‘s-Gravesande (‘s-Gravesande Pannekoek), Hein (Henricus Goverdus)
* 18.4.1916 Voorburg/NL, † 8.6.1970 Maastricht/NL. Dirigent, Komponist.
Hein ‘s-Gravesande, Sohn des Schriftstellers Henricus Goverdus ‘s-Gravesande Pannekoek (1882–1965), bekam zunächst von seinem Onkel, dem Geiger und Musiklehrer Lodewijk Pieter Antoine Boellaard (1866–1940), Musikunterricht. 1935–1938 studierte er am Koninklijke Conservatorium in Den Haag, wo er von Léon Orthel (1905–1985) und Jaap Stotijn (1891–1970) in Klavier, Johan Feltkamp (1896–1962) in Flöte, Thomas Kneifer (1873–1951) in Kontrabass, Alexander Schellevis (1905–1978) und Johannes Andries van Zwaan (1861–1932) in Orgel, Henri Gaerets (1892–1975) in Musiktheorie und Piet van Mever (1899–1985) in Komposition unterrichtet wurde. Anschließend war ‘s-Gravesande als Dirigent bei verschiedenen Organisationen, Instituten und Orchestern tätig: 1936–1944 beim Kammerorchester Lyra Antiqua in Den Haag, 1946–1948 bei den Oratorienvereinigungen in Boskoop und in Den Haag, 1949–1952 bei der Bredase Operetten Vereniging, 1960 bei der Opera Zuid in Maastricht und 1968 beim Männergesangsverein De Mastreechter Staar. Bis in die 1950er Jahre war ‘s-Gravesande als Musiklehrer tätig. 1951 rief er die Kammeroper in Brabant ins Leben. ‘s-Gravensande setzte sich für die Bruckner-Pflege in den Niederlanden ein und arbeitete 1946–1952 als Sekretär für die Niederländische Bruckner-Vereinigung – ob ‘s-Gravesande bereits Mitglied des 1934–1941 aktiven Vorgängervereins (Nederlandsche Brucknervereeniging Amsterdam) war, ist bisher ungeklärt. 1948 und 1965 wurde er mit der Brucknermedaille geehrt.
Wann und durch wen ‘s-Gravesande in Kontakt mit Bruckners Musik kam, ist bisher nicht bekannt. Aufgrund seines Geburtsortes ließen sich spekulativ Verbindungen zu Wilhelmus Ludovicus van Meurs (1853–1911) und dessen Engagement für Bruckner-Aufführungen in Den Haag sowie zu anderen in Den Haag ansässigen Bruckner-Liebhabern ziehen. Ebenso lassen sich in Den Haag in den 1930er und 1940er Jahren nahezu jährlich Aufführungen Brucknerscher Symphonien nachweisen.
Zwischen März und Juni 1969 erarbeitete ‘s-Gravesande eine Komplettierung des Finalsatzes der Neunten Symphonie, deren Grundlage vorwiegend die von Alfred Orel herausgegebene Ausgabe bildete und eine hinzukomponierte Coda am Ende der Choralreprise aufweist. ‘s-Gravesande befasste sich jedoch vermutlich über einen längeren Zeitraum mit dieser Komplettierung, da bereits zuvor verschiedene Fassungen und Ausarbeitungsstadien entstanden waren, die er jedoch vernichtete bzw. zurückzog. Mit ca. 46 nachkomponierten Takten enthält diese Finalsatz-Komplettierung einen eher geringen kompositorischen Eigenanteil unter Auslassung zahlreicher originaler Passagen, sodass mitunter von einer Bearbeitung gesprochen werden kann. Der Vervollständigung von Edward D. R. Neill und Giuseppe Gastaldi (?–?) mit Blick auf den Partiturverlauf ähnelnd, stellt sich ‘s-Gravesande Komplettierung u. a. aufgrund der „Mißachtung [sic] der metrischen Ziffern […] ins Abseits philologischer Glaubwürdigkeit.“ (Übersicht der Aufführungs-Versionen, S. 60). Eine Aufführung dieser Komplettierung fand erst ca. 28 Jahre nach ‘s-Gravesandes Tod am 8.11.1998 im Rahmen des Symposiums De onvoltooiden – Die Unvollendeten im Dr.-Anton-Philipszaal in Den Haag unter der Leitung von Wim Bredenhorst (1944-2001) mit dem Viotta Jeugd Orkest statt.
In seinem Nachlass, der im Nederlandse Muziek Institut in Den Haag aufbewahrt wird, finden sich neben der Partitur seiner Finalsatz-Komplettierung auch einige weitere Abschriften von Werken Bruckners.
Werke
- Orchesterwerke (Symphonien, Suiten, Ouvertüren)
- Opern
- Kammermusik
- 2 Messen
- 1 Requiem
- Lieder
- Klavierwerke
- Orgelwerke
Literatur
- Benjamin-Gunnar Cohrs und John Alan Phillips, Übersicht der Aufführungs-Versionen des Finale-Fragments, in: Heinz-Klaus Metzger/Rainer Riehn (Hg.), Bruckners Neunte im Fegefeuer der Rezeption (Musik-Konzepte 120/121/122). München 2003, S. 51–74
- ABCD
- Cornelis van Zwol, „De onvoltooiden – Die Unvollendeten“ – Eine „Bruckner“-Premiere in Den Haag, in: IBG-MitteilungsblattMitteilungsblatt der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Studien & Berichte. Hg. v. der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1971ff. Nr. 51 (Dezember 1998), S. 22f.
- https://www.muziekencyclopedie.nl [27.7.2021]
- http://voormalig.nederlandsmuziekinstituut.nl [27.7.2021]