Letocart, Sébastien
*26.1.1975 Verviers/B. Komponist, Organist.
Sébastien Letocart studierte am Conservatoire royal de Liège, u. a. Orgel, Harmonielehre, Musikgeschichte und Musikanalyse. Auf dem Gebiet der Komposition ist er Autodidakt. Letocart betätigt sich auch als Komunalpolitiker.
Seine Kompositionen, die im neoklassizistischen Stil gehalten sind, reichen von Klavierstücken bis hin zu großen orchestralen Werken, wobei eine Affinität zur Kammermusik deutlich wird. In seinen Werken verarbeitet Letocart oftmals Themen und Phrasen aus Werken bekannter Komponisten, beispielsweise verwendete er in seinem Scherzo fugato pour grand orchestre (verfasst 2002/03, revidiert 2005), das ursprünglich als Scherzo einer Symphonie gedacht war, im 2. Abschnitt Passagen aus Joseph Haydns Symphonie Nr. 97 in C-Dur (Hob. I/97), die variiert werden und schließlich in den 1. Satz der Vierten Symphonie von Bruckner münden.
Mit Bruckners Musik und besonders der Vierten Symphonie bekannt gemacht wurde Letocart bereits im Alter von 13 Jahren, jedoch lernte er die Vervollständigung des Finalsatzes der Neunten Symphonie von John A. Phillips erst 2002 durch eine Aufnahme von Nikolaus Harnoncourt kennen. Nach der Aufführung der Neunten Symphonie mit der revidierten Finalkomplettierung von Benjamin Gunnar Cohrs und Nicola Samale in Aachen am 28.5.2007 erarbeitete Letocart 2007–2008 eine eigene Vervollständigung des Finalsatzes. Nach der ersten Aufnahme mit dem MAV Symphony Orchestra im Oktober 2008 überarbeitete er jedoch einzelne Aspekte der Orchestrierung. In seiner Rekonstruktion bezieht sich Letocart ausschließlich auf das überlieferte Quellenmaterial Bruckners, sodass der kompositorische Eigenanteil dieser Komplettierung – mit Ausnahme der Coda – eher als gering einzuschätzen ist. Ein wesentlich freierer Umgang mit dem Ausgangsmaterial lässt sich in der Orchestrierung und Instrumentierung des Satzes konstatieren. Seine Vervollständigung rückt vorwiegend sechs verschiedene formanalytische Momente des Finales ins Zentrum: den Übergang zwischen Exposition und Durchführung, die Durchführung, das Ende der Fuge, die Überleitung zur 3. Gruppe in der Reprise, die 3. Gruppe und die Überleitung zur Coda. Die von Letocart in vier Abschnitte geteilte Coda versetzt er collagenartig mit Themen aus den Finalsätzen der Vierten, Fünften, Siebenten und Achten Symphonie. Außerdem kürzte er den Choral in der Reprise der Coda und wiederholt das „Alleluja“-Thema in den Bläsern, das zuvor in anderer Instrumentierung im Trio des Scherzos aufschien. Eine Aufführung der Finalkomplettierung oder gesamten Symphonie einschließlich Letocarts Vervollständigung ist bisher nicht bekannt.
Neben der Neunten Symphonie beschäftigte sich Letocart auch eingehend analytisch mit der Fünften Symphonie. Der dazu verfasste Artikel über die Struktur und formale Konzeption der Symphonie sowie die Tempogestaltung wurde bisher nicht veröffentlicht.
Werke
- 2 Symphonien für Streichorchester
- Orchesterwerke (u. a. Scherzo fugato pour grand orchestra)
- Klavierwerke
- 1 Präludium und Fuge für Orgel
- 1 Streichquartett
- 1 Messe
- 2 Missae brevis
- 2 Motetten
Literatur
- Sébastien Letocart, My completion of the Finale of Bruckner‘s Ninth Symphony, in: The Bruckner Journal 13 (2009) H. 1, S. 41f.
- Sébastien Letocart, Sébastien Letocart‘s realization of the Finale of Bruckner‘s Ninth Symphony, in: The Bruckner Journal 14 (2010) H. 1, S. 35–38
- Sébastien Letocart, Ma réalisation du Finale de la 9éme symphonie d’Anton Bruckner, in: abruckner.com www.abruckner.com
- Le PS vainqueur des élections de Verviérs, une alliance PS-MR-Nouveau Verviers, in: RTBF https://www.rtbf.be [10.11.2021]
- https://sites.google.com/site/letocartsebastien [10.11.2021]
- Pers. Mitt. Sébastien Letocart