Winkler-Quartett
Das Winkler-Quartett war ein 1879 durch Julius Winkler (1855–1938) gegründetes und vorrangig in Wien konzertierendes Kammermusikensemble, dem als Gründungsmitglieder neben Winkler als 1. Violinist, Friedrich Skallitzky (1857–?) als 2. Violinist, Johann Kreuzinger (1857–1933) als Bratschist und Richard von Perger (1854–1911) als Cellist angehörten. Die Klavierbegleitung besorgten 1879/1880 Johanna von Seemann (1849–1944), Josef Labor (1842–1924) und Julius Zellner (1832–1900). Der Namensgeber des Quartetts wurde in Raab (Győr/H) geboren, studierte wie die meisten Ensemblemitglieder am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (1870–1876) und unternahm anschließend bis 1887 Konzertreisen. Neben seiner Tätigkeit als Violinist war er im Laufe seines Lebens als Arrangeur, Komponist sowie Lehrer tätig und war außerdem Mitbegründer des Wiener Tonkünstler-Vereins. Das Winkler-Quartett erfuhr in seinen ersten Jahren mehrere strukturelle Änderungen, so übernahm die 2. Violine 1881–1884 Karl Lillich (1862–1913) und das Violoncello 1881–1883 Theodor Luka (1859–1925) sowie 1884 Reinhold Hummer (1855–1912). Eine konstante Besetzung unter dem Primarius, die bis zur Auflösung 1895 bestehen blieb, formierte sich erst 1885 mit Friedrich Wahle (1859–1918) als 2. Violinist, Alfred Finger (1855–1936) als Bratschist und Alexander Fimpel (1859–1934) als Cellist. Gemeinsam veranstalteten sie ab 1887 insgesamt sechs Konzerte pro Jahr, die ab 1889 von Hugo Reinhold (1854–1935) am Klavier begleitet wurden.
Aufgrund ihrer Ausbildungszeit am Konservatorium zum Zeitpunkt von Bruckners dortiger Unterrichtstätigkeit, ihrer Vernetzung mit dem Wiener akademischen Wagner-Verein und Wiener Akademischen Gesangverein sowie der Tatsache, dass zumindest drei Mitglieder (Kreuzinger, Schalk und Reinhold) Schüler Bruckners waren, lässt vermuten, dass die meisten von ihnen mit Bruckner persönlich bekannt waren. Ein durch die Presse belegbares Aufeinandertreffen der Gründungsmitglieder mit Bruckner ereignete sich zumindest am 4.2.1880 bei einem internen Musikabend des Wiener akademischen Wagner-Vereins, wo Bruckner auf das neu gegründete Ensemble aufmerksam geworden sein könnte.
Da das Winkler-Quartett ursprünglich nicht für die Uraufführung des Streichquintetts in F-Dur vorgesehen war, musste das Ensemble im Zuge der kurzfristigen Umdisponierung 1881 wohl ad hoc zusammengestellt werden. Dafür spricht auch die Gegebenheit, dass sich für den Zeitraum 1881–1884 keine weiteren (öffentlichen) Konzertaktivitäten des Quartetts, ausgenommen der Aufführungen von Bruckners Streichquintett, bis dato feststellen lassen. Auf Initiative von J. Schalk wurde das Streichquintett schließlich am 17.11.1881 ohne das Finale beim 3. internen Musikabend des Wiener akademischen Wagner-Vereins durch Winkler, Lillich, Kreuzinger, Julius Desing (zweite Viola) und Luka unter Bruckners Anwesenheit im Wiener Bösendorfersaal uraufgeführt. Einem Bericht von Luka zufolge soll Bruckner ebenfalls bei der letzten Probe vor und bei der Generalprobe anwesend gewesen sein. Eine zweite geschlossene Aufführung des Streichquintetts durch das Winkler-Quartetts erfolgte möglicherweise im Februar 1883 ebendort, bei der die genaue Besetzung bisher jedoch unklar ist. Am 7.5.1883 wurde das Streichquintett ohne Finale erneut, dieses Mal mit F. Schalk als zweitem Bratschisten, im Bösendorfersaal aufgeführt. Das Werk einschließlich des Finales wurde schließlich am 5.4.1884 durch dieselbe Besetzung im Rahmen des Wiener Akademischen Gesangvereins in Anwesenheit von Bruckner erstaufgeführt. Des Weiteren folgte eine Aufführung des Adagios vor dem 29.10.1884 in der Wiener Votivkirche im Beisein des Widmungsträgers Maximilian Emanuel Herzog in Bayern. Erst daraufhin wurde das Werk durch das erweiterte Hellmesberger-Quartett erstmals am 8.1.1885 im Wiener Musikverein aufgeführt. Als 3. Satz griff das Winkler-Quartett auf das zuvor von Hellmesberger verschmähte Scherzo anstatt des eingeschobenen Intermezzos in d-Moll zurück. Die Frage, warum das Winkler-Quartett bei seinen ersten Konzerten auf die Vorführung des Finales verzichtete, wurde bislang nicht eindeutig geklärt, nach derzeitigem Forschungsstand wird jedoch davon ausgegangen, dass Bruckner noch Änderungen daran vornehmen wollte.
Literatur
- Jahresberichte des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien für die Jahre 1870–1880, Wien 1871–1880
- Die Presse 24.10.1879, S. 11
- Wiener Zeitung 12.11.1879, S. 3
- Neue Freie Presse 28.12.1879, S. 6
- Deutsche Kunst- und Musik-Zeitung 7 (1880) H. 6, S. 36
- Morgen-Post 18.11.1881, S. 4
- Neunter Jahres-Bericht des Wiener akademischen Wagner-Vereines für das Jahr 1881, Wien 1882, S. 7
- Neue Freie Presse 5.4.1884, S. 7
- Jahresbericht des Wiener akademischen Gesangvereines über das sechsundzwanzigste Vereinsjahr. Vom 1. October 1883 bis 30. September 1884, Wien 1884, S. 8 u. 35
- Neues Wiener Tagblatt 15.11.1885, S. 5
- Neues Wiener Tagblatt 15.3.1887, S. 4
- Österreichische Musik- und Theaterzeitung 1 (1888), H. 5, S. 6
- Neue Freie Presse 20.1.1889, S. 12
- Neue Freie Presse 16.2.1890, S. 13
- Neue Freie Presse 26.10.1890, S. 13
- Neue Freie Presse 10.1.1892, S. 13
- Neue Freie Presse 8.1.1893, S. 12
- Neues Wiener Tagblatt 3.3.1894, S. 8
- Wiener Montags-Journal 5.3.1894, S. 5
- Neue Freie Presse 27.1.1895, S. 14
- Neue Freie Presse 3.3.1895, S. 15
- A. Ehrlich [d.i. Albert Henry Payne], Das Streichquartett in Wort und Bild. Leipzig 1898, S. 28
- Neue Freie Presse 24.7.1918, S. 16
- Erich H. Müller (Hg.), Deutsches Musiker-Lexikon, Dresden 1929, S. 321
- Neues Wiener Journal 11.10.1931, S. 16
- Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 4/1, S. 676–679 u. 4/2 S. 159–161
- Torsten Blaich, „Anton Bruckners Streichquintett in F-Dur und die Gattungstradition. Verbindungslinien und Anknüpfungspunkte“, in: Johannes Brahms und Anton Bruckner im Spiegel der Musiktheorie. Bericht über das Internationale Symposion St. Florian 2008. Göttingen 2011, S. 54–62
- Christian Merlin, Die Wiener Philharmoniker Bd. 2. Die MusikDie Musik. Stuttgart–Berlin–Leipzig 1901/02–1914/15 und 1922/23–1942/43. Zusatz ab 1934: Amtliches Organ der NS-Kulturgemeinde; Zusatz ab 1937/38: Organ des Amtes für Kunstpflege beim Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung und Schulung der NSDAP; Zusatz ab 1939: Organ der Hauptstelle Musik beim Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung und Schulung der NSDAP; Zusatz ab 1940/41: Organ der Hauptstelle Musik beim Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAPer und Musikerinnen von 1842 bis heute. Wien 2017
- Sterbebuch 1909–1914 der Pfarre St. Othmar unter den Weißgerbern, fol. 229
- Sterbebuch 1925 der Pfarre St. Anton von Padua, fol. 103
- Taufbuch 1859–1859 der Pfarre St. Ulrich, fol. 147
- ABCD
- Uwe Harten, Art., „Wiener Tonkünstler-Verein“, in: www.musiklexikon.ac.at [20.12.2021]