Kantaten

Im Barock war die Kantate (vom italienischen „cantare“, dt. singen) neben Oper und Oratorium die wichtigste Form der Vokalmusik. Bis zum 17. Jahrhundert gab es v. a. weltliche Kantaten, geistliche kamen erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf. Mitte des 18. Jahrhunderts verloren beide Formen an Bedeutung. Seit dem 19. Jahrhundert werden zumeist ein- oder mehrsätzige weltliche oder geistliche Werke für Solo- und/oder Chorstimmen mit Instrumentalbegleitung als Kantaten bezeichnet. Deren Verse behandeln lyrische, d. h. weder epische noch dramatische Inhalte. Den weltlichen Kantaten, deren Ursprung in Italien liegt, dienen als dichterische Grundlage vorwiegend Oden oder Balladen, historische Themen, Heldensagen oder Märchen. Mit dem aufstrebenden Patriotismus entstanden im 19. Jahrhundert Männerchorkantaten, in denen sich nationale Begeisterung und monumentaler Chorklang vereinen, z. B. Max Bruchs (1838–1920) Frithjof oder Franz Wüllners (1832–1902) Heinrich der Finkler von 1864.

Bruckner schrieb zwischen 1845 und 1855 in St. Florian Werke dieser Gattung als Ehrengabe oder Gratulationsmusik, so z. B. „Namenstags-Kantaten“ für Pfarrer, Dechant und Prälat. Dazu zählen Entsagen und „Heil, Vater! Dir zum hohen Feste“ (für Michael Arneth), Festgesang (für Jodok Stülz), „Auf, Brüder! auf, und die Saiten zur Hand!“ und „Auf, Brüder, auf zur frohen Feier“ (für Friedrich Mayer) sowie Musikalischer Versuch (2. Fassung, für Alois Knauer) bzw. Vergißmeinnicht (erneut für Friedrich Mayer). Es handelt sich dabei um „Gebrauchsmusik“, die Bruckner aus Chören, Solo-Quartetten, diversen Soli mit Klavier- oder Orgelbegleitung und zum Teil mit Bläsern zu festlich klingenden Huldigungen gestaltete. Bei diesen Werken, die für bestimmte Kreise bestimmt waren, musste er sich „zeitgemäß“ ausdrücken. Mit der Festkantate, geschrieben 1862 im Auftrag von Bischof Franz Joseph Rudigier zur Grundsteinlegung des Neuen Domes in Linz, schloss er seine Arbeiten in dieser Gattung ab. Erst in seinem letzten großen Chorwerk Helgoland (1893) griff er den Typus der weltlichen Chorkantate als „Chor-Ballade“ für Männerchor und großes Orchester wieder auf.

Chronologie der Kantaten Bruckners:

1845 Musikalischer Versuch / Vergißmeinnicht (WAB 93a-b [alt 93a-c])
1851 Entsagen (WAB 14)
1852 „Heil, Vater! Dir zum hohen Feste“ (WAB 61a [alt 61] )
1852/57 „Auf, Brüder, auf zur frohen Feier“ (WAB 61b [alt 61])
1855 „Auf, Brüder! auf, und die Saiten zur Hand!“ (WAB 60)
Festgesang (WAB 15)
1862 Festkantate (WAB 16)
1870 „Heil Dir zum schönen Erstlingsfeste“ (WAB 61c)
1893 Helgoland (WAB 71), sinfonischer Chor

NGA: Band XXII (Franz Burkhart/Rudolf H. Führer/Leopold Nowak, 1987)

Literatur

ANDREA HARRANDT

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 1.9.2017

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