Rudigier, Franz Joseph

* 7.4.1811 Partenen, Vorarlberg/A, † 29.11.1884 Linz, Oberösterreich/A. Geistlicher.

Achtes und jüngstes Kind einer armen Familie. Der Vater war Kleinbauer, Mauteinnehmer und Schuhmacher. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Innsbruck (1825–1831) Studium der Theologie am Priesterseminar in Brixen, hier am 12.4.1835 zum Priester geweiht. Nach drei Jahren als Benefiziat in Vandans bzw. Bürs Doktoratstudium am Höheren Priesterbildungsinstitut St. Augustin in Wien, vor dessen Abschluss ihn sein Bischof Bernhard Galura (1764–1856) 1839 zum provisorischen und 1841 zum definitiven Professor der Kirchengeschichte und des Kirchenrechtes in Brixen ernannte; schon 1842 musste er jedoch das Fach Moraltheologie und 1843 auch noch Erziehungskunde übernehmen. 1845 berief ihn der Kaiser zum Spiritualdirektor von St. Augustin in Wien. 1848 übernahm Rudigier die Propsteipfarre Innichen, 1850 wurde er Regens am Priesterseminar und Domherr in Brixen. Die Ernennung zum Bischof von Linz durch Kaiser Franz Joseph I. erfolgte am 19.12.1852 (Bischofsweihe in Wien 5.6., Inthronisation in Linz 12.6.1853).

Zunächst widmete sich Rudigier ganz der Seelsorge. Nach der Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Mariens (1854) beschlossen Rudigier und sein Domkapitel 1855 den Bau einer neuen Kathedrale mit diesem Patrozinium (Neuer Dom). Die Grundsteinlegung des monumentalen neugotischen Baues erfolgte 1862, die Weihe der Votivkapelle 1869. Für beide Anlässe schuf Bruckner, den Rudigier im Spätherbst 1855 zum Domorganisten in Linz bestellt hatte, die Festkantate bzw. die Messe in e‑Moll. Rudigier, der das Orgelspiel Bruckners überaus schätzte, gewährte diesem auch die nötigen Studienurlaube zur Weiterbildung bei Simon Sechter in Wien und ließ ihn 1867 anlässlich einer Nervenkrise (Bad Kreuzen) fürsorglich betreuen.

Dem 1861 konstituierten Oberösterreichischen Landtag, in dem die Liberalen die Mehrheit besaßen, gehörte der Bischof von Amts wegen an (Virilstimme). Durch das mit dem Hl. Stuhl abgeschlossene österreichische Konkordat von 1855 wurden die Vorrechte der katholischen Kirche so stark betont, dass es in der Folge zu heftigen Konflikten mit den damals erstarkenden liberalen Kräften kam. Die Maigesetze von 1868 vertraten in der Ehe-, Schul- und Konfessionsfrage die Standpunkte der Liberalen. Bischof Rudigier rief mit seinem Hirtenbrief vom 7.9.1868 zum Widerstand gegen diese Gesetze auf. Das Hirtenschreiben wurde beschlagnahmt, der Bischof am 12.7.1869 vor Gericht geführt und — wegen des „versuchten Verbrechens der Störung der öffentlichen Ruhe“ (Linzer Tages-Post 13.7.1869, S. 1) — zu zwei Wochen Kerkerhaft verurteilt; schon tags darauf wurde er aber vom Kaiser begnadigt. Die einseitige Aufkündigung des Konkordates durch die Regierung (1870) veranlasste Rudigier erst recht, an seinen Positionen festzuhalten, auch als längst ein Ausgleich fällig gewesen wäre, der erst seinem Nachfolger, Bischof Ernest Maria Müller, gelang. Es darf aber nicht übersehen werden, dass Rudigier in der Auseinandersetzung mit den Liberalen zum Volksbischof wurde. Er leistete einen entscheidenden Beitrag zum Entstehen einer katholischen Volksbewegung (1870 Gründung des Katholischen Volksvereins als Gegenstück zum Liberalpolitischen Verein für Oberösterreich) und zu einem katholischen Pressewesen (Pressverein, Linzer Volksblatt).

1872 errichtete Rudigier eine Sängerkapelle an der Votivkapelle des Neuen Domes. Der 1875 konstituierte Oberösterreichische Cäcilienverein (OÖCV, Cäcilianismus) wurde durch Bischof Rudigier nachhaltig gefördert.

Beim feierlichen Requiem für Bischof Rudigier am 3.12.1884 spielte Bruckner die Orgel.

Während seiner 31-jährigen Regierungszeit nahm Rudigier 835 Pfarrvisitationen vor und erließ 48 Hirtenschreiben. Er leistete ein großes Aufbauwerk durch die tatkräftige Unterstützung der katholischen Presse, Vereine, Schulen und Orden; von diesen wurden unter ihm 66 neue Niederlassungen in der Diözese eröffnet. In besonderer Weise sorgte sich der Bischof um den Priesternachwuchs und die Priesterfortbildung. Er förderte die Exerzitienbewegung und die Volksmissionen sowie die Marienverehrung, was im Bau des Mariendomes und der Einführung der Maiandachten zum Ausdruck kommt.

Persönlich zeichnete sich Rudigier durch eine bescheidene Lebensführung aus. In den kirchenpolitischen Konflikten seiner Zeit erwies er sich als ein Mann der Konsequenz, dem die Sammlung der katholischen Kräfte gelang, der aber nicht immer über die nötige Anpassungsfähigkeit verfügte. 1895 wurde für den Bischof das Seligsprechungsverfahren eingeleitet; der heroische Tugendgrad wurde von Papst Benedikt XVI. am 3.4.2009 zuerkannt.

Schriften
  • Franz Joseph […] Bischof von Linz […] entbietet allen Gläubigen seines Bistums Heil und Segen in unserm Herrn Jesu Christo die 40tägige Vorbereitungszeit auf das Osterfest. Linz 1856ff.
  • Letzte Rede des † hochwürdigsten Herrn Bischofs Rudigier gehalten am 21. Oktober 1884 in der General-Versammlung des katholischen Volksvereines in Linz. Salzburg 1884
  • Politische Reden. Mit einem Anhang hg. v. Franz Doppelbauer. Linz 1889
Literatur
  • [Linzer] Tages-Post 13.7.1869, S. 1
  • Konrad Meindl, Leben und Wirken des Bischofes Franz Joseph Rudigier von Linz. 2 Bde. Linz 1891–1892
  • Balthasar Scherndl, Der ehrwürdige Diener Gottes Franz Josef Rudigier, Bischof von Linz. Linz 1913
  • Hermann Bahr, Rudigier. Kempten–München 1916
  • Harry Slapnicka, Bischof Rudigier. Eine Bildbiographie. Linz 1961
  • Rudolf Zinnhobler (Hg.), Die Bischöfe von Linz. Linz 1985
  • Franz Zamazal, Der Bischof und sein Organist – Die Beziehungen zu Anton Bruckner, in: Rudolf Zinnhobler (Hg.), Bischof Franz Joseph Rudigier und seine Zeit. Linz 1987, S. 157–165
  • Rudolf Zinnhobler, Rudigier Franz Joseph, in: Erwin Gatz (Hg.), Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder. Bd. 1: 1785/1803 bis 1945. Berlin 1983, S. 634–637
  • F. J. Rudigier. Mensch, Bischof, Politiker. Ausstellung, 13. Mai – 14. Juli 1991, Stadtmuseum Nordico (Katalog des Stadtmuseums Nordico 55). Linz 1991
  • Rudolf Zinnhobler, Der politische Aspekt im Wirken des Linzer Bischofs Franz Joseph Rudigier (1853–1884), in: Herbert Schambeck/Rudolf Weiler (Hg.), Der Mensch ist der Weg der Kirche. Festschrift für Johannes Schasching. Berlin 1992, S. 429–443
  • Rudolf Zinnhobler (Hg.), Auf den Spuren Bischof Rudigiers (1811–1884). Linz 1992
  • Norbert Maria Borengässer, Art. „Rudigier Franz Joseph“, in: Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon 8 (1994), S. 923–926
  • Rudolf Zinnhobler, Der Linzer Bischof Franz Joseph Rudigier. Der geistliche Aspekt in seinem Leben und Wirken, in: Jan Mikrut (Hg.), Faszinierende Gestalten der Kirche Österreichs 2 (Wien 2001), S. 233–263
  • Rudolf Zinnhobler, Bischof Franz Joseph Rudigier als Förderer der Marienverehrung, in: Festschrift 90 Jahre Karl Wolfsgruber, 70 Jahre Josef Gelmi (Der Schlern 81 [2007], 5/6), S. 166–177 [mit erstmals veröffentlichtem Originalfoto der Grundsteinlegung des Neuen Domes in Linz am 1.5.1862]
  • Dom- und StadtpfarrorganistElisabeth Maier, Anton Bruckner als Linzer Dom- und Stadtpfarrorganist. Aspekte einer Berufung. Mit einem Beitrag von Ikarus Kaiser (Anton Bruckner. Dokumente und Studien 15). Wien 2009, bes. S. 33–36, 40–43
  • Harry Slapnicka, Art. „Rudigier, Franz Josef“, in: www.biographien.ac.at [9.1.2019]
  • www.heiligenlexikon.de/BiographienF/Franz_Joseph_Rudigier.html [9.1.2019]

RUDOLF ZINNHOBLER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 9.1.2019

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Normdaten (GND)

Rudigier, Franz Joseph: 118750135

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