Ave Regina (WAB 8) „Ave Regina coelorum“
Marianische Antiphon für Singstimmen (unisono) mit Orgelbegleitung
| EZ: | um 1886 |
| UA: | 25.3.1886 in Klosterneuburg |
| Aut.: | ÖNB‑MS (Mus.Hs.28222); Stift Kremsmünster, Musiksammlung (C56/14e2, Skizze) |
| ED: | Jahrbuch des Stiftes Klosterneuburg 3 (1910), S. 132 |
| NGA: | Band XXI (Hans Bauernfeind/Leopold Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984) |
Bruckners Komposition der im Chorgebet als Abschluss der Komplet vom 2.2. (Mariä Lichtmess) bis zum Mittwoch in der Karwoche gesungenen Marianischen Antiphon ist keine bloße Choralharmonisierung, obwohl sie ganz der akkordisch begleiteten Choral-Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts (vgl. auch Veni Creator Spiritus) entspricht. Sie ist jedoch auch keine freie Komposition Bruckners und sein „geistiges Eigentum“, wie Nowak (Revisionsbericht zu NGA XXI [1984], S. 139) meint, sondern wohl am ehesten als Choralparaphrase zu bezeichnen, die auf Bitten von Ferdinand Schölzig (1836–1900; Novizenmeister in Klosterneuburg 1885–1888) für das Chorgebet der Klosterneuburger Chorherren geschrieben wurde.
Das Werk – an einem 25.3., dem Fest Mariä Verkündigung, uraufgeführt – stellt durch die Wahl des gregorianischen Melodiematerials zwischen diesem Fest und dem Text des „Ave regina coelorum“ (eines Grußes an Maria, Königin der Engel) einen theologisch-musikalischen Bezug her: Die Melodik entstammt zur Gänze dem Gradualvers mit Alleluja der „Missa de Sancta Maria ab adventu usque ad Nativitatem Domini“. Dieser Gradualvers enthält im Text die Verkündigungsworte des Engels an Maria, „Ave Maria, gratia plena“. Hier wird jedoch nur seine Melodie verarbeitet, was ein typisches Beispiel für Bruckners subtile Zitierweise darstellt.
Für die heutige Choralpraxis mutet die von vollgriffigen Orgelakkorden begleitete historische Aufführungspraxis schwerfällig und plump an; sie nimmt dem Choral seinen eigentümlich schwebenden Charakter. Bei einer Aufführung ist deshalb darauf zu achten, die Begleitung sehr zurücktreten, keinesfalls dominieren zu lassen.
Literatur
- Leopold Nowak, Revisionsbericht zu NGAAnton Bruckner. Sämtliche Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hg. v. der Generaldirektion der Österreichischen Nationalbibliothek und der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1951ff. (Editionsleitung: Leopold Nowak, auch als Neue Gesamtausgabe bezeichnet) XXI (1984), S. 135–139
- Elisabeth Maier, Der Choral in den Kirchenwerken Bruckners, in: Bruckner‑Symposion 1985Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Symposion. Anton Bruckner und die Kirchenmusik. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1985. 19.–22. September 1985. Bericht. Linz 1988, S. 111–122
- Elisabeth Maier, Bruckner und der gregorianische Choral, in: Bruckner-Vorträge 1986Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Vorträge. Rom 1986. Bruckner-Symposion „Anton Bruckner e la musica sacra“. S. Maria dell‘Anima, Rom. 3. Juni 1986. Bericht. Linz 1987, S. 25–37