Kurth, Ernst
* 1.6.1886 Wien/A, † 2.8.1946 Bern/CH. Musikforscher und Pädagoge.
Studium der Musikwissenschaft seit 1904 in Wien; Promotion 1908 bei Guido Adler. 1911 Lehrtätigkeit in Wickersdorf; seit 1912 Dozent an der Universität Bern (ab 1927 als Ordinarius für Musikwissenschaft).
Mit seinen Schriften gilt Kurth als Wegbereiter der musikalischen Analytik. Kurths Bruckner-Forschungen schlagen sich erstmals in der Studie über die romantische Harmonik nieder (Romantische Harmonik und ihre Krise in Wagners Tristan, 1920). Ihr folgt 1925 eine umfassende Monografie über die Musik Bruckners (Bruckner, 1925). In der Würdigung des kompositorischen Gesamtwerks hebt Kurth die musikgeschichtliche Bedeutung von Bruckners Symphonik als Höhepunkt der Musikgeschichte hervor.
Historische Einordnung und ästhetische Wertung der Symphonien Bruckners wurzeln in den geschichtsphilosophischen und ästhetischen Anschauungen, die seit der Wickersdorfer Zeit das Schrifttum Kurths prägen, als der Musikforscher mit August Halm in nähere Berührung kommt. Barocke „Linienkunst“, klassische Periodenstruktur und romantische Expressivität finden in der Symphonik Bruckners ihre beispielhafte Synthese. Melodie und Harmonie erscheinen als dialektische Gegensätze, aus denen – unter Mitwirkung von Rhythmik, Dynamik, Agogik und Klangfarbe (Instrumentation) – die symphonische Form hervorgeht. Die Symphonie Bruckners gilt als Synthese einer dialektischen musikhistorischen Entwicklung und wird zum ästhetischen Paradigma für die Musik schlechthin und damit zur „absoluten Musik“. Form ist hierbei als die „Bezwingung der Kraft durch Raum und Zeit“ (Kurth 1925, Bd. 1, S. 239) definiert. In seinem Formbegriff ist Kurth durch philosophisch-ästhetische Traditionen (Arthur Schopenhauer [1788–1860], Richard Wagner) ebenso geprägt wie durch die Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Psychologie.
Bei der Gliederung des symphonischen Schaffens sieht Kurth von der chronologischen Entstehungsreihe der einzelnen Symphonien ab und ordnet das symphonische Schaffen stilistischen Kriterien unter. Als „Entwicklungspole“ (Kurth 1925, Bd. 2, S. 559) dienen hierbei die Vierte und Neunte Symphonie, an deren stilistischer Gegensätzlichkeit sich die Einordnung der übrigen Symphonien orientiert. Neben zahlreichen analytischen Einzelbeobachtungen, auf welche die Bruckner-Forschung immer wieder zurückgreift, ist es vor allem der anhand der Symphonik Bruckners herausgearbeitete dynamische Formbegriff, dessen Formulierung zu Kurths bedeutenden Leistungen gehört. In der Beschreibung des dynamischen Formbegriffs greift Kurth auf Metaphern der organischen Natur ebenso wie auf Begriffe aus den Naturwissenschaften zurück. Entwicklung, Steigerung bzw. Steigerungsanlagen, Spannung, Zusammenballung, Entladung, Verebben konstituieren die „Welle“ oder den „Wellenzug“ als musikalisches Formprinzip (vgl. dazu Kurth 1925, Bd. 1, II. Abschnitt, Kap. II und III). Form erscheint als Synthese gegensätzlicher Kräfte. Damit stellt sich Kurth in eine Reihe mit anderen zeitgenössischen Musikschriftstellern wie Alfred Lorenz (1868–1939), Friedrich Blume (1893–1975), Kurt Westphal (1903–1978) u. a., mit denen er den Entwicklungsgedanken teilt.
Die Arbeiten Kurths sind seit ihrer Veröffentlichung immer wieder sehr kontrovers diskutiert worden. Im Wesentlichen stand hierbei die eigentümliche Verschränkung naturwissenschaftlich geprägter und konstruktivistisch architektonischer Beschreibungsformen sowie die romantisch ästhetische Überhöhung der Musik im Mittelpunkt. Auch die Beschreibung der Symphonik Bruckners, die in „unendlicher Melodie“ zur „reinen Form“ wird, gehört zu den unauflösbaren Paradoxien im Musikschrifttum Kurths. Seit den 1990er Jahren rezipiert die anglo-amerikanische Bruckner-Forschung die Arbeiten Kurths und macht sich das Entwicklungsdenken ebenso wie die architektonisch konstruktiven Begriffe zu eigen.
Schriften
- Romantische Harmonik und ihre Krise in Wagners „Tristan“. Bern 1920
- Bruckner. 2 Bde. Berlin 1925
- Musikpsychologie. Berlin 1931
Literatur
- Willy Hess, Die Dynamik der musikalischen Formbildung. 2 Bde. Wien 1960/64
- Bruckner-Bibliographie IRenate Grasberger, Bruckner-Bibliographie (bis 1974) (Anton Bruckner. Dokumente und Studien 4). Graz 1985
- Kurt von Fischer, Ernst Kurth (1886-1946): Persönlichkeit, Lehrer und Musikdenker, in: Joseph Willimann (Hg.), Gedenkschrift Ernst Kurth 1886–1946 (Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft, N. F. 6/7 1986/87). Bern 1989, S. 11–21
- Carl Dahlhaus, Geschichte der Musiktheorie. Bd. 11/2: Die Musiktheorie im 18. und 19. Jahrhundert. Deutschland. Darmstadt 1989
- Rafael Köhler, Natur und Geist. Energetische Form in der Musiktheorie (Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft 37). Stuttgart 1996
- Lee A. Rothfarb (Hg.), Ernst Kurth. Selected Writings (Cambridge studies in music theory and analysis 2). Cambridge–New York 1991
- Bruckner und die NachweltChrista Brüstle, Anton Bruckner und die Nachwelt. Zur Rezeptionsgeschichte des Komponisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 1998
- Perspectives on Anton BrucknerCrawford Howie/Paul Hawkshaw/Timothy Jackson (Hg.), Perspectives on Anton Bruckner. Aldershot 2001
- Christa Brüstle, The musical image of Bruckner, in: The Cambridge Companion to BrucknerJohn Williamson (Hg.), The Cambridge Companion to Bruckner (Cambridge Companions to Music. Composers). Cambridge 2004, S. 244–260