Präludienbuch (WAB add 334)

Ein vom langjährigen Wiener Hoforganisten Louis Dité geprägter Titel für ein handschriftliches Orgelbuch, das ohne bislang nachvollziehbaren Beweis aus dem Besitz Bruckners stammen soll. Der derzeitige Verbleib des Buches ist unbekannt, vermutlich wurde es nach Dités Tod mit anderen Noten aus seinem Nachlass an einen Privatsammler verkauft. Benjamin-Gunnar Cohrs entdeckte jedoch 2017 in der Photogramm-Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek eine 1961 angefertigte Negativ-Reproduktion des Orgelbuchs (PhA 1459). Bei seiner Untersuchung der Kopie kam Cohrs zu dem Schluss, dass es sich um kein Bruckner-Autograf handelt; bereits Leopold Nowak, der 1923–1927 Orgel- und Klavierschüler Dités gewesen war, hat das Orgelbuch auf der Katalogkarteikarte als zweifelhaft eingestuft.

Das querformatige Werk umfasst 57 Blätter und einen Einband, die Seiten 4–32, 35–52 und 54–108 sind mit Noten beschrieben und enthalten insgesamt 159 Sätze (chromatisch ansteigend von C‑Dur beginnend, nur die Tonarten H‑Dur und h-Moll fehlen). Diese wurden von drei verschiedenen Schreibern notiert, wobei der Hauptschreiber von Cohrs mit dem Verfasser des auch Bruckner zugeschriebenen Manuskripts von Andante (WAB 126/2) und Nachspiel (WAB 126/1) gleichgesetzt wird. Eine mögliche Zuordnung der Handschrift an Josef Seiberl bedarf noch weiterer philologischer Untersuchungen. Nicht auszuschließen ist weiters, dass die eine oder andere Anmerkung im Manuskript von Bruckner stammt; kein Stück jedoch nennt ihn als Komponisten.

Das Titelblatt (S. 2) enthält zwei Widmungen: „Meinem lieben Vetter Heinrich Burgstaller zum freundlichen Andenken.“ Darunter: „Meiner lieben Base Frau Anna Koller zum freundlichen Andenken von Burgstaller Heinrich. 10./I. 1930“. Rechts unten findet sich noch die Datierung „1877 20/5“. Bei Heinrich Burgstaller scheint die Identifizierung mit einem Cousin – die Väter waren Brüder – von Johann Baptist Burgstaller wahrscheinlich. H. Burgstaller (* 10.3.1858 Kirchberg bei Mattighofen, Oberösterreich/A, † 7.5.1932 Nußdorf am Attersee, Oberösterreich/A) war Lehrer in Neukirchen an der Vöckla sowie Gampern und 1884–1920 Schulleiter in Abtsdorf; seinen Ruhestand verbrachte der passionierte Schmetterlingssammler in Nußdorf. Eine etwaige weitschichtige Verwandtschaft zu J. Seiberl, dessen Mutter Theresia eine geborene Purgstaller war, konnte nicht nachgewiesen werden (ein möglicher gemeinsamer Vorfahre müsste mindestens vier Generationen zurückliegen. Die zweite Widmungsträgerin, Anna Koller, konnte bislang nicht identifiziert werden.

Dité hatte die Bruckner-Forschung durch die Edition zweier Sammlungen von Orgelstücken aufmerksam gemacht: Vademecum für Organisten (Weinberger, 1947, weitere Auflagen 1951 und 1958) und Festliche Präludien (Weinberger 1948). Bereits im Untertitel des Vademecum ist vermerkt: „Eine Sammlung von Orgelstücken (leicht ausführbare Kadenzen, Vor- und Nachspiele) der bedeutendsten Meister von Bach bis Bruckner“. Das Vorwort der 1. Auflage führt weiter aus: „Auch Anton Bruckner […] hatte ein eigenhändig geschriebenes Präludienbuch in Verwendung, welches über 100 solcher Orgelsätze enthält, unter denen sich auch eigene Kompositionen des Meisters befinden; die letzteren werden in vorliegender Sammlung erstmalig veröffentlicht.“ (Dité 1947, S. [II]). Es war dies der erste Hinweis auf ein Präludienbuch Bruckners. Im Vorwort zur 2. (und 3.) Auflage des Vademecum heißt es außerdem: „Die Veröffentlichung einer Anzahl von Orgelstücken, die Anton Bruckner zu seinem eigenen Gebrauch aufgezeichnet hat, begegnet gewiß auch einem regen Interesse. Der Großteil der Orgelstücke blieb leider ohne Angabe des Verfassers, weshalb angenommen werden muß, daß es sich teils um Werke damals (1850) bekannter Orgelmeister, teils um Kompositionen von Bruckner selbst handelt.“ (Dité 1951 und 1958, S. [II]). Dité gab also keine genauere Auskunft über die angebliche Bruckner’sche Vorlage. Bei der Sammlung Festliche Präludien von 1948, die drei angebliche Bruckner-Kompositionen enthält, fehlen Hinweise zur Vorlage vollständig.

Etwas konkreter wird Dité erst im Vorwort zu einer geplanten weiteren, bereits weit fortgeschrittenen, jedoch offenbar nie erschienenen Veröffentlichung von Orgelstücken, die ausschließlich Werke aus Bruckners Präludienbuch enthalten sollte: „Die in vorliegender Sammlung veröffentlichten Kadenzen, Versetten, Fughetten, Fugen, Vor- und Nachspiele für die Orgel sind einem von Anton Bruckner zusammengestellten und eigenhändig geschriebenen Präludienbuch entnommen, welches der Meister zur Zeit seiner Organistentätigkeit in St. Florian und Linz in Gebrauch hatte. […] Ueber diese praktischen Zwecke hinaus bieten diese Orgelstücke der Brucknerforschung ein wertvolles Material, da die Kenntnis derselben nunmehr auch einen konkreten Einblick in die Art und Weise von Bruckners Orgelspiel und sein gründliches Studium der kleinsten kontrapunktischen Formen (Versett, Fughette u. s. w.) gewähren.“ (zit. n. Revisionsbericht zu NGA XII/6, S. 172). Dité nennt hier exakt 132 Stücke, die Bruckners Präludienbuch enthalten haben soll, von denen er insgesamt 41 bereits in den beiden 1947 und 1948 erschienenen Sammlungen veröffentlicht habe.

Der Vademecum-Sammelband von 1947 beinhaltet laut dem Verzeichnis der Komponisten (S. 1f.) Werke von 36 (nicht 32) Komponisten (u. a. Johann Georg Albrechtsberger, Robert Führer, Adolph Friedrich Hesse [1809–1863], Johann Christian Heinrich Rinck [1770–1846], Dité selbst). Von den insgesamt 200 Nummern werden in der ersten Ausgabe 19 (nicht 29), vielfach nur wenige Takte umfassende Stücke Bruckner zugeschrieben („Anton Bruckner“ oder „Ant. Bruckner“); in der 2. und 3. Auflage sind es nur mehr 16 Nummern (s. Übersicht 1).

Bei 26 weiteren Nummern ist in der ersten Ausgabe von 1947 als Provenienz vermerkt „aus Ant. Bruckner’s Präl.-Buch“ oder „Aus Ant. Bruckners Präludienbuch“, in der 2. bzw. 3. Auflage sind dies jeweils 29 Stücke. Von den 26 Nummern in der ersten Auflage sind zwölf auch mit einem Komponistennamen versehen: Führer (4x), Ludwig Ernst Gebhardi (1787–1862), Bernhard Kothe (1821–1897; 4x), Rinck (2x), Johann Gottlob Töpfer (1791–1870). In der 2. und 3. Auflage sind 24 der 29 angeblich aus Bruckners Präludienbuch stammenden Nummern folgenden Komponisten zugeordnet: Führer (13x), Gebhardi, Kothe (6x), Rinck (3x), Töpfer. Für weitere Identifizierungen fordert der Herausgeber „Chordirektoren, Organisten, Musikforscher und Sammler“ auf, sich an Forschungen zu den von „Anton Bruckner aufgezeichneten Orgelsätze[n]“ (Dité 1951 und 1958, S. [III]) zu beteiligen.

Aufgrund des dürftigen Quellenbefundes und eingehender stilistischer Untersuchung wurden die in Dités Veröffentlichungen Bruckner zugeschriebenen Stücke von Erwin Horn nicht in den Band sämtlicher Orgelwerke Bruckners der Neuen Gesamtausgabe (NGA XII/6) aufgenommen. In konsequenter Weiterführung seiner in den Raum gestellten Vermutung, „sämtliche Stücke könnten aus ein und derselben Feder stammen“ (Revisionsbericht zu NGA XII/6, S. 169), nennt er als Begründung für die Nicht-Aufnahme: „Da für ein solches handschriftliches Kompendium Bruckners kein Nachweis und auch sonst kein Beleg für Bruckners Autorschaft der zitierten Stücke zu ermitteln war, wurde auf deren Abdruck in vorliegender Ausgabe verzichtet“ (NGA XII/6, S. X).

In welchem Zusammenhang Bruckner mit dem Orgelbuch gestanden haben könnte, ist Gegenstand weiterer Forschungen; ein Zusammenhang mit einer Unterrichtstätigkeit o. ä. ist zumindest denkbar. Offen bleibt auch wie Dité in den Besitz des Buches kam. Mögliche Verbindungslinien könnten über Carl Führich gelaufen sein, mit dem Dité jedenfalls bekannt war und dessen Familie Bruckneriana aus der Provenienz J. B. Burgstallers besaß.

Übersicht 1: Die Bruckner zugeschriebenen 19 Stücke in der 1947 veröffentlichten Sammlung Vademecum für Organisten:

Nr. Dité-Titel Originaltitel Tonart Takt Umfang Seite in PhA 1459 WAB
34 Kadenz - D‑Dur 4/4 4 Takte 26 334/1
35 Kadenz - D‑Dur 4/4 4 Takte 26 334/2
36 Moderato - D‑Dur 4/4 6 Takte 26 334/3
60 Con moto - Es‑Dur 3/4 11 Takte 63 334/5
61 Lento - Es‑Dur 4/4 12 Takte 60 334/4
72 Kadenz Cadenz E‑Dur 3/4 4 Takte 57 [1] 334/6
85 Langsam (Mit sanften Stimmen) Langsam. Mit sanften Stimmen. e‑Moll 2/2 21 Takte 59 334/7
99 Kadenz Cadenz F‑Dur 4/4 8 Takte 62 [2] 334/8
123 Kadenz Lento G‑Dur 4/4 6 Takte 76 334/11
138 Kadenz Cadenz g‑Moll 4/4 4 Takte 87 334/13
139 Kadenz Cadenz g‑Moll 4/4 3 Takte 87 334/14
140 Vers - g‑Moll 4/4 6 Takte 87 334/15
148 Kadenz - As‑Dur 4/4 2 Takte 90 334/17
153 Mit starken Stimmen [3] Mit sanften Stimmen As‑Dur 3/4 20 Takte 90 334/16
157 Kadenz - As‑Dur 4/4 2 Takte - [4] 334/18
170 - - A‑Dur 4/4 10 Takte 98 334/20
171

Andante

Mit sanften Stimmen

Andte

Mit sanften Stimmen

A‑Dur 4/4 24 Takte 96 334/19
189 Andante - B‑Dur 4/4 4 Takte 108 334/22
193 Moderato Modto B‑Dur 4/4 34 Takte 107 334/21

[1] Mit Dités Vermerk „Führer“.
[2] Mit Dités Vermerk „Führer“.
[3] In der 2. und 3. Auflage: „Mit sanften Stimmen“.
[4] Das Stück findet sich nicht in PhA 1459.

Die Nummern 72, 99 und 189 sind in der 2. und 3. Auflage des Vademecum nicht mehr Bruckner zugeordnet, sondern mit dem Vermerk „Rob. Führer (aus Ant. Bruckners Präl.Buch)“ versehen.

Übersicht 2: Die Bruckner zugeschriebenen Stücke in der 1948 veröffentlichten Sammlung Festliche Präludien:

Nr. Dité-Titel Originaltitel Tonart Takt Umfang Seite in PhA 1459 WAB
3 Andante Andte F‑Dur 6/8 34 Takte 67f. 334/10
26 Moderato. Mit vollem Werke Mit vollem Werke F‑Dur 4/4 32/34 Takte [1] 63f. 334/9
27

Allegro.

Mit vollem Werke

Allegro.

Mit vollem Werke

G‑Dur 4/4 66 Takte 79f. [2] 334/12

[1] Dité kürzt das Stück in der Druckausgabe auf 32 Takte.
[2] Mit Dités Vermerk „Hesse“.

Im Vorwort zu der nie erschienenen weiteren Sammlung (die Notenvorlagen für den geplanten Druck sind verschollen) schreibt Dité aufgrund eigener Analyse 21 nicht näher genannte Stücke (Nr. 9, 12, 19, 20, 21, 28, 30, 32, 38, 41, 42, 43, 44, 47, 58, 72, 74, 77, 82, 84, 85) Bruckner zu.

Literatur

Zur Biografie Heinrich Burgstallers und seinen Verwandtschaftsbeziehungen:

  • Linzer Abendbote 14.10.1865, S. 1
  • Linzer Volksblatt 12.10.1878, S. 2; 5.4.1879, S. 2; 14.6.1884, S. 2; 23.9.1920, S. 3; 12.5.1932, S. 10
  • [Linzer] Tages-Post 14.9.1881, S. 2; 12.5.1932, S. 5f.
  • Trauungsbuch 1784–1864 der Pfarre Kirchberg bei Mattighofen, pag. 23 u. 25
  • Taufbuch 1784–1808 der Pfarre Gramastetten, pag. 146
  • Trauungsbuch 1813–1864 der Pfarre Neukirchen an der Vöckla, pag. 76
  • Taufbuch 1816–1837 der Pfarre Mettmach, pag. 283
  • Taufbuch-Duplikat 1858 der Pfarre Kirchberg bei Mattighofen

CHRISTIAN K. FASTL

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 18.11.2019

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