Wien

An der Donau gelegene österreichische Bundeshauptstadt (vormals Reichshaupt- und Residenzstadt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, des österreichischen Kaiserstaates bzw. der österreichisch-ungarischen Monarchie), seit 1921 zugleich eines der neun Bundesländer Österreichs. 1850, 1890/92 und 1904/06 sukzessiver Zusammenschluss der Vorstädte und -orte mit der Stadt (1. Bezirk); weitere Gebiete wurden vor allem 1938 eingemeindet (Groß-Wien, Nationalsozialismus) und 1954 nur teilweise wieder abgetrennt. Wien ist seit 1954 in 23. Gemeindebezirke gegliedert. Vielfältiges Kulturleben mit zahlreichen Museen, Galerien, Bühnen, Konzerthäusern und Festivals. Sitz der Wiener Philharmoniker, Wiener Symphoniker und Wiener Sängerknaben. Seit 1365 Universitätsstadt. 1869: Stadt: ca. 63.000, inkl. Vorstädte: ca. 632.000, heutiges Stadtgebiet: ca. 900.000; 2019: ca. 1,9 Mio. EW.

Als Bruckner 1868 in der Währingerstraße 41 seine erste Wiener Wohnung bezog, erlebten das Kaiserreich und die Residenzstadt turbulente Zeiten. Zwei Jahre zuvor hatte die Niederlage gegen Preußen in der Schlacht bei Königgrätz (Hradec Králové/CZ) Österreich zutiefst gedemütigt und alle Träume auf eine Wiedererrichtung eines Deutschen Reiches unter habsburgischer Führung beendet. Das reiche Venetien war an die italienische Einigungsbewegung verlorengegangen. Ungarn knüpfte seinen weiteren Verbleib in der Donaumonarchie an harte Bedingungen und setzte sich 1867 durch: Aus dem Kaisertum Österreich wurde die Doppelmonarchie Österreich‑Ungarn. Neben die Hauptstadt Wien trat nun gleichberechtigt die rivalisierende zweite Haupt‑ und Residenzstadt Budapest (Zeitgeschichte).

Die Niederlage von Königgrätz 1866 brachte aber auch die neue liberale Verfassung von 1867 und die gesetzliche Verankerung der Gleichberechtigung aller Bürger der Monarchie, gleich welcher Religion und Muttersprache – was auch die jüdische Bevölkerung miteinschloss und zu großen Leistungen antrieb. In Wien wie in ganz Österreich‑Ungarn begann das Zeitalter des Liberalismus. Das Bürgertum gewann gegenüber der bisher allein maßgebenden Aristokratie an Einfluss, auch als Kunstmäzene (Mäzene).

Äußerlich befand sich Wien in einer allgemeinen Umorientierung: Die ganze Stadt war eine Baustelle. Die Ringstraße, das „Denkmal“ der neuen Schicht der kapitalkräftigen Großbürger und Industriellen, war in vollem Bau. Eine Fülle neuer Ringstraßenpaläste, neuer Ämter und Behörden, Schulen und Parks entstand auf dem riesigen Gelände der abgebrochenen Stadtmauern und des Glacis. Jährlich bekam Wien ein anderes Gesicht, jeweils geprägt durch die repräsentativen Bauten: 1869 wurde die neue Hofoper am Ring eröffnet, im Jahr darauf das Musikvereinsgebäude, in dessen Goldenem Saal Richard Wagner 1872 ein großes Konzert gab, 1877 die Börse und die Kunstakademie, 1879 die Votivkirche, 1883 das Rathaus und das Parlament, 1884 das Universitätsgebäude, 1888 das Burgtheater, 1891 das Kunst‑ und das Naturhistorische Museum, 1893 der Michaelertrakt der Hofburg – und vieles andere.

Aber schon 1873, mit dem spektakulären Börsenkrach nach der so wenig erfolgreichen Weltausstellung Wien 1873, begann der Niedergang des Liberalismus, verbunden mit einem starken Antikapitalismus und Antisemitismus.

Wien wuchs unaufhaltsam weiter: Die Eingemeindung von 43 Vororten 1890 verdoppelte die Einwohnerzahl und brachte neue Probleme mit sich, von der nötigen Modernisierung des Verkehrswesens bis hin zum Bau neuer Schulen, Spitäler, des Zentralfriedhofs, der neuen Hochquellwasserleitung und ähnlicher Erfordernisse einer modernen Großstadt. Die Nationalitätenprobleme wuchsen mit der großen Zuwanderung notwendiger Arbeitskräfte, vor allem von Tschechen und Ostjuden.

Als Bruckner im Kustodentrakt des Belvedere 1895 sein Ausgedinge fand, neigte sich die liberale Ära ihrem Ende zu. Der Stern des Volkstribunen Karl Lueger (1844–1910) war im Aufgehen. Die Nationalitätenkämpfe wurden von Jahr zu Jahr gefährlicher, die Regierungen instabiler, der Glaube an die Zukunft des Vielvölkerreichs war erschüttert. Die k. u. k. Monarchie überlebte den Komponisten Bruckner nur um etwas mehr als zwei Jahrzehnte.

Bereits 1858–1861 hielt sich Bruckner jeweils für mehrere Wochen im Jahr in Wien auf, als er bei Simon Sechter Unterricht in Musiktheorie nahm. Das Quartier, das er im Rahmen dieser Ausbildung bezog, vermittelte stets Rudolf Weinwurm, der damals in Wien Jus studierte und ab 1858 den Wiener Akademischen Gesangverein leitete. Den Weggang aus Linz zog Bruckner schon 1861 in Betracht. Seine Bewerbungen beim Dom-Musik-Verein in Salzburg (1861), um die Stelle des exspektierenden Hoforganisten in Wien (1862) sowie als Lehrer für musikalische Komposition an der Universität Wien (1867) blieben zwar vorerst erfolglos, seine Zielstrebigkeit brachten ihm aber schließlich Anstellungen am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, als (exspektierender) k. k. Hoforganist, als Vizearchivar der Hofmusikkapelle, an der Lehrerbildungsanstalt St. Anna und an der Universität Wien ein. Neben seiner Lehrtätigkeit an den genannten Wiener Instituten erteilte er – wie auch schon in seinen Wirkungsstätten in Oberösterreich – außerdem Privatunterricht (Schülerinnen und Schüler). Als Hoforganist versah er Orgeldienste an den Wiener Kirchen St. Stephan, St. Augustin sowie an der Hofburgkapelle und war bei Kollaudierungen neuer Orgeln als Gutachter bestellt. Die wenige Freizeit nutzte er zum Komponieren. Spätabends verbrachte er gesellige Stunden in Wiener Gasthäusern (z. B. Gause, Riedhof, Schweizerhaus) oder Kaffeehäusern (Café Griensteidl), wo er die medizinischen Gesprächsthemen einer Ärzte-Runde aufmerksam verfolgte (Göll.-A. 4/2, S. 18–31, Bericht von Alexander Fraenkel) oder seine Studenten und Schüler traf, von denen einige bald zu seinem Freundeskreis zählten und als Bearbeiter oder Dirigenten für Bruckners Werke eintraten. Mit dem Kanon „Heut kommt ja Freund Klose zum Gause“ lud Bruckner 1889 Friedrich Klose ein, ihm am Abend Gesellschaft zu leisten. Begegnungen oder gar Diskursen mit Hans Guido von Bülow oder Johannes Brahms entzog er sich nach Möglichkeit (Stradal, S. 857).

Nach seiner Übersiedlung nach Wien erhielt Bruckner zunächst vom Ministerium für Cultus und Unterricht ein Künstlerstipendium von 500 fl, um sich frei von Geldsorgen ganz dem Komponieren widmen zu können (Finanzen). Seine Einkünfte und Zuwendungen von Gönnern, u. a. Kaiser Franz Joseph I., befreiten ihn allerdings nicht von der Sorge um die Aufführung seiner Werke. Er führte einen regen Briefwechsel mit Kapellmeistern, Dirigenten und Musikkritikern im In- und Ausland, um (Ur-)Aufführungen seiner Symphonien in die Wege zu leiten bzw. sich nach den Erfolgen zu erkundigen. Nicht immer traf sein Œuvre auf Verständnis oder den Geschmack des Publikums bzw. der Presse. Felix Otto Dessoff suchte in der Symphonie in d-Moll vergebens das Thema des Kopfsatzes, woraufhin Bruckner die Symphonie annullierte. U. a. aufgrund seiner glühenden Verehrung Wagners und der Verwendung von Zitaten aus dessen Werk in der Dritten Symphonie drängten die Anhänger der konservativen Partei, zu denen Brahms und Eduard Hanslick gehörten, Bruckner in die Ecke der Neudeutschen Schule.

Der negativen Wiener Kritik (Hanslick, Richard Heuberger, Max Kalbeck), die ihn aus seiner Sicht missverstand und diffamierte, versuchte Bruckner immer wieder mit erfolgreichen Symphonie-Aufführungen außerhalb von Wien entgegenzuwirken. Zu Bruckners Lebzeiten wurden seine Symphonien in Wien entweder nicht komplett (1883 zwei Mittelsätze der Sechsten Symphonie unter Wilhelm Jahn), als Klavierbearbeitung (1884 Siebente, 1887 Fünfte) oder erst nach Umarbeitungen in der 2. Fassung (1877 Dritte – vermutlich stark gekürzt, 1881 Vierte, 1891 Erste – die 1. Fassung war bereits 1868 in Linz erklungen, 1892 Achte – nach einer Klavierbearbeitung im selben Jahr) aufgeführt. Lediglich die Zweite Symphonie erklang in ihrer 1. Fassung im Rahmen der Schlussfeier der Weltausstellung Wien 1873 durch die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Bruckner. Ebenfalls unter Bruckner, anstatt des Hofkapellmeisters Johann Herbeck, der von der aufzuführenden Messe nicht überzeugt war, wurde 1872 die Messe in f-Moll von der Hofmusikkapelle in St. Augustin uraufgeführt und war bis 1885 Teil des liturgischen Repertoires dieses Ensembles. Das 1881 begonnene und 1884 fertiggestellte Te Deum leitete Hans Richter am 10.1.1886 im Wiener Musikvereinssaal; im Mai 1885 gab es bereits eine Aufführung im Wiener Akademischen Wagner-Verein in einer Bearbeitung für zwei Klaviere. Wilhelm Gericke dirigierte im Gesellschaftskonzert vom 13.11.1892 die Uraufführung des Chorwerks Psalm 150, welches eigentlich für die Internationale Ausstellung für Musik- und Theaterwesen gedacht war, aber von Bruckner nicht rechtzeitig fertiggestellt werden konnte. Die Uraufführung des in Wien anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Wiener Männergesang-Vereines entstandenen Chors Helgoland leitete 1893 in der Winterreitschule Eduard Kremser.

Nach Bruckners Tod wurde sein Sarg zur Einsegnung in die Pfarrkirche St. Karl Borromäus (4. Bezirk) gebracht, anschließend erfolgte die Überführung nach St. Florian (Begräbnis). In Wien erinnern zahlreiche Gedenktafeln an Bruckners Lehrtätigkeit an der Universität Wien, an seine Orgelprüfung in der Piaristenkirche, oder an seine Wohnungen (z. B. Belvedere). Teile von Bruckners Nachlass sind weltweit verstreut; einige Handschriften vermachte er testamentarisch der Hofbibliothek (Österreichische Nationalbibliothek), weitere Bruckner-Bestände befinden sich in der Wienbibliothek, im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und in Archiven von Gesangvereinen (Autografe).

Literatur

BRIGITTE HAMANN, UWE HARTEN, ANDREA SINGER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 17.8.2020

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Abbildungen

Abbildung 1: Wiener Staatsoper (© Andrea Singer)

Abbildung 2: Wiener Musikverein (© Andrea Singer)

Abbildung 3: Wiener Börse (© Andrea Singer)

Abbildung 4: Votivkirche (© Andrea Singer)

Abbildung 5: Rathaus (© Andrea Singer)

Abbildung 6: Burgtheater (© Andrea Singer)

Abbildung 7: Naturhistorisches Museum (© Andrea Singer)

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ACDH, Abteilung Musikwissenschaft