Kirche in Österreich im 19. Jahrhundert

Im „Vormärz“, d. h. in der Zeit zwischen Wiener Kongress (1814/15) und Märzrevolution 1848, dauerte das – zunehmend milder gehandhabte – josephinische Staatskirchentum einerseits weiter an, andererseits begann sich eine kirchliche Restauration und Emanzipation abzuzeichnen. Als Wegbereiter dieser Bewegung gelten Bischöfe Gregorius Thomas Ziegler (1770–1852; 1827–1852) von Linz, Jakob Frint (1766–1834; 1827–1834) bzw. Michael Johann Wagner (1788–1842; 1835–1842) von St. Pölten und Roman Sebastian Zängerle (1771–1848) von Seckau (1824–1848), während sich der Wiener Erzbischof Vincenz Eduard Milde (1777–1853; 1831–1853) eher noch als Staatsdiener empfand. Die Revolution von 1848 brachte das absolutistische System zum Einsturz und gab auch der Kirche die Möglichkeit, die neu erlangten Freiheiten (Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit) zu nützen. Schon 1848 entstanden z. B. in Wien die Wiener Kirchenzeitung und in Linz das Volksblatt für Religion und Gesetz (seit 1849 Katholische Blätter) sowie die Theologisch-praktische Quartalschrift; der Katholikenverein und andere kirchliche Vereine wurden gegründet.

Die Ära des Neoabsolutismus begann mit der Überwindung der Revolution im Oktober 1848 und endete mit der Verabschiedung der Verfassung von 1861. Die kirchlichen Freiheiten, für welche sich im Sinne der Beseitigung der letzten Reste des Staatskirchentums als erster Bischof in Österreich G. Th. Ziegler von Linz energisch eingesetzt hatte, waren in dieser Zeit nicht mehr wirklich gefährdet. 1849 wurde erstmals in Österreich eine Bischofsversammlung (Bischofskonferenz) einberufen, allerdings noch durch den Innenminister. Die damals erhobenen Forderungen wurden mit den Aprilverordnungen von 1850 größtenteils erfüllt, so durfte z. B. die österreichische Kirche wieder frei mit Rom verkehren, die josephinische Gottesdienstordnung wurde aufgehoben, und die bis dahin bestehenden staatlichen Studienanstalten für Theologie wurden der Kirche überantwortet (Diözesanlehranstalten unter Aufsicht des jeweiligen Bischofs). Seit dieser Zeit begann sich eine blühende Volkskirche zu entwickeln. Diese manifestierte sich in Exerzitien, Volksmissionen (durchgeführt v. a. von Jesuiten und Redemptoristen) und in neuen Frömmigkeitsformen (Maiandachten, Herz-Jesu- und Herz-Mariä-Verehrung). Das Ordenswesen erfuhr eine neue Wertschätzung; es entstanden zahlreiche neue Niederlassungen, v. a. weiblicher Gemeinschaften, und die 1848 aus Graz, Linz und Innsbruck vertriebenen Jesuiten konnten wieder zurückkehren. Das katholische Selbstbewusstsein wurde durch Vereine und Katholikentage gestärkt (der Allgemeine Deutsche Katholikentag fand 1850 erstmals in Österreich, und zwar in Linz, statt). Der neuen Stellung der katholischen Kirche trug das 1855 zwischen Österreich und dem Hl. Stuhl abgeschlossene Konkordat Rechnung; an dessen Entstehung war der Wiener Erzbischof Joseph Othmar von Rauscher (1797–1875; 1853–1875) federführend beteiligt. Da der Vertrag, der eine „Ehe von Thron und Altar“ in die Wege leitete, die katholische Kirche außerordentlich begünstigte, liefen die liberalen Kräfte von Anfang an dagegen Sturm. Auch die evangelische Kirche, die durch die Revolution von 1848 einigen Auftrieb erhalten hatte, erblickte im Konkordat einen schweren Rückschlag.

Mit der durch das Februarpatent vom 26.2.1861 eingeleiteten konstitutionellen Ära wurde der Weg zur Demokratie zaghaft beschritten. Das sehr eingeschränkte Wahlrecht begünstigte die besitzende Klasse und damit das liberale Element. Jedoch erhielten die Fürsterzbischöfe Sitz und Stimme im Herrenhaus des Reichsrates und die Diözesanbischöfe im jeweiligen Landtag, ohne gewählt werden zu müssen (Virilstimmen). Sie hatten dadurch Gelegenheit, die Anliegen der Kirche zu vertreten, wuchsen aber auch hinein in den später so verpönten „politischen Katholizismus“.

Mit dem Protestantengesetz vom 8.4.1861 wurde die grundsätzliche Gleichberechtigung von evangelischen Christen und Katholiken ausgesprochen; das Staatsgrundgesetz vom 21.12.1867 relativierte die Vorrechte der katholischen Kirche zusätzlich. Die drei „Maigesetze“ von 1868 höhlten das Konkordat aus und unterstellten die Ehegerichtsbarkeit und die Schule dem Staat; allen Staatsbürgern ab dem 14. Lebensjahr wurde die Wahl des Religionsbekenntnisses freigestellt. Gegen diese Gesetze erhob sich ein starker katholischer Widerstand, als dessen Exponent der Linzer Bischof Franz Joseph Rudigier gilt. Die teils sehr heftigen Auseinandersetzungen führten einerseits zur Sammlung und Mobilisierung der katholischen Kräfte (in Oberösterreich z. B. 1869 Gründung des Linzer Volksblattes und 1870 des Katholischen Volksvereins als Gegenkraft zum Liberal-politischen Verein), andererseits brachte der Sturm gegen das Konkordat dieses zu Fall. Es wurde 1870 von Österreich einseitig aufgekündigt mit der Begründung, der Vertragspartner sei durch die auf dem Ersten Vatikanischen Konzil erfolgte Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit „ein anderer“ geworden. Das katholisch-konservative Lager wurde durch solche Agitationen gestärkt und konnte längerfristig die liberale Vorherrschaft brechen. Das Erste Vatikanische Konzil hatte freilich auch die Gründung der altkatholischen Kirche zur Folge; schon 1871 kam es zu Gemeindebildungen in Wien und Ried im Innkreis.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die „soziale Frage“, die schon von den frühen Katholikentagen aufgegriffen worden war und der beim Katholikentag in Wien 1889 bereits ein hoher Stellenwert eingeräumt wurde, zunehmend deutlicher wahrgenommen. Um Männer wie Karl von Vogelsang (1818–1890), Aloys Prinz von und zu Liechtenstein (1846–1920) und Prälat Franz Martin Schindler (1847–1922) entstand schließlich eine christlich-soziale Reformbewegung, der die Sozialenzyklika Rerum novarum des Papstes Leo XIII. von 1891 zusätzlichen Auftrieb gab. Aus dieser Bewegung ging die Christlichsoziale Partei hervor (1895). Seit ihrer Gründung war das katholische Lager freilich politisch gespalten, bis sich 1907 die Katholisch-Konservativen mit den Christlichsozialen vereinten.

Literatur
  • Karl Eder, Der Liberalismus in Altösterreich. Geisteshaltung, Politik und Kultur (Wiener historische Studien 3). Wien–München 1955
  • Ernst Tomek, Kirchengeschichte Österreichs. Bd. 3: Das Zeitalter der Aufklärung und des Absolutismus. Innsbruck–Wien–München 1959, S. 513–713
  • Josef Wodka, Kirche in Österreich. 2. Bde. Wien 1959
  • Erika Weinzierl, Die österreichischen Konkordate von 1855 und 1933. Wien 1960
  • Eduard Hosp, Kirche Österreichs im Vormärz 1815–1850 (Forschungen zur Kirchengeschichte Österreichs 9). Wien–München 1971
  • Karl Vocelka, Verfassung oder Konkordat? Der publizistische und politische Kampf der österreichischen Liberalen um die Religionsgesetze des Jahres 1868 (Studien zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie 17). Wien 1978
  • Gustav Reingrabner, Protestanten in Österreich. Wien–Graz 1981
  • Harry Slapnicka, Oberösterreich unter Kaiser Franz Joseph (1861–1918) (Beiträge zur Zeitgeschichte Oberösterreichs 8). Linz 1982
  • Harry Slapnicka, Christlichsoziale in Oberösterreich. Vom Katholikenverein 1848 bis zum Ende der Christlichsozialen 1934 (Beiträge zur Zeitgeschichte Oberösterreichs 10). Linz 1984
  • Adam Wandruszka/Helmut Rumpler (Hg.), Die Habsburgermonarchie 1848–1918. Bd. 4: Die Konfessionen. Wien 1985
  • Siegfried Haider, Geschichte Oberösterreichs (Geschichte der österreichischen Bundesländer). Wien 1987, S. 235–338
  • Rudolf Zinnhobler (Hg.), Bischof Franz Joseph Rudigier und seine Zeit. Linz 1987
  • Gottfried Mayer, Österreich als „Katholische Großmacht“. Ein Traum zwischen Revolution und liberaler Ära (Studien zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie 24). Wien 1989
  • Rudolf Zinnhobler, Das Bistum Linz zwischen Spätjosephinismus und Liberalismus, in: Staat – Kirche – SchuleHarry Slapnicka u. a., Staat – Kirche – Schule in Oberösterreich. Zu Anton Bruckners sozialhistorischem Umfeld. Mit einem Beitrag über das Orgelspiel des jungen Bruckner (Anton Bruckner. Dokumente und Studien 10). Wien 1994, S. 33–58
  • Hugo Hantsch, Die Geschichte Österreichs. Bd. 2: 1648–1918. 4. durchges. u. erg. Aufl. Graz–Wien 1994, S. 316–456
  • Maximilian Liebmann, Von der Dominanz der katholischen Kirche zu freien Kirchen im freien Staat — Vom Wiener Kongreß 1815 bis zur Gegenwart, in: Herwig Wolfram (Hg.), Österreichische Geschichte. Geschichte des Christentums in Österreich. Von der Spätantike bis zur Gegenwart. Wien 2003, S. 361–456, bes. S. 361–393
  • Rupert Klieber, Nur eine „schöne Leich‘“? Katholische Kirche und Katholizismus im liberalen Vor-Lueger-Wien, in: Bruckners MessenElisabeth Maier/Erich Wolfgang Partsch (Hg.), Anton Bruckners Messen. Bericht über die Tagung Wien, 29. und 30. April 2010 (Wiener Bruckner-Studien 5). Wien 2013, S. 21–31

RUDOLF ZINNHOBLER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 1.9.2017

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