Entsagen (WAB 14) „O Maria! Du Jungfrau mild und hehr!“

Kantate für S- oder T-Solo, vierstimmigen gemischten Chor und Orgel oder Klavier in B‑Dur

Sätze: Chor oder Quartett: „Bittend und mit Andacht“; Solo: „Langsam, betend“; Chor: „Bittend mit Andacht“
Text: aus Amaranth von Oskar Freiherr von Redwitz
EZ: um 1851 in St. Florian
W: Michael Arneth („Zum hohen Nahmensfeste gewidmet meinem Gönner und Herrn. Entsagen. Ein geistliches Lied […]“)
UA: vermutlich 1851 in St. Florian
Aut.: Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/28, Partitur-Reinschrift [Widmungsexemplar] und Stimmen)
ED: Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 2/2, S. 47–58 (1928; Faksimile); Doblinger, Wien 1956 (Ludwig Daxsperger)
NGA: Band XXII/1 (Franz Burkhart/Rudolf H. Führer/Leopold Nowak, 1987)

Bruckner bezeichnete die erste der beiden Propst Arneth gewidmeten Kantaten (die zweite, „Heil, Vater! Dir zum hohen Feste“, entstand 1852 und wurde – umgearbeitet und mit einem neuen Text „Auf, Brüder! auf zur frohen Feier!“ – 1857 Friedrich Mayer gewidmet) als „Ein geistliches Lied“ und versah sie mit der (auf Arneth zutreffenden) Widmung „Zum hohen Nahmensfeste gewidmet meinem Gönner und Herrn“. Der Text aus der Dichtung Amaranth von Redwitz stellt im 1. Teil das Gebet der Amaranth um Kraft zur Entsagung dar, im 2. Abschnitt richtet sie an Maria die Bitte: „Nimm meine Lieb‘ mir ab [...] und der so treu sie gib, die schon den Ring ihm gab“; im Schlussteil ringt Amaranth sich durch: „Ich will nicht sein begehren, doch ewig segn‘ ich ihn.“

Warum Bruckner gerade diesen als Namenstagshuldigung für einen Chorherrn und Propst so merkwürdig unpassenden Text wählte, ist ungeklärt. Möglicherweise waren biografische Hintergründe maßgeblich: Amaranth ist als Halbwaise („mutterlos“) von Maria zur Ehre ihres Sohnes großgezogen worden – Halbwaise Bruckner seit 1837 von Propst Arneth im Stift St. Florian. Amaranth ringt sich zum Verzicht auf ihre Liebe zu ihrem (ungetreuen) Bräutigam Walther durch – Bruckner hat soeben eine Zurückweisung seines Heiratsantrages durch Aloisia Bogner (Luise genannt) hinnehmen müssen. Trotz dieser Parallelen bleibt fraglich, ob Bruckner tatsächlich ein so intimes Moment wie eine misslungene Liebesbeziehung zum Thema einer offiziellen Huldigungskomposition wählen wollte oder nicht vielmehr einfach nach einem damals sehr berühmten romantischen Stoff gegriffen hat.

Die Komposition ist dreiteilig (A‑B‑A‘), die Rahmensätze sind vermutlich vom protestantischen Choral beeinflusst, wobei Bruckner in den Takten 16–19 und 110–113 (zu den Worten „Die treuste Mutter groß“ bzw. „in heimlicher Gefahr“) musikalisch die Verszeile „Voll Schmerz, bedeckt mit Hohn“ aus Johann Sebastian Bachs Choral O Haupt voll Blut und Wunden zitiert.

Der Mittelteil ist ein expressives Solo (Sopran oder Tenor) in häufigen, großen Intervallsprüngen und starker Chromatik. Die in Vierteln geführte kontrapunktische Begleitung der Orgel (des Klaviers) unterstreicht die Assoziation an barocke Opern oder Kantaten.

Der abschließende Chor greift auf den 1. Teil zurück, hat jedoch harmonisch einen anderen Verlauf, da die Modulation in die Dominante naturgemäß ausbleibt.

Wie in den meisten Werken dieser Schaffensperiode kommt auch in diesem Werk stark die Auseinandersetzung mit der durch Leopold von Zenetti vermittelten Tradition zum Tragen (Einflüsse und Vorbilder).

Literatur

ELISABETH MAIER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 12.5.2017

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Erstdruck

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ACDH, Abteilung Musikwissenschaft