Niederlande (Rezeption)

Genau fünf Monate nach Bruckners 60. Geburtstag wurde in den Niederlanden zum ersten Mal eine Bruckner-Symphonie aufgeführt: Es war die im Verlag Rättig gedruckte Dritte Symphonie, die am 4.2.1885 in Den Haag ihre Erstaufführung erlebte. Johannes Verhulst (1816–1891) dirigierte sie im 5. Diligentia Concert im Gebouw voor Kunsten en Wetenschappen. Verhulst war eher Johannes Brahms-Anhänger und lehnte die Kompositionen Richard Wagners und Franz Liszts energisch ab. Er leitete später nie wieder ein Werk Bruckners; zudem beendete er schon 1886 seine Dirigentenlaufbahn. Ihm folgte Richard Hol (1825–1904), um die „moderne“ Musik – und dazu zählte auch Bruckner (Neudeutsche Schule) – zu dirigieren. Es stand am 17.2.1886 wieder die Dritte Symphonie auf dem Programm. Diese wurde drei Tage später in Utrecht wiederholt.

Daniel de Lange (1841–1918) dirigierte am 15.10.1885 in Amsterdam erstmals die Dritte Symphonie und am 18.11.1886 beim 97. Caecilia Concert ebenfalls in Amsterdam die niederländische Erstaufführung der Siebenten Symphonie. Im Amsterdamer Concertgebouw, das 1888 mit Werken von Wagner, Georg Friedrich Händel (1685–1759), Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven eröffnet wurde, ist die Bruckner-Pflege dank mehrerer Chefdirigenten – Willem Kes (1856–1934), Willem Mengelberg (1871–1951), Eduard van Beinum und Bernard Haitink – fast ungebrochen.

Zu Lebzeiten Bruckners gab es vereinzelte Aufführungen: Henri Viotta (1848–1933) – er gründete 1904 das Residentie Orkest Den Haag – dirigierte am 3.12.1891 Bruckners Te Deum und Hector Berlioz‘ Romeo et Juliette; W. Kes leitete am 13.10.1892 die Dritte Symphonie; R. Hol nahm am 21.12.1892 bei einem Diligentia Concert mit dem (ab 1988 Königlichen) Concertgebouw Orkest die Dritte ins Programm auf. Von 1885 bis zum Tod Bruckners führten außerdem Verhulst und De Lange Bruckner-Werke auf.

Mengelberg dirigierte seine erste Bruckner-Aufführung erst am 11.11.1897, wobei es sich um die niederländische Erstaufführung der Vierten Symphonie handelte. Am 8.12.1897 folgte eine Wiederholung der Vierten in Den Haag unter der Leitung von R. Hol. Im 20. Jahrhundert wurden zahlreiche neue Orchester in den Niederlanden gegründet, die allesamt in jeder Saison mindestens eine Bruckner-Symphonie aufführten. Neben Amsterdam sei vor allem Utrecht erwähnt, wo das Utrechts Symfonie Orkest bis zu seiner Auflösung 1985 eine imposante Bruckner-Tradition aufbaute.

Bei den Provinz-Orchestern profilierte sich in jüngerer Zeit vor allem Het Gelders Orkest in der Ära Martin Sieghart (erst als Gast- später als Chefdirigent) mit Bruckner-Aufführungen. Auch Lawrence Renes (* 1970) setzte sich für Bruckner-Symphonien ein und dirigierte 1999 z. B. die Neunte Symphonie in der vierteiligen Aufführungsfassung von Samale-Phillips-Cohrs-Mazzuca. Die Amsterdamer Bruckner-Tradition wurde auf zahlreichen Aufnahmen (später auch auf CD) festgehalten, beispielsweise von Beinum (mit der Fünften, Siebenten, Achten und Neunten) sowie Haitink und Riccardo Chailly (mit allen Symphonien) mit dem Concertgebouw Orkest.

Auf Initiative von Cornelis van Zwol wurden im November 2019 die frühen Fassungen der Achten (Sieghart), Vierten (Nicholas Collon [* 1983]) und Dritten Symphonie (Claus Peter Flor [* 1953]) aufgeführt.

Literatur

CORNELIS VAN ZWOL

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 14.9.2020

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ACDH, Abteilung Musikwissenschaft