Chile (Rezeption)
Durch die Chronik Revista Musical Chilena (RMCh) besteht ein guter Überblick über das musikalische Leben in Chile während der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seit seiner Gründung im Jahr 1945 bietet dieses in Lateinamerika einzigartige Medium ein detailliertes Bild der Aufführungen von Symphonien, Kammermusik und Chorwerken in Chile und deren kritische Rezeption. Aufgrund der genauen Auflistung kann davon ausgegangen werden, dass tatsächlich alle musikalischen Ereignisse, Aufführungen und Bewerbe enthalten sind.
Mit der Gründung des Instituto de Extensión Musical (IEM) im Jahre 1940 erfuhr das musikalische Leben in Chile eine qualitative Aufwertung. Um seine Ziele zu erreichen, wurde im Jahr darauf das Orquesta Sinfónica de Chile gegründet. Zu dieser Zeit zeichnete das IEM verantwortlich für die Gründung der wichtigsten Chor- und Kammermusikvereinigungen des Landes, ebenso wie für die RMCh.
Wie auch in den übrigen Ländern Lateinamerikas wurden in Chile die Jubiläumsjahre (1924, 1946, 1974 und 1996) nicht begangen. Beispielsweise wurde aber 1973 zum 140. Geburtstag von Johannes Brahms landesweit in praktisch jedem Ort mit Aufführungen des Komponisten gedacht, während ein Jahr später der 150. Geburtstag Bruckners ignoriert wurde. Eine ähnliche Situation ergab sich 1996, als für Fré Focke (1910–1989), einem Schüler Anton Weberns (1883–1945), am Goethe-Institut in Santiago ein Konzert mit Unterstützung der österreichischen Botschaft stattfand, im selben Jahr aber Bruckners 100. Todestag nicht begangen wurde.
Wie die anderen wichtigen musikalischen Zentren Südamerikas verfügt auch Santiago über Institutionen für symphonische, Chor- und Kammermusik. Die chilenische Musikszene zeigt ein in Lateinamerika vor 1990 weitverbreitetes Phänomen: Bruckners Name scheint in Verbindung mit Symphonien und Chorwerken wenig bis gar nicht auf den Spielplänen auf, und das, obwohl die Ensembles finanziell stabil waren und über ein hohes musikalischen Niveau verfügten. Für Symphonik wären hier vor allem das Orquesta Sinfónica de Chile und das Orquesta Filarmónica Municipal de Santiago zu erwähnen. Die Seltenheit der Aufführungen von Bruckners Symphonien vor 1980 in Chile steht ganz im Gegensatz zur Aufführungspraxis westlicher Symphonien im Allgemeinen in diesem Land. Aus den Chroniken des RMCh wird ersichtlich, dass es eine rege Chorszene in Santiago, Concepción und anderen chilenischen Städten gab. Es ist daher interessant, dass Bruckners Musik im Repertoire der vielen ausgezeichneten Chöre, die seit 1930 in Chile entstanden waren, ausgespart blieb. Bei Bruckners Kammermusik kommt dieses Phänomen noch auffälliger zum Tragen. Bruckners Streichquintett in F-Dur wurde selbst vom renommierten, 1940 gegründeten Cuarteto de Cuerdas Santiago nicht aufgeführt. Die Premiere eines Bruckner Werkes fand erst am 11.5.1951 mit der Neunten Symphonie unter dem chilenischen Dirigenten Victor Tevah (1912–1988) mit dem Orquesta Sinfónica de Chile statt. Dies scheint die Erstaufführung der Neunten Symphonie in Lateinamerika überhaupt gewesen zu sein. Dass das chilenische Publikum oder zumindest die Kritiker und Musiker nicht für Bruckners Musik bereit gewesen zu sein scheinen, kann den Konzertkritiken entnommen werden. Dieser Eindruck wurde offensichtlich auch von den Herausgebern der RMCh geteilt: es handle sich um eine „Kuriosität, die jeder Musiker einmal erlebt haben sollte – nur um zu wissen, was es mit Bruckner auf sich hat“ (RMCh 6 [1950] H. 40, S. 116).
Nach der Aufführung der Neunten mussten die Chilenen sieben Jahre warten, um eine weitere Komposition Bruckners zu hören. Im Mai 1958 spielte das Orquesta Sinfónica de Chile die Dritte, diesmal unter der Leitung von Walter Göhr (1903–1960). Es ist nicht verwunderlich, dass das Werk kühl aufgenommen wurde. Daniel Quiroga (* 1914), Musikkritiker von El Debate, beschrieb diesbezüglich „musikalische Ideen von dubiosem Wert“ und „zu viele Wiederholungen, die in einen unnötigen Bombast führen“ (RMCh 12 [1958] H. 59, S. 79ff.). Tatsächlich konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der Kritiker wie auch des Publikums auf die Erstaufführung von Arnold Schönbergs (1874–1951) Variationen für Orchester, welche ebenfalls bei diesem Anlass gespielt wurden. Erst 1964 wurde eine weitere Symphonie Bruckners, diesmal die Vierte, unter dem deutsch-argentinischen Dirigenten Teodoro Fuchs (1908–1969) vom Orquesta Sinfónica de Chile gegeben. Auch diese Aufführung wurde von der Kritik eher negativ besprochen. Carlos Riesco (1925–2007) hielt sie für „geradezu abscheulich“ (RMCh 18 [1964] H. 89, S. 138). Im Mai 1968 wurde vom selben Orchester Bruckners Fünfte Symphonie interpretiert.
Bis heute erfreut sich Bruckners Œuvre nicht derselben Akzeptanz wie das anderer Symphoniker des 19. Jahrhunderts. Trotzdem wurde seit den 1990er Jahren Bruckners Musik häufiger aufgeführt als in den Jahrzehnten davor und einige der Symphonien sogar mehrfach. Die Vierte Symphonie z. B. am 22.5.1984 durch das Orquesta Filarmónica de Santiago unter der Leitung von Simon Blech (1924–1997) und am 26.11.1991 durch dasselbe Orchester unter Lothar Königs (* 1965).
Die erste belegte Aufführung einer unbenannten Motette Bruckners fand 1958 durch den Coro Polifónico de Concepción unter der Leitung des chilenischen Dirigenten Arturo Medina statt. Der Chor befand sich auf einer Tournee durch mehrere Städte in Argentinien und Uruguay. Im darauffolgenden Dezember sang der Coro de Cámara de Santiago unter Richard Kistler (* ?) einige Motetten in der chilenischen Hauptstadt. In den 1960er Jahren wurde das Te Deum in Chile zwei Mal aufgeführt: am 15.12.1960 vom Orquesta Filarmónica de Chile und dem Coro de Cámara de Santiago unter Kistler und in Concepción 1969 vom Orquesta Sinfónica de Chile und dem Coro Polifónico de Concepción unter Medina.
Mit der Frage der verschiedenen Fassungen der Symphonien Bruckners beschäftigt sich seit einigen Jahren Juan Ignacio Cahis in Santiago de Chile.
Literatur
- Revista Musical Chilena [RMCh]. Santiago 1945ff.
- RMCh 6 (1950) H. 40, S. 115ff.
- RMCh 12 (1958) H. 59, S. 79ff.
- RMCh 18 (1964) H. 89, S. 138
- Cristian Gazmuri, 100 años de Cultura Chilena, 1905–2005. Santiago 2006