Helgoland (WAB 71) „Hoch auf der Nordsee, am fernesten Land“

Chorballade für vierstimmigen Männerchor und großes Orchester (2 Fl., 2 Ob., 2 Klar., 2 Fg., 4 Hr., 3 Trp., 3 Pos., Kbtb., Pk., Becken, Str.) in g‑Moll, „Kräftig, nicht schnell“

Text: August Silberstein
EZ: April bis 7.8.1893
W: Wiener Männergesang-Verein („Dem Wiener-Männer-Gesang-Verein zur Feier seines 50jährigen Bestandes gewidmet“)
UA: 8.10.1893 in Wien, Winterreitschule (Wiener Männergesang-Verein; Wiener Philharmoniker; Eduard Kremser)
Aut.: ÖNB‑MS (Mus.Hs.19485)
ED: Doblinger, Wien 1899 (Partitur); Klavierauszug von Cyrill Hynais (1893)
NGA: Band XXII/2 (Franz Burkhart/Rudolf H. Führer/Leopold Nowak, 1987)

Während der Arbeit an seiner Neunten Symphonie schrieb Bruckner für die Feiern zum 50‑jährigen Bestehen des Wiener Männergesang-Vereins diese Chorballade, von ihm selbst als „symphonischer Chor“ bezeichnet. Der stark deutsch-nationalistisch gefärbte Text von Silberstein, der dem 1868 erschienenen Gedichtband Mein Herz in Liedern entnommen ist, erzählt von der Vernichtung einer die deutsche Insel Helgoland bedrohenden Römerflotte, deren Trümmer von den siegreichen Germanen im Triumph erbeutet werden. Zur Entstehungszeit des Gedichts fand vor Helgoland während des Krieges Preußen–Österreich gegen Dänemark 1864 ein Seegefecht zwischen einer preußisch-österreichischen und einer dänischen Flotte statt. Zur Zeit der Komposition war Helgoland durch den sogenannten Sansibar-Vertrag von 1890, in dem Sansibar in britischen, im Austausch dafür Helgoland in deutschen Besitz überging, wieder in den politischen Schlagzeilen.

Die Komposition – erste Skizzen am 20.4.1893 – folgt weitgehend der Strophengliederung der Textvorlage. Die Orchestereinleitung versetzt bereits in die Gewitter- und Schicksalsstimmung der dichterischen Vorlage. Die innere Anlage des Gedichts verknüpfte Bruckner mit der Idee der Sonate: dreiteilige Form mit abschließender Coda. Der 1. Teil schildert das Herannahen der Feinde und die Ankündigung des Gebets (Exposition mit lyrischem Abschnitt), der 2. Teil die Anrufung Gottes und „Allvaters“ („Der du in den Wolken thronest“, eingeschobener langsamer Satz), der 3. Teil greift auf die Dramatik des 1. Teils zurück und enthält den Bericht über Sturm und Untergang sowie über den Triumph der Inselbewohner (Reprise mit Durchführungselementen). Die Coda schließt mit dem Hymnus „O Herrgott, dich preiset frei Helgoland“. Das Originalmanuskript vermachte Bruckner der Hofbibliothek (heute Österreichische Nationalbibliothek).

Theodor Helm lobte: „Ein Stück von großartiger Ausdruckskraft, […]“ (Pester Lloyd 9.10.1893, S. 2), während Robert Hirschfeld bemerkte: „Die Wucht der Feuermotive [...], die Kühnheit der Conception, die meisterlich zwingende Behandlung des Bläserchors, die in flammender Gluth aufschießenden Blitzklänge, welche aus dem erregten Orchester wettern, verrathen die immer lebensfreudige Jugendkraft des greisen Tonsetzers. Aber der Chor bricht rücksichtslos wie ein Instrumentalkörper aus den Schranken des vocalen Styles, aus den Grenzen der Möglichkeit. [...] Das ist mehr Kraftprobe als Kunstwerk. An den Klippen dieses fürchterlichen Tonsatzes zerschellt der Gesang. Ist das die Zukunft des Männergesanges, dann hat er keine.“ (Die Presse 12.10.1893, S. 1f.).

Der Wiener Männer-Gesangverein setzte sich auch weiterhin für dieses Werk ein. 1896 erklang es erstmals in Berlin (Berliner Liedertafel). In späteren Jahren kam ebenso wie beim Germanenzug wegen des „unerträglichen“ (ÖNB‑MS, F31.Auer.560) Textes der Gedanke an eine Neudichtung für Helgoland auf. 1952 bearbeitete Fritz Wilhelm Paul Oeser das Werk für gemischten Chor mit neuem Text („Dröhne, du Donner“). Aus den Jahren 1980 und 1993 liegen Plattenaufnahmen vor.

Literatur

ANDREA HARRANDT

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 12.5.2017

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ACDH, Abteilung Musikwissenschaft