Forschung

Am Beginn der systematischen Beschäftigung mit Bruckner standen überwiegend persönliche Erinnerungsliteratur und Anekdoten. Und dies kann überhaupt als ein generelles Kennzeichen auch der weiteren Entwicklung gelten: dass nämlich häufig subjektiv vermitteltes biografisches Material und wissenschaftliche Darstellung nicht exakt zu trennen sind. Gerade in den Anfangsjahren handelte es sich immer wieder um persönliche Berichte aus dem Bruckner-Kreis, die gleichzeitig aber nicht unwesentliche Hinweise zu Leben und Werk enthalten. Man kann diese „vorwissenschaftliche“ Literatur nicht ausklammern, da sie zeitgenössische Quellen und heute nicht mehr rekonstruierbare Fakten miteinschließt. Dass diese Quellen aus der ersten Generation häufig mündlich tradiert sind, macht den Umgang zwar schwieriger, aber durchaus nicht erlässlich. Ihre des Öfteren bemängelte Subjektivität und Voreingenommenheit darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bruckner-Forschung – in Wechselwirkung mit der Rezeption (Bruckner-Bild) – im Grunde bis heute erstaunlich stark subjektiv bzw. weltanschaulich geprägt ist.

1895 – also noch zu Lebzeiten des Komponisten – legte Franz Brunner die erste kleine Biografie vor. Verglichen mit späterer Zeit war sein Zugang überwiegend sachlich. In die erste Generation fallen in erster Linie Freunde und Schüler, die von 1901 an (Karl Hruby), besonders aber seit den 1920er Jahren Erinnerungen – und damit Quellenmaterial – veröffentlichten. Aber noch nach dem Zweiten Weltkrieg folgten einzelne Publikationen aus diesem Kreis, z. B. die von Ernst Schwanzara herausgegebenen Vorlesungen Bruckners an der Universität Wien. Die merkwürdige, charakteristische Zwischenposition der frühen Literatur ist in der Monografie von Ernst Decsey (1919) deutlich repräsentiert, in der einerseits der Romancier persönliche Erlebnisse mit dem Komponisten anekdotisch übermittelt, andererseits jedoch erstaunlich genaue Hinweise zum Werk gibt.

Im strengen wissenschaftlichen Sinn muss das Jahr 1913 als Beginn der Bruckner-Forschung gelten. In diesem Jahr wurde die Studie Die Symphonie Anton Bruckners von August Halm veröffentlicht, die strukturanalytisch ausgerichtet ist. In diesem Sinne folgte Ernst Kurth mit seinem Monumentalwerk Bruckner (1925), in dem er dessen Formdenken dynamisch erklärte. Beide Autoren trugen wesentlich zu einem neuen Formverständnis bei und sind Pioniere in der musikanalytischen Betrachtung (Analyse).

Um den 100. Geburtstag Bruckners (1924) häufte sich die Literatur, ohne dass sich aber die allgemeine Forschungssituation geändert hätte. 1922 erschien der 1. Band der umfangreichen Biografie von August Göllerich (fortgesetzt von Max Auer). Trotz Fehlern und einseitiger Darstellungsweise gilt sie bis heute aufgrund der Materialfülle als Standardwerk. Wichtig war im Weiteren die gesonderte Herausgabe der Briefe durch Auer und Franz Gräflinger (beide 1924), die damit zwei (nicht in allen Briefen deckungsgleiche) Versionen – jedoch ohne Anspruch auf wissenschaftliche Kritik – vorlegten.

Ein neuer Ansatz kam von der sogenannten Wiener stilkritischen Schule, von Robert Haas und Alfred Orel. Sie wandten sich vor allem Stil- und Traditionsfragen zu und edierten seit 1930 zusammen die Alte Gesamtausgabe. In dieser Zeit richtete sich in Nordamerika ebenfalls das Augenmerk gezielt auf Bruckner. Mit der Gründung der Bruckner Society of America und der Zeitschrift Chord and Discord setzte dort eine produktive „Bruckner-Welle“ ein, aus der die ersten amerikanische Biografie von Gabriel Engel und viele kleinere Beiträge (auch durchaus apologetischer Natur) hervorgingen.

Während der Ära des Nationalsozialismus kam es insofern zu einer Latenzzeit, als die ideologisch ausgerichtete Verherrlichung des „deutschen Tonheros“ kaum eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung möglich machte. Als eine der wenigen Ausnahmen sei hier Karl Grunsky genannt, der sich – obwohl bald politisch engagiert – schon seit den 1920er Jahren ernsthaft publizistisch für Bruckner eingesetzt hatte.

Die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg ist in erster Linie durch die langsame Etablierung einer fundierten und methodisch-kritischen Forschung gekennzeichnet. Einerseits war dies der Leitgedanke der von Leopold Nowak initiierten Neuen Gesamtausgabe (seit 1951), andererseits umfasste sie alle Teilbereiche wie Grundlagenforschung, Biografie sowie Studien zu Werk und Rezeption. Im Gleichklang mit dieser konzentriert sich jedoch die systematische Forschung im Wesentlichen bis heute auf den deutschsprachigen und angloamerikanischen Raum.

Zu einem Umdenken in der Bruckner-Forschung führten vor allem zwei Aspekte: die kritische Befragung der Originalquellen, die viele Manipulationen fremder Bearbeiter aufdeckte, sowie die sachliche Beschäftigung mit dem musikalischen Werk mit dem Erkenntnisziel, Bruckners kompositorische Individualität freizulegen. Frühe Ansätze, naive Apologetik durch wissenschaftliche Darstellung zu ersetzen, stammen von Othmar Wessely, Max Dehnert (1893–1972) und Werner Korte (1906–1982). Durch Nowak, Manfred Wagner, Mathias Hansen, Constantin Floros oder Peter Gülke – um hier einige wichtige Namen zu nennen – wurden im Weiteren viele Themenbereiche (Biografie, Analyse, Formstruktur, Hermeneutik u. a.) erschlossen. Damit ergab sich das für Bruckner typische Spannungsfeld zwischen strukturanalytischer Betrachtung und quellengestützter Hermeneutik. Durch die zahlreichen Rekonstruktionsversuche des Finale zur Neunten Symphonie wurden (besonders durch William Carragan, John A. Phillips sowie Benjamin-Gunnar Cohrs) in letzter Zeit vielfältige philologische Fragestellungen aufgeworfen, die zugleich essentielle Erkenntnisse zum Schaffensprozess erbrachten.

1977 initiierte Franz Grasberger in Linz ein Symposion zur gleichzeitig gezeigten Ausstellung Anton Bruckner zwischen Wagnis und Sicherheit, das eine kritische Sicht auf die Persönlichkeit zum Ziel hatte. Das dadurch geweckte Interesse führte 1978 zur Gründung des Anton Bruckner Instituts Linz (ABIL), das sich im Laufe der Jahre zu einem zentralen Forschungszentrum entwickelte und seit 2007 durch die Bruckner-Forschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ergänzt wird. An beiden Institutionen werden Grundlagenforschungen betrieben, aber ebenso Publikationen zu den unterschiedlichsten Themenfeldern gefördert. So wurden eine dreibändige Ikonografie, die Taschen-Notizkalender Bruckners sowie Bruckners Briefe ediert, entstanden Spezialstudien zu Bruckners Wirken als Dom- und Stadtpfarrorganist in Linz sowie zu seinen Aufenthalten in Steyr und München.

Im deutschsprachigen Raum erschienen vermehrt Studien zu einzelnen Kompositionsstrukturen (z. B. von Dieter Michael Backes, Rainer Boss, Wolfgang Doebel [* 1964], Wolfgang Grandjean). 1996 fand in Berlin eine Tagung mit dem Titel Bruckner-Probleme statt.

In den übrigen Ländern sind an Bruckner-Forschern (alphabetisch) u. a. Erwin Doernberg (* ?; England), Paul‑Gilbert Langevin (Frankreich), Sergio Martinotti (1932–2012) und Alberto Fassone (* 1961; Italien), Bo Marschner (Dänemark) und Cornelis van Zwol (Niederlande) hervorzuheben.

Die 1996 abgehaltene Bruckner Conference in Manchester zog die Gründung des Bruckner Journals sowie eine intensivere Beschäftigung mit Bruckner in Großbritannien nach sich. Alan Crawford Howie gab 2002 eine zweibändige Bruckner-Biografie heraus; 2004 erschien The Cambridge Companion to Bruckner, Dermot Gault beschäftigte sich mit der Achten Symphonie.

Anders als in Europa konzentrieren sich aufgrund des Mangels an Originalquellen die amerikanischen Forscher auf historisch-politische Themen sowie auf theoretische Werkanalysen; Paul Hawkshaw, Timothy Lynn Jackson und Benjamin Marcus Korstvedt widmen sich philologischen Fragen. 1994 fand am Connecticut College das erste amerikanische Bruckner‑Symposion statt.

Die Forschungserkenntnisse der letzten Jahrzehnte sollen in die geplante neue Bruckner-Gesamtausgabe einfließen.

Literatur

ANDREA HARRANDT, ERICH WOLFGANG PARTSCH

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 1.9.2017

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ACDH, Abteilung Musikwissenschaft