Heuberger, Richard (Franz Joseph)
* 18.6.1850 Graz, Steiermark/A, † 28.10.1914 Wien/A. Komponist, Musikschriftsteller, Dirigent.
Studium an der Technischen Hochschule in Graz (Staatsprüfung 1875, Bahn-Ingenieur), musikalische Studien bei Wilhelm Mayer (Pseud. W. A. Rémy [1831–1898]); seit 1876 in Wien lebend. Zunächst Chormeister des Wiener Akademischen Gesangvereins, 1878–1881 der Wiener Singakademie, 1902–1909 2. Chormeister des Wiener Männergesang-Vereins. Gefürchteter Musikkritiker u. a. beim Wiener Tagblatt (ab 1881) und bei der Neuen Freien Presse (ab 1895, als Mitarbeiter Eduard Hanslicks; Pressewesen zur Zeit Bruckners). Ab 1903 Professor für dramatische Komposition am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, ab 1909 Lehrer für sämtliche theoretischen Fächer und Partiturspiel an der k. k. Musikakademie. Ausschussmitglied des Wiener Tonkünstler-Vereines (1894–1903). Als Bühnenkomponist war er anfangs stark von Richard Wagner beeinflusst, als Symphoniker, Lied-, Kammermusik- und Chorkomponist im Fahrwasser seines Freundes Johannes Brahms, in dessen Bekanntenkreis er viel verkehrte. Seine Bemühungen um die Schaffung einer heiteren deutschsprachigen „Konversationsoper“ führten zu seinem populärsten Bühnenwerk, der Operette Der Opernball (1898).
Heuberger sah sich in der Auseinandersetzung zwischen „Wagnerianern“ und dem Brahms-Kreis als Vermittler mit dem größten Verständnis für beide Seiten. Er verehrte Bruckner als Mensch und großen Kirchenmusiker, zu Bruckners symphonischem Werk und dessen Architektur hatte er wenig Zugang (Form in Bruckners Symphonien). Wie aus einem kurzen Briefwechsel hervorgeht, lud Heuberger Ende 1891 anlässlich der im Jahr darauf geplanten Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen in Wien im Namen des Komitees Bruckner zur Komposition einer „Hymne oder Cantate“ (Briefe II, 911223) für das Eröffnungskonzert ein. Dass Brahms zuerst gefragt worden war und abgelehnt hatte, wusste Bruckner jedoch nicht. Er wählte wegen dessen „besonderer Feierlichkeit“ (Göll.-A. 4/3, S. 231) den Psalm 150, der dann aber erst am 13.11.1892 in einem Gesellschaftskonzert uraufgeführt wurde.
Heubergers vielgeschmähter Bruckner-Nachruf in der Neuen Freien Presse und im Wiener Tagblatt wurzelte in seiner Anschauung, dass ehrliche Kritik sowie Überzeugung und persönliche Wertschätzung einander nicht ausschließen dürften: „Bruckner hinterläßt das Andenken eines hochstrebenden Künstlers und eines edlen Mannes. Ueber die Werke des Ersteren können die Meinungen getheilt sein, über den Letzteren nicht. Ich wäre glücklich, wenn ich in den Chor der Huldigenden rückhaltlos einstimmen könnte, namentlich in so ernster Stunde, da der Meister ausgerungen, ausgelebt hat. Es hat mir aber nie einleuchten wollen, daß man am Rande eines offenen Grabes mit gewundenen Worten oder gar mit Lügen – und seien es die wohltönendsten – einem Dahingeschiedenen ,die letzte Ehre‘ erweise. Als verdiente ein ehrlicher Mann nicht so gut ehrliche Worte wie ehrliche Thränen.“ (Neue Freie Presse 13.10.1896, S. 2).
Werke
- Opern (Mirjam)
- Operetten (Das Baby; Der Opernball; Der Sechs-Uhr-Zug; Der Fürst von Düsterstein)
- Orchesterwerke
- Kammermusik
- Chöre
- Lieder
Schriften
- Musikalische Skizzen (Musikalische Studien 6). Leipzig 1901
- Im Foyer. Gesammelte Essays über das Opernrepertoire der Gegenwart. Leipzig 1901
- Franz Schubert (Berühmte Musiker 14). Berlin 1902
- Anton Weidinger. Biographische Skizze (Die Musik 7). Berlin 1908
- Anleitung zum Modulieren (U.E.2799). Wien 1910
- (Hg.), Luigi Cherubini, Theorie des Kontrapunktes und der Fuge. In neuer Übersetzung unter Zugrundelegung der Ausg. von Gustav Jensen (1896). Leipzig 1911
Literatur
- Richard Heuberger, Anton Bruckner, in: Neue Freie Presse 13.10.1896, S. 1f.
- Robert Hernried, Richard Heuberger. Eine Erinnerung an den Tondichter anläßlich der 10. Wiederkehr seines Todestages (28. Oktober 1914), in: Neue Musik-Zeitung 46 (1925) H. 3, S. 59–62
- Robert Hernried, Richard Heuberger, seine Brahms-Erinnerungen und sein Briefwechsel mit Künstlern seiner Zeit. Mschr. [Privatbesitz Fam. Heuberger]
- Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 4/3, S. 230f.
- Kurt Hofmann (Hg.), Richard Heuberger, Erinnerungen an Johannes Brahms. Tagebuchnotizen aus den Jahren 1875 bis 1897. 2. überarb. u. verm. Aufl. Tutzing 1976
- Peter Grunsky, Art. „Heuberger, Richard (Franz Josef)“, in: MGG²Ludwig Finscher (Hg.), Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. 29 Bde. (Sach- und Personenteil). 2. neubearb. Ausgabe. Kassel u. a. 1994–2008 8 (2002), Sp. 1488ff.
- Peter Grunsky, Richard Heuberger. Der Operettenprofessor. Wien–Köln–Weimar 2002
- Briefe IIAndrea Harrandt/Otto Schneider (Hg.), Briefe von, an und über Anton Bruckner. Bd. II. 1887–1896 (NGA XXIV/2). Wien 2003
- Peter Grunsky, Art. „Heuberger, Richard“, in: www.musiklexikon.ac.at [5.8.2019]