zu begleiten. Sie blieben immer wieder erfolglos, das hinderte Bruckner aber nie, bald darauf sein Glück aufs Neue zu versuchen. Als Bayer nun nach einem solchen, freilich sehr höflich überreichten Korb fragte, was denn nun geworden wäre, wenn die Begehrte wirklich „ja“ gesagt hätte, da antwortete Bruckner: „Meiner Seel, sehn S‘, an das hab i(ch) gar net denkt!“ (Commenda, S. 145).

In dieser Anekdote tauchen historische Fakten (Bayer, Steyr, gemeinsame Ausflüge, Bruckners Werbungen um Mädchen) auf, um eine bekannte Eigenheit des Komponisten als bloß gesellschaftliches Spiel zu thematisieren. Diese Eigenheit verweist auf ein Unverständnis bei den Zeitgenossen – der nur Gott und der Musik dienende Meister steht als Leitbild dahinter –, erfährt aber ihre Begründung, indem sie als bloße „Schrulle“ entlarvt wird. Scheinbare Authentizität und Spontaneität werden schließlich mittels dialektaler Färbung erreicht. Die Pointe erklärt somit das sonderbare Verhalten.

Die üppige Überlieferung und Trivialisierung in den Anekdoten hat aufgrund der subjektiven Verzerrungen zur strikten Forderung geführt, sie prinzipiell in der Forschung auszuklammern (Wagner). Es gibt aber einen jüngeren wirkungsgeschichtlichen Ansatz, der von einer kritisch verfahrenden Integration ins Persönlichkeitsbild ausgeht (Partsch). Erstaunliche Übereinstimmungen mit biografischen Tatsachen sowie ernsthaften Erinnerungsberichten von Zeitgenossen begründen diesen Weg. Gleichzeitig stellt die Beschäftigung mit Anekdoten einen gewichtigen Beitrag zur Rezeption des Komponisten dar.

Quellen
  • Ernst Decsey, Die Spieldose. Musikeranekdoten. Wien 1922
  • Hans Commenda, Geschichten um Anton Bruckner. Linz 1946
  • Franz Gräflinger, Liebes und Heiteres um Anton Bruckner. Wien 1948
  • Jula Bayer, Anton Bruckner in Steyr. Steyr 1956
  • Bruckner-Bibliographie, Gruppe 33 (Belletristik)
  • Bruckner – skizziert
Literatur

ERICH WOLFGANG PARTSCH

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 1.9.2017

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