Malta (Rezeption)
Bruckners kleinere Chorwerke für den liturgischen Gebrauch, wie Locus iste, Os justi und der siebenstimmige a cappella-Satz von Ave Maria (WAB 6) wurden und werden noch immer gerne von maltesischen Chören in verschiedenen Kirchen von Malta und Gozo aufgeführt. Eine gesicherte Erstaufführung dieser Werke zu datieren, ist eher schwierig. Zu den auf diesen Inseln bekanntesten kleinen Chorwerken Bruckners zählt definitiv das Locus iste, das u. a. am 7.11.2009 von der 60‑köpfigen St. Paul‘s Choral Society unter der Leitung ihres musikalischen Direktors, dem Arzt und Organisten Hugo A. Muscat (* 1961), in der St. Paul‘s Anglican Pro-Church am Independence Square in Valletta zur Aufführung gebracht wurde. Der 1983 gegründete maltesische Chor Collegium Musicum unter der Leitung von Dion Buhagiar (* 1944) hat ebenfalls Locus iste, Os justi und Christus factus est (WAB 11) in seinem Repertoire. Der Jubilate Deo Choir singt unter der Leitung von Christoper Muscat (* 1977) regelmäßig Bruckners Tantum ergo (WAB 41/2) in Messen der Naxxar Parish Church. Auch die Schola Cantorum Jubilate, ein Chor aus Gozo, bringt Bruckners kleinere Chorwerke regelmäßig zur Aufführung.
Von den größeren Chorwerken wurde das Te Deum am 10.6.1985 an der St. John‘s Co-Cathedral in Valletta durch die Malta Choral Society unter der Leitung des gozischen Dirigenten Joseph Vella (1942–2018) und mit Hugo A. Muscat an der Orgel erstaufgeführt (laut Angaben von Muscat und Albert G. Storace). Es ist sehr wahrscheinlich, dass Bruckners Requiem in d-Moll (WAB 39), die Psalmen, die drei großen Messen sowie Helgoland noch nie auf den maltesischen Inseln erklungen sind.
Konzerte mit Symphonien Bruckners als auch Studioaufnahmen der Symphonien gestalten sich auf den kleinen Inseln mit geringer Einwohnerzahl schwierig, da sie über wenige Orchester verfügt. Trotzdem konnte am 8.10.2002 im Manoel Theatre in Valletta durch das National Orchestra of Malta unter der Leitung von Michael Laus (* 1960) Bruckners Vierte Symphonie aufgeführt werden. Anlass war das Konzert zur Saisoneröffnung des Theaters, bei welchem auch das Adagietto aus Gustav Mahlers Fünfter Symphonie und die Vier letzten Lieder von Richard Strauss zu hören waren. Darüber existiert ein interessanter Bericht – mit einer kritischen Analyse der Bruckner-Interpretation von Cecilia Xuereb (* 1958) –, aus dem hervorgeht, dass diese Aufführung eine maltesische Premiere war und de facto die bisher einzige Aufführung einer Bruckner-Symphonie auf den maltesischen Inseln.
Abgesehen von den bereits erwähnten maltesischen Dirigenten, die Bruckner in lokalen Konzerten aufführten, war einer der Pioniere, der die Bruckner-Rezeption auf den maltesischen Inseln durch Einspielungen anregte, der Liebhaber klassischer Musik und frühere Radioredakteur Aldo Fenech (* 1944). Fenech präsentierte auf dem nationalen Kultursender FM Bronja von 1.10. bis 19.12.2000 die Reihe Bruckner: Zwischen Zweifel und Glauben, die alle elf Symphonien Bruckners ausstrahlte sowie die meisten seiner Orchester- und großen Chorwerke. Andere Radioprogramme mit den Höhepunkten der Bruckner-Einspielungen wurden auch vom bekanntesten Kritiker im Bereich der klassischen Musik, Albert G. Storace (* 1944), gebracht.
Angeregt durch die Aktivitäten des in Großbritannien beheimateten Bruckner Journals bemühte sich der Bruckner-Forscher Martin Spiteri (* 1959) seit den späten 1990er Jahren um die Gründung einer maltesischen Bruckner-Gruppe an der University of Malta. Im April 2008 erklärte sich das German-Maltese Circle Commitee bereit, der zu gründenden Bruckner-Gruppe den Messina-Palast aus dem 16. Jahrhundert (St. Christopher Street 141, Valletta) für Treffen und öffentliche Anlässe zur Verfügung zu stellen. Am 5.12.2008 fand ein erstes Treffen von Spiteri (Sekretär des German-Maltese Circle Commitee), Victor H. Sammut (Geschäftsführer des German-Maltese Circle Commitee) und Caroline Gudenus (österreichische Botschafterin in Malta) statt, um die Gründung einer Bruckner-Gruppe in Malta zu diskutieren. In der Folge formierte sich eine erste Kerngruppe, bestehend aus Spiteri, Aldo und Gerald Fenech, Albert G. Storace, Laurence Grech, Joseph Briffa und Marianne Azzopardi. Letztendlich wurde jedoch entschieden, dass Bruckner durch eine Gruppe für klassische Musik im Allgemeinen, da diese ein größeres Publikum anspricht, besser gefördert werden könnte. So wurde am 29.4.2009 die German-Maltese Circle Classical Music Group gegründet, welche sowohl Bruckners Musik als auch jene anderer österreichischer und deutscher Komponisten fördert. Am 26.2.2010 fand die erste Bruckner-Präsentation der Gruppe statt, die sich mit der Neunten Symphonie und den neuesten Vervollständigungen und Aufnahmen des Finales befasste.
Generell sind privat wie auch kommerziell angebotene Aufnahmen von klassischer Musik, die in Malta aufgeführt wurden, sehr selten. Was Bruckner betrifft, wurde weder die vorher angeführte Aufführung der Vierten Symphonie aufgenommen, noch das Konzert des Te Deum 1985; auch nicht für archivalische Zwecke. Die erwähnten Radioprogramme scheinen ebenfalls nicht archiviert worden zu sein. So gibt es derzeit keine in Malta entstandene Aufnahme eines Bruckner-Werkes.
Bisher existiert auch noch kein Buch eines maltesischen Autors über Bruckner. Aldo und Gerald Fenech veröffentlichten in der lokalen Presse und auf www.classical.net Artikel über Bruckner und CD-Besprechungen.
Literatur
- Martin E. Spiteri, Discovering Bruckner for the first time, in: The Bruckner Journal 9 (2005) H. 1, S. 17
- Martin E. Spiteri, Giuseppe Sinopoli (1946–2001). A Survey of his Bruckner Performances (1983–99), in: The Bruckner Journal 12 (2008) H. 2, S. 34–42
- www.classical.net/search/search.pl?Terms=fenech [21.9.2020]