Wiener Akademischer Wagner-Verein

Ausgangspunkt für die Gründung von Wagner-Vereinen war die Notwendigkeit, genügend finanzielle Mittel für die Errichtung des von Richard Wagner projektierten Festspielhauses in Bayreuth aufzubringen und das Zustandekommen der Aufführung des Bühnenweihfestspiels Der Ring des Nibelungen zu ermöglichen. 1871 gründete Emil Heckel (1831–1908) den ersten Wagner-Verein in Mannheim, dem bald andere deutsche Städte folgten. Bereits 1871 konstituierte sich ein Richard Wagner Verein in Wien (Auflösung 1876). Am 10.11.1872 erfolgte der Aufruf zur Gründung eines weiteren Wagner-Vereins in Wien, den u. a. Johann Herbeck, Josef Standthartner und Gustav Schönaich unterschrieben. Dieser Verein konstituierte sich am 20.2.1873 als Wiener Akademischer Wagner-Verein mit dem Vereinszweck, die Kenntnis und Würdigung der Wagner‘schen Reformidee und Leistungen in Musik und Drama durch Vorträge zu fördern und zu verbreiten. Nach der Erreichung des Vereinszieles – der Uraufführung des Ring des Nibelungen in Bayreuth – sah der Verein seine Aufgabe darin, eine Verbindung der Freunde und der Kunst Wagners in Wien zu bilden.

Neben den Werken Wagners standen bei den musikalischen Veranstaltungen des Vereins v. a. auch jene von Franz Liszt, Bruckner und später auch von Hugo Wolf auf dem Programm. In „Internen Musikabenden“ und wöchentlichen Zusammenkünften des Vereins wurden Symphonien Bruckners in Bearbeitungen für Klavier zu zwei oder vier Händen (oder für zwei Klaviere) von Johann Paumgartner, Felix Mottl, Josef Schalk, Franz Zottmann und Ferdinand Foll in exemplarischen Aufführungen, zunächst im Bösendorfersaal, später im Kleinen Saal des Musikvereins, meist erstmals zu Gehör gebracht und in Vorträgen erläutert (u. a. J. Schalk über Anton Bruckner und die moderne Musikwelt 1885 oder Ueber Bruckner‘s VIII. Symphonie 1892). Später organisierte der Verein auch große Musikaufführungen der Werke Bruckners im Musikvereinssaal unter der Leitung von Hans Richter, u. a. am 24.2.1889 die Siebente Symphonie. Im Rahmen der Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen führte der Verein am 16.6.1892 Bruckners Vierte Symphonie unter J. Schalk auf. Am 21.12.1894 fand eine Bruckner-Feier im Musikvereinssaal statt.

Bruckner trat nach seiner Rückkehr aus Bayreuth im Jahre 1873 dem Verein bei und blieb ihm bis zu seinem Lebensende verbunden: „Aber die Herzlichkeit, womit mir die hochverehrten PT Mitglieder Ihres selbst von unserem erhabenen Meister so ausgezeichneten Vereines auch in den trübsten Stunden meines bescheidenen musikalischen Wirkens entgegen gekommen sind, fesselt mich heftig an denselben, und bitte daher sehr, mich als Mitglied gütigst aufnehmen zu wollen.“ (Briefe I, 731015). 1884, 1886 und 1889 reiste Bruckner mit dem Sonderzug des Wagner-Vereins zu den Bayreuther Festspielen. Dort fand er die Anerkennung und Verehrung, die er sonst in Wien missen musste. Auf Vermittlung Hermann Levis wurde Bruckner am 22.1.1885 zum Ehrenmitglied (Ehrungen) ernannt. Nach Bruckners Tod bemühte sich der Verein um Finanzierung und Errichtung eines Bruckner-Denkmals, das schließlich – von Viktor Tilgner und Fritz Zerritsch geschaffen (IKO 106) – am 25.10.1899 im Wiener Stadtpark enthüllt werden konnte.

Ende der 1880er Jahre traten einige Mitglieder aus politischen Gründen aus dem Verein aus, in der Folge wurde 1890 der Neue Richard Wagner-Verein gegründet, der wesentlich deutsch-nationaler eingestellt war. Auch in diesem Verein fanden Klavieraufführungen von Symphonien Bruckners u. a. mit Victor Bause, Cyrill Hynais und Max von Oberleithner statt. Eine weitere Abspaltung war der bis 1902 bestehende Deutsch academische Verein Walhalla. 1939 wurde der Wiener Akademische Wagner-Verein, dessen letzter Obmann der Komponist Wilhelm Kienzl (1857–1941) war, aufgelöst. 1951 wurde dann in Wien der Richard Wagner Verband gegründet, der insbesondere die Propagierung der Bayreuther Festspiele und die Ermöglichung der Teilnahme an diesen durch die Vergabe von Stipendien bezweckt.

Literatur

ANDREA HARRANDT

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 1.9.2017

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ACDH, Abteilung Musikwissenschaft