Tremolo
Bruckners Tremolo, das wahrscheinlich allzu rasch von Dika Newlin (1923–2006; s. Lit.) auf Richard Wagner bzw. von Alfred Orel auf die Schimäre eines „arhythmischen Untergrundes“ (Orel, S. 48) projiziert wurde, ist klassifizierbar. Der wichtigste Aspekt Bruckners betrifft zweifellos das Entwicklungstremolo, das Ernst Kurth in seiner evokatorischen Sprachweise zwar erkannte, aber eher inhaltlich apostrophierte. Tatsächlich ist es ein Verfahren, das Bruckners Versuch erklärt, aus dem negativen Ton, der Stille, zum großen Thema in Entwicklungsschritten zu gelangen. Exemplifiziert am Beginn der Vierten und Neunten Symphonie zeigt sich, dass das Tremolo vor dem eigentlichen Thema einsetzt. Kurth beschreibt diese Vorausnahme als „Bild des Werdens“ (Bd. 2, S. 606). Manfred Wagner vergleicht dieses musikalische Konstruktionsprinzip mit dem Versmaß Jambus aus der Dichtkunst. Das dem Thema vorangestellte Tremolo beginnt daher auf einer unbetonten Metrumzeit, während dem Thema bzw. Motiv die betonte Metrumzeit zufällt (Wagner, S. 334–340).
Ähnlich funktionieren die Scherzi der Vierten, Fünften und Sechsten Symphonie und das Vorspiel zum „Et resurrexit“ des Credo aus Bruckners Messe in f‑Moll.
Entwicklungstremolo
Die anderen Tremolo-Kategorien Bruckners sind eher vertraut. Sein theatralisch-dramatisches Tremolo (Wagner, S. 328) kommt aus dem Geiste Claudio Monteverdis (1567–1643) und ist hauptsächlich der geistlichen Musik zugeeignet, sein symphonisch-dramatisches Tremolo stammt aus den Mitteln der Dramaturgie, wie sie Ludwig van Beethoven und Franz Schubert vorgezeichnet haben. Bruckners Nachhalltremolo (Wagner, S. 340–342), das möglicherweise als Pendant zum Entwicklungstremolo angesehen werden kann, könnte – abgesehen von der Verfallsqualität (Wagner, S. 340f.; Kurth spricht von einer „tönend gewordene[n] Leere“, Bd. 1, S. 433) – auch als Technik verstanden werden, die von den akustischen Dispositionen des Orgelklanges ausgeht.
Nachhalltremolo
Bruckners „variatives Klangfarbentremolo“ (Wagner, S. 342–345) ist ein Mittel der Kompositionstechnik, wie es bei R. Wagner, Hector Berlioz, Richard Strauss und auch schon in früheren Orchestrationslehren nachgelesen werden kann. Eine Besonderheit dürfte darin liegen, dass Bruckner im Orchestertremolo eine Art Tremulantregister der Orgel zieht (im Sinne Johann Gottlieb Walthers [Musicalisches Lexicon 1732]). Diesen registrativen Charakter übernehmen auch alle ff-Stellen innerhalb der Symphoniesätze analog dem organum plenum.
Orchestertremolo
Die Geschichte der Erforschung des Bruckner‘schen Tremolo, die aber mehr oder weniger abgeschlossen sein dürfte, zeigt jedenfalls in ihren einzelnen Phasen wie so oft die Abhängigkeit der Autoren von ihrer eigenen Disposition in der Einschätzung Bruckners.
Literatur
- Alfred Orel, Anton Bruckner. Das Werk. Der Künstler. Die Zeit. Wien–Leipzig 1925
- Ernst Kurth, Bruckner. 2 Bde. Berlin 1925
- Dika Newlin, Bruckner, Mahler, Schoenberg. New York 1947
- Manfred Wagner, Zum Tremolo in der Musik Anton Bruckners, in: Bruckner-Studien 1975Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Studien. Festgabe der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zum 150. Geburtstag von Anton Bruckner (Veröffentlichungen der Kommission für Musikforschung/Philosophisch-Historische Klasse 16). Wien 1975, S. 323–346



