Fassungen
Dass Komponisten Werke umarbeiten, nach akustischen bzw. aufführungsrelevanten Erfahrungen revidieren oder für bestimmte Anlässe Neuversionen herstellen und noch in Stichvorlagen Änderungen vornehmen, ist eine in der Musikgeschichte, v. a. im Bereich des Musiktheaters, selbstverständliche, nicht weiter zu begründende Praxis. Das spezifische Problem der Fassungen liegt bei Bruckner in seinem kontinuierlichen „Weiterkomponieren“ an vielen seiner Werke. So sind konzentrierte Umarbeitungsphasen in seinem Schaffen erkennbar (z. B. ab 1875/76), in denen er abgeschlossene Werke revidierte. „Überarbeitungszirkel“ gab es durch erfolglose Aufführungs- oder Publikationsversuche (Röder, S. 82f.). So führte etwa der Erfolg der Siebenten Symphonie zu keiner Umarbeitung.
Pointiert ausgedrückt strebte Bruckner ein perfektes, gleichsam virtuelles Werk an, dem er sich in differierenden Ausformulierungen näherte, bis „die hinter den Individuationen der je einzelnen Sinfonien gelegene ‚Hauptmusik‘ durchzuschlagen scheint“ (Gülke, S. 114). Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist die berühmte briefliche Äußerung über die Achte an Felix Weingartner, nach der das Finale „fest zu kürzen“ sei, „denn es wäre viel zu lange u. gilt nur späteren Zeiten und zwar für einen Kreis von Freunden und Kennern.“ (Briefe II, 910127/2).
Bis heute ist der Begriff „Fassung“ in der Bruckner-Literatur terminologisch nicht eindeutig: Erstfassung, Urfassung, Originalfassung, Endfassung, Fassung letzter Hand oder auch Erstdruckfassung sind zu finden; sogar Editoren werden auf dem Tonträgermarkt damit verbunden (Fassung Robert Haas, Fassung Leopold Nowak). Werden einerseits abgeschlossene Niederschriften, aber ebenso gedruckte Notentexte (Ausgaben) als Fassungen bezeichnet, wollen andere auch kleinere Differenzen schon als eigene Fassung werten. Häufig wäre es besser, lediglich von einem bestimmten Stadium – von einem veränderten „Zustand“ (Nowak, S. 35) der existenten Fassung – zu sprechen. Dass der Komponist seine Autografe als Arbeitspartituren verwendete, erschwert die philologische Arbeit.
Es fanden auch immer wieder einschneidende Veränderungen für den bzw. während des Publikationsprozesses statt, sodass deshalb der Begriff „Erstdruckfassungen“ (Nowak, S. 36f.) herangezogen wurde. Einen Sonderfall stellt die Dritte Symphonie dar, die aufgrund ihrer verwickelten Genese durchaus sinnvoll als „work in progress“ (Kühnen, S. 33) aufgefasst werden kann.
Um den ideologisch befrachteten Begriff „Urfassung“ (und dessen zum Teil fragliche Abgrenzung zu Entwürfen und Skizzen) zu vermeiden, hat sich heute die Bezeichnung „1. Fassung“ durchgesetzt. Prinzipiell sollten alle Fassungen durch einen chronologisch exakten Zusatz (z. B. bei der Vierten „Fassung 1874“) gekennzeichnet werden.
Ein eigener Problembereich bei Bruckner ergibt sich aus der Spannung zwischen eigenmotivierter Überarbeitung, d. h. Anpassung an den jeweiligen neuen Kompositionsstand, und Fremdeinflüssen (z. B. durch wohlmeinende Musikerfreunde), d. h. Annäherungen an Publikumserwartungen. Hier ist zu unterscheiden zwischen von Bruckner gebilligten Änderungen und jenen ohne Wissen des Komponisten.
Bis heute ist die Frage strittig, ob spätere Fassungen wirklich – im Anschluss an Äußerungen Bruckners – eine Verbesserung oder aber vielmehr eine Angleichung an bestimmte Rezeptionsmuster darstellen. Zwischen den Extrempositionen vermittelnd wurden die Fassungen auch als wechselnde kompositorische Konzeptionen aufgefasst (vgl. Wagner).
Die Bandbreite reicht von kleinen Korrekturen über Änderungen in Harmonik, Stimmführung und Instrumentation, „rhythmische Regulierung“ (Rhythmik; Metrik, metrische Ziffern) bis hin zu markanten Eingriffen im Formablauf (Form in Bruckners Symphonien) und Neukomposition. In der Achten strich Bruckner beispielsweise in der (2.) Fassung von 1890 den fff-Schluss des 1. Satzes (1. Fassung, T. 424–453), sodass er leise ausklingt. Manche Änderungen sind regelrecht mit Neukompositionen gleichzusetzen (Dritte Symphonie, 1. Satz; Vierte, Scherzo; Achte, 1. und 2. Satz).
Auch bei den Messen gab es metrische Überprüfungen. Das führte bei der Messe in e‑Moll zu einer 1885 eigens edierten Fassung. Die Messe in f‑Moll wurde von 1868 bis 1893 immer wieder verändert (Hawkshaw, S. VIIf.).
Von der Wirkungsgeschichte her standen vorerst die (oft mehrmals überarbeiteten) End- bzw. Letztfassungen im Vordergrund. Damit verbunden sind Namen wie Ferdinand Löwe oder Josef Schalk als Bearbeiter. In der Alten Gesamtausgabe (AGA) wurden erstmals die Originalhandschriften Bruckners als Grundlage – mit dem Schwerpunkt auf der Fassung letzter Hand – verwendet. Allerdings entstanden damals auch verhängnisvolle Mischfassungen, die verschiedene Bearbeitungsstadien zusammenfügten. Erst mit der Neuen Gesamtausgabe (NGA) wurden alle heute bekannten Fassungen zum Vergleich vorgelegt. In den mit Bruckner weniger vertrauten Ländern des französischen Sprachraumes spielten auch später noch „Idealfassungen“ (vgl. Langevin) eine Rolle.
In jüngerer Zeit wurden auch frühe Fassungen auf Tonträgern eingespielt. So entschied sich etwa Eliahu Inbal als erster für die Dritte Symphonie in der 1. (ungedruckten) Fassung von 1873 und Kurt Eichhorn spielte beide Versionen der Zweiten Symphonie ein. Überblickt man Fachhandel, Konzertbetrieb und Konzertführer aber nur einigermaßen, fällt nach wie vor eine Orientierungslosigkeit hinsichtlich der Fassungen auf. Die Hauptforderung wäre demnach auch hier, stets eine genaue Datierung anzugeben.
Abschließend sei betont, dass die Frage nach einer „richtigen“ bzw. „besten“ Fassung grundsätzlich falsch gestellt ist. Abgesehen vom Interesse an der kompositorischen Entwicklung Bruckners hängen diesbezügliche Entscheidungen stets von Zeitgeist, wissenschaftlichen Strömungen, Musikerpersönlichkeiten und nicht zuletzt vom persönlichen Geschmack ab. Insofern ist der eigenwillige Ansatz von Juan Ignacio Cahis bemerkenswert, der 18 oder 20 „,symphonic essays‘ with individual values and rights to be considered for each one“ (Cahis, S. 6) postuliert.
Literatur
- Claudia Catharina Röthig, Studien zur Systematik des Schaffens von Anton Bruckner auf der Grundlage zeitgenössischer Berichte und autographer Entwürfe (Göttinger Musikwissenschaftliche Arbeiten 9). Göttingen 1978
- Manfred Wagner, Der Wandel des Konzepts. Zu den verschiedenen Fassungen von Bruckners Dritter, Vierter und Achter Sinfonie. Wien 1980
- Bruckner‑Symposion 1980Franz Grasberger (Hg.), Bruckner-Symposion. „Die Fassungen“. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1980. 14.–16. September 1980. Bericht. Linz 1981
- Paul‑Gilbert Langevin, Wie Bruckners Symphonien vor das Publikum treten sollten oder: Das Suchen nach der Idealfassung, in: Bruckner‑Symposion 1980Franz Grasberger (Hg.), Bruckner-Symposion. „Die Fassungen“. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1980. 14.–16. September 1980. Bericht. Linz 1981, S. 39–52
- Leopold Nowak, „Urfassung“ und „Endfassung“ bei Anton Bruckner, in: Über Anton BrucknerLeopold Nowak, Über Anton Bruckner. Gesammelte Aufsätze 1936–1984. Wien 1985, S. 34–37
- Thomas Röder, Auf dem Weg zur Bruckner-Symphonie. Untersuchungen zu den ersten beiden Fassungen von Anton Bruckners Dritter Symphonie (Beihefte zum Archiv für Musikwiss. 26). Stuttgart 1987
- Peter Gülke, Brahms. Bruckner. Zwei Studien. Kassel 1989
- Wolfgang Kühnen, Die Botschaft als Chiffre. Zur Syntax musikalischer Zitate in der ersten Fassung von Bruckners Dritter Symphonie, in: Bruckner-JahrbuchBruckner-Jahrbuch. (Wechselnde Herausgeber). Linz 1980ff. 1991/92/93, S. 31–43
- Bruckners Symphonien in BearbeitungenWolfgang Doebel, Bruckners Symphonien in Bearbeitungen. Die Konzepte der Bruckner-Schüler und ihre Rezeption bis zu Robert Haas (Publikationen des Instituts für Österreichische Musikdokumentation 24). Tutzing 2001
- Briefe IIAndrea Harrandt/Otto Schneider (Hg.), Briefe von, an und über Anton Bruckner. Bd. II. 1887–1896 (NGA XXIV/2). Wien 2003
- Paul Hawkshaw, Vorwort, in: NGAAnton Bruckner. Sämtliche Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hg. v. der Generaldirektion der Österreichischen Nationalbibliothek und der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1951ff. (Editionsleitung: Leopold Nowak, auch als Neue Gesamtausgabe bezeichnet) XVIII und Revisionsbericht (2004) S. V–X
- IBG‑MitteilungsblattMitteilungsblatt der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Studien & Berichte. Hg. v. der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1971ff. Nr. 73 (Dezember 2009)
- Thomas Röder, Blick in die Werkstatt: Bruckners Arbeitsweise, in: Bruckner-Handbuch 2010Hans-Joachim Hinrichsen (Hg.), Bruckner-Handbuch. Stuttgart–Weimar 2010, S. 73–88
- Alberto Fassone, Anton Bruckner und seine Zeit. Laaber 2019, S. 275–290
- Benjamin Korstvedt, What is a version? ... And what difference does it make?, in: The Bruckner Journal 24 (2020) H. 1, S. 4–12
- Benjamin Korstvedt, Die wahre Geschichte der Vierten Symphonie. Oder: haben wir ihr Fassungsproblem falsch verstanden?, in: IBG-MitteilungsblattMitteilungsblatt der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Studien & Berichte. Hg. v. der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1971ff. Nr. 94 (Juni 2020), S. 14–23
- Juan Ignacio Cahis, Is the traditional approach to the problem of the printed editions of Bruckner's symphonies valid today?, in: www.abruckner.com [15.5.2017]