Neill, Edward
* 1929 Florenz/I, † 15.5.2001 Genua/I. Musikkritiker.
Nach seinem Studium in Genua und in London beschäftigte sich Edward Neill zunächst mit Ethnomusikologie und erforschte den ligurischen „Trallalero“-Gesang. Später spezialisierte er sich auf Komponisten und Violinisten des 19. Jahrhunderts, allen voran Niccolò Paganini (1782–1840). Am 9.3.1956 rief er gemeinsam mit Luigi Bellingardi (1929–2020), Angiolina Peirano (?–?) und Gianni Speich (?–?) die Associazione Italiana Anton Bruckner (siehe Bruckner-Gesellschaften) in Genua ins Leben. 1958 publizierte diese mehrere Aufsätze unter dem Titel „'Anton Bruckner' Symposium“. Ein Zweigverein formte sich in Rom unter dem Gründungsmitglied Bellingardi. Durch das Engagement der italienischen Bruckner-Assoziation wurden in Italien mehrere Werke Bruckners aufgeführt sowie auf Schallplatten eingespielt.
Neill vervollständigte gemeinsam mit Giuseppe Gastaldi (?–?) den Finalsatz der Neunten Symphonie Bruckners, wobei diese Komplettierung nie zur Aufführung gelangte. Ihre Vervollständigung verstehen sie „[…] weder als ein Arrangement noch als eine Transkription, sondern als eine Realisation des Textes von Bruckner.“ (Notre realization du finale de la 9 symphonie, S. 263; Übersetzung Redaktion). Die musikalische Struktur der Komplettierung lehnt sich dabei an die von Alfred Orel herausgegebene Ausgabe an und umfasst insgesamt 439 Takte. Neben Kürzungen des durch Bruckner überlieferten Notentextes weist dieser Komplettierungsversuch zudem zahlreiche neuorchestrierte Passagen – teils Umorchestrierungen, teils Stimmverdopplungen sowie Orchester-Unisoni – auf, so z. B. sind in den Takten 226–230 zwei Oboen, in den Takten 240–245 ein zweites Fagott und in Takt 301 eine Oboe und eine Klarinette hinzugefügt, in Takt 242 die Streicher durch die Trompeten gedoppelt oder in Takt 60–73 das Orchester analog zur Melodie der ersten Violine unisono geführt. Trotz vorliegender Tempobezeichnungen und Artikulationsangaben verzichten Neill und Gastaldi überwiegend auf deren Übernahme aus dem Original. Die offensichtlichen Leerstellen der überlieferten autografen Partitur werden nur in den seltensten Fällen tatsächlich rekonstruiert, sondern zumeist übersprungen. Ausnahme bildet die nach der Exposition gestaltete 18-taktige Auffüllung der Reprise der Gesangsperiode.
Schriften
- (Hg.), Anton Bruckner. Simposium a cura dell’associazione italiana. Genua 1958
- Bruno e Bruckner, in: Disclub 2 (1964) H. 9, S. 35
- Bruckner e la critica, in: Disclub 2 (1964), H. 10, S. 19–22
- Discografia bruckneriana, in: Disclub 10 (1964), S. 22–30
- Anton Bruckner, in: Lo spettatore musicale 5 (1967) H. 10–11, S. 25–26
- Bruckner e Mahler, in: Rassegna Musicale Curci 23 (1970) H. 1, S. 11–16
- Notre realization du finale de la 9 symphonie, in: Paul Gilbert-Langevin, Anton Bruckner. Apogée de la symphonie. Lausanne 1977, S. 261–264
- Niccolò Paganini. Genua 1978
- 25 Jahre italienische Bruckner-Gesellschaft, in: Mitteilungsblatt 20 (1981), S. 20–22
- Tätigkeitsbericht der Associazione Italiana Bruckner, in: Bruckner Jahrbuch 1981, S. 239
- Catalogo della mostra paganiniana. Genua 1982
- Paganini. Epistolario. Genua 1982
- Nicolò Paganini. Il cavaliere di filarmonico. Genua 1990
- Paganini. Il registro di lettere 1829. Genua 1991
Literatur
- Zwol, Cornelis van, Der Finalsatz der Neunten Symphonie Anton Bruckners, in: Bruckner Jahrbuch 1987, S. 33
- Roundtable: Zum Finale der Neunten Symphonie, in: Bruckner-Symposium 1996, S. 189–210
- John Alan Phillips, Bruckner’s Ninth Revisited: Towards the Re-Evaluation of a Four-Movement Symphony. Diss. Adelaide 2002, S. 265–266
- Benjamin-Gunnar Cohrs/John Alan Philips, Übersicht der Aufführungs-Versionen des Finale-Fragments, in: Heinz-Klaus Metzger/Rainer Riehn (Hg.), Bruckners Neunte im Fegefeuer der Rezeption (Musik-Konzepte 120/121/122). München 2003, S. 50–74
- Benjamin-Gunnar Cohrs, Das Finale der IX. SinfonieBenjamin-Gunnar Cohrs, Das Finale der IX. Sinfonie von Anton Bruckner. Geschichte, Dokumente, Werk, Präsentation des Fragments (Wiener Bruckner-Studien 3). Wien 2012 von Anton Bruckner. Geschichte – Dokumente – Werk – Präsentation des Fragments (Wiener Bruckner-Studien 3). Wien 2012, S. 66
- http://www1.adnkronos.com/ [10.11.2021]
- http://www.premiopaganini.it [10.11.2021]