Strauss, Richard (Georg)

* 11.6.1864 München, Bayern/D, † 8.9.1949 Garmisch, Bayern/D. Komponist, Dirigent.

Sohn des Hornisten des Bayerischen Hoforchesters Franz Joseph Strauss (1822–1905); früher Klavier- und Violinunterricht, erste Kompositionen im Alter von sechs Jahren, 1875–1880 Unterricht in Musiktheorie, Orchestration und Komposition. Seine erste Konzertreise führte in 1882 nach Wien, wo sein Concert in d-Moll für Violine mit Klavierbegleitung durch den Komponisten uraufgeführt wurde. Eduard Hanslicks Bericht zufolge verriet dieses Konzert „ein nicht gewöhnliches Talent“ (Neue Freie Presse 12.12.1882, S. 2), die Musikkritik der Wiener Sonn- und Montags-Zeitung aber sprach von einem „Product[ ] schülerhafter Gedankenlosigkeit und Selbstgefälligkeit“ (Wiener Sonn- und Montags-Zeitung 10.12.1882, S. 3). Bis 1882 komponierte er um die 140 Werke. 1884 trat er in München erstmals als Dirigent auf. 1885/86 Hofmusikdirektor in Meiningen auf Vermittlung Hans Guido von Bülows, 1886–1889 dritter Kapellmeister der Münchner Hofoper, 1889–1894 Großherzoglich-Sächsischer Kapellmeister in Weimar, 1894–1896 zweiter, 1896–1898 als Nachfolger Hermann Levis erster Hofkapellmeister in München, 1898–1918 erster Preußischer Kapellmeister an der Berliner Hofoper. Nach dem Ersten Weltkrieg 1919–1924 Direktor der Wiener Staatsoper gemeinsam mit Franz Schalk, 1920 Mitbegründer der Salzburger Festspiele und 1922–1924 deren Präsident, 1920–1923 mehrere längere Konzertreisen nach Nord- und Südamerika. Aus dem Amt des Präsidenten der Reichsmusikkammer (1933–1935) wurde er nach zwei Jahren wieder entlassen, da er aus Sicht des nationalsozialistischen Regimes die spezifisch ideologischen Maßnahmen gegen jüdische Künstler nicht ausreichend vorantrieb – im Gegenteil, er arbeitete ab 1931 mit dem jüdischen Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) an der Oper Die schweigsame Frau. Das Entnazifizierungsverfahren gegen ihn wurde im Juni 1948 mit einem Freispruch eingestellt.

Die Beziehung Bruckner–Strauss ist bis heute im Wesentlichen unbeachtet geblieben, was wohl auf mangelnde biografische und stilistische Verbindungslinien zurückzuführen ist. Wenn auch Bruckner öfters zu den „Neuen“ um die Jahrhundertwende gezählt wurde, lag doch eine Parallelisierung von Strauss und Gustav Mahler weit näher.

Bruckners letzte Lebensspanne fiel in die große Zeit der Tondichtungen. So kannte er von Strauss sowohl Don Juan als auch Till Eulenspiegels lustige Streiche. Laut August Stradal schätzte er das erstgenannte Werk, über das zweite sind kontroverse Ansichten überliefert. Seine Einschätzung „sehr interessant“ war häufig sarkastisch gemeint (Göll.-A. 4/3, S. 548 und Anm. 2). Grundsätzlich dürfte Bruckner der Gattung „Tondichtung“, wenn auch von den Neudeutschen ästhetisch forciert, verständnislos gegenüber gestanden sein. (So kannte er mit Ausnahme von Torquato Tasso und der Faust-Symphonie wohl auch keine weiteren Tondichtungen von Franz Liszt.)

Strauss hörte bereits im Alter von 21 Jahren die Siebente Symphonie und notierte danach in seinem Schreibkalender (10.3.1885): „sehr originelle Sinfonie eines alten Wiener Organisten“ (zit. n. Trenner, S. 39), sein Interesse hielt sich jedoch zeitlebens in engen Grenzen. August Göllerich versuchte ihn für Bruckner zu gewinnen, indem er symphonische Ausschnitte vierhändig mit ihm spielte. Allerdings blieb dies ziemlich erfolglos, denn über die Vierte und das Adagio der Siebenten Symphonie sind eher negative Urteile überliefert. So äußerte Strauss nach dem Durchspiel des Kopfsatzes der Vierten zu Göllerich: „Es kommt zu nichts!“ (Göll.-A. 4/3, S. 168, Anm. 2). Melodik, Form und Umfang widersprachen seinen kompositorischen Vorstellungen. Einmal äußerte er über die Anlage der Sonatenhauptsatzform: „bei Anton Bruckner, dem ‚stammelnden Zyklopen‘, platzt sie tatsächlich, besonders in den Finales“ (Betrachtungen und Erinnerungen, S. 210). Stilistisch sah er Bruckner – ähnlich wie Johannes Brahms – eher epigonal und ordnete seine Musik als „erzählend“ (im Gegensatz zu dramatisch) ein.

In einem Brief an die Eltern (7.11.1901) bezeichnete Strauss seinen Kollegen als „mir persönlich auch nur sehr bedingt sympathisch“ (Schuh 1954, S. 248). Diese widersprüchliche Einstellung zeigte sich deutlich anlässlich eines Buchprojektes von Max von Millenkovich, der für die von Strauss herausgegebene Reihe Die Musik 1904 einen Band über Bruckner (und Hugo Wolf) schreiben sollte. Strauss bekannte in einem Brief (17.7.1904), dass ihm „jedes tiefere Verständnis“ für den Komponisten fehle, lobte jedoch den „Melodiker“, dessen „primitives contrapunktisches Stammeln“ (Brosche, S. 28) er hingegen scharf ablehnte. Der Band wurde schließlich doch nicht in der Reihe veröffentlicht, da Millenkovich zu divergente Ansichten vertrat.

In von Strauss entwickelten Programm-Vorschlägen für Konzerte taucht der Name Bruckner wiederholt auf. Sehr hart urteilte er hingegen in einem Brief (8.3.1935) an Emil Nikolaus von Reznicek (1860–1945): „Völlig überflüssig erscheint mir die stinklangweilige Bauernmusik des guten Anton: Te Deum, wenns aus ist, benamst!“ (Strauss/Reger, S. 290).

Ob es im April 1895 in Wien zu einem kurzen Besuch bei Bruckner gekommen ist, lässt sich bis heute quellenmäßig nicht belegen. Tatsache ist, dass sich ein Bogen zum Finale der Neunten Symphonie als offensichtliches Geschenk im Nachlass von Strauss befand. Die Ähnlichkeit von Bruckners Choralthema mit jenem des „Sonnenaufganges“ aus der viel später entstandenen Alpensinfonie ist aber wohl zufällig (Finale der IX. Sinfonie, S. 51, Anm. 89). Den Kompositionsbeginn an den Metamorphosen assoziierte Strauss überraschend mit Bruckners Adagio-Typus und „Orgelruhe“ (Steiger, S. 171); ein Adagio-Thema zu einem unvollendeten Violinkonzert aus der Spätzeit weist in seiner Gestik Bruckner-Nähe auf (Schuh 1950, S. 393).

Als Dirigent führte Strauss fast alle Symphonien Bruckners – die Dritte sogar häufig – auf. Am 21.8.1923 leitete er im Rahmen einer Südamerika-Tournee der Wiener Philharmoniker die argentinische Erstaufführung der Siebenten Symphonie in Buenos Aires (Argentinien).

Werke
  • Opern, Bühnen- und Ballettmusik
  • Orchesterwerke (Symphonien, Tondichtungen, Serenaden, Ouvertüren)
  • Kammermusik
  • Klaviermusik
  • Chöre
  • Lieder
Schriften
  • (Hg.), Die Musik. Sammlung illustrierter Einzeldarstellungen. Berlin 1903–1904
  • (Hg.), Hector Berlioz, Instrumentationslehre. 2 Bde. Leipzig 1904–1905
  • Kultur, Wirtschaft, Recht und die Zukunft des deutschen Musiklebens. Vorträge und Reden von der 1. Arbeitstagung der Reichsmusikkammer (Bücherei der Reichsmusikkammer 1). Berlin 1934
  • Erinnerungen an die Aufführungen meiner Opern. Der Rosenkavalier. o. O. 1942
  • Willy Schuh (Hg.), Richard Strauss, Betrachtungen und Erinnerungen. Zürich 1949
Literatur

ERICH WOLFGANG PARTSCH

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 22.7.2020

Medien

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Abbildungen

Abbildung 1: Neue Zeitschrift für Musik 72 (1905) H. 22/23, Beilage [o. S.]

Abbildung 2: Neue Zeitschrift für Musik 91 (1924) H. 6, S. 292/1

Abbildung 3: Stammbaum, in: Neue Zeitschrift für Musik 101 (1934) H. 6, S. 596/1

Normdaten (GND)

Strauss, Richard (Georg): 11861911X

Links

ACDH, Abteilung Musikwissenschaft