Motivik

Motivik und Melodik auseinanderzuhalten ist bei Anton Bruckner wahrscheinlich schwieriger als bei anderen Komponisten, weil Bruckners Entwicklungsthema zur Norm hat, mit dem Prozess der Entstehung eines Themas von seiner absoluten Nichtexistenz (dem unhörbaren Klang) über die einzelnen Entwicklungsstufen des Tremolo, der Herauslösung eines Tons, der Zufügung eines nächsten und damit der Formulierung eines Motivs zu einer melodischen Disposition zu gelangen, die ihre Maximalausbreitung im musikalischen Thema eines symphonischen oder Sonatensatzes findet.

Die Schwierigkeit besteht in der Abgrenzung von Motiv und Melodie, weil die Melodie sich in der Regel aus einer Mehrfachwiederholung des Motivs (wenn auch auf anderer Tonstufe) und einer schon im Aufbau vorgelegten Abspaltung im Sinn des klassischen Themenspektrums zusammensetzt. Deswegen lief die Vorlage einer Gesamtanalyse des Bruckner‘schen Werkes unter motivischen bzw. melodischen Aspekten von Manfred Wagner (Wagner 1970) unter dem unverbindlichen Terminus „Melodie“, der die Größenordnung von Motiv bis Thema mit einschließt und in der Systematik auch sichtbar machen konnte. Wahrscheinlich ist es aus pragmatischen Gesichtspunkten nötig, die Motivik bei Bruckner auf den kleinsten Baustein einer Melodie hin zu beschränken, also eine Art Modul, das, systematisch angewandt, die Sprachlichkeit der Melodik erst ermöglicht. In der Bruckner-Literatur hat sich dafür der Begriff „Motto“ eingebürgert. Die Motti bzw. Motive werden in den Orchesterwerken vorformuliert durch den Einsatz der Streicherstimmen, der durch das Hinzukommen der weiteren Orchesterstimmen, die wie Begleitung erscheinen, aber bereits Motto-beinhaltende Kraftnahrung sind, zum Signal anwächst. Ernst Kurth nennt es die Hauptlinie als Konzentrierung von „umzuckenden Kraftlinien“ (Kurth Bd. 2, S. 825). Siegfried Thiele (* 1934) definierte es als „vielfältige Ausprägung des Einzelklangs“ (Thiele, S. 397), Alfred Orel formulierte 1924 „Kontrapunkt der Bewegung“ (Orel, S. 227), also Linie gewordener Klang als Spannungsverhältnis zwischen Statik und Dynamik. Andere Autoren übersetzen diesen Kraftaufbau als „Anhalt zur Sammlung und zu einem gewaltigen inneren und äußeren Crescendo“ (Kretzschmar, S. 118), als „Verdichtungsprozeß“ und „Kompression“ (Tröller, S. 16), als primäre Kraft-Klangformen (Ficker, S. 32), als dualistisches Prinzip des Harmonischen und Melodischen (Halm, S. 56–73) oder als „prägnante Kurzzeile“ (Korte, S. 24).

Die Ausgangsmotti der 1. Sätze der Symphonien sind demnach eine quartausschreitende anapästische Schleife (Erste Symphonie), eine unterterziäre trochäische Schleife (Zweite), ein punktierter Quint-Oktav-Sprung nach unten (Dritte), ein Quintsprung in beide Richtungen (Vierte), eine tritonige, nach unten führende tropfende Schleife (Einleitung) und eine von unten mit kleiner Terz durchsprungene Schleife (Fünfte, T. 55), ein antizipierter Quintsprung nach unten (Sechste), eine mit Unterquart artikulierte Dreiklangdurchspringung (Siebente), eine antizipierte Sekundreibung (Achte) und eine auftaktige tonale Antizipation mit Terzsprung (Neunte Symphonie).

Aus dieser Motivik, die vor allem rhythmisch auch für das Thema prägnant wird, entwickeln sich durch Addition, Paraphrase und Ausweitung jene Melodien, die in langanhaltenden Steigerungen zur Thematik führen. Das Thema besteht demnach gänzlich aus einer Addition kleinster Bausteine, die in den Vorbereitungstakten zum Grundmotto bereits enthalten sind und über die Zusammensetzung der Motti zum Themencharakter wachsen.

Diese Motive unterscheiden sich sehr wohl von den Wagner‘schen Leitmotiven, weil jene als Themenkomplexe und nicht als Motti im Sinne Bruckners aufzufassen sind und weil Bruckners Motive im Gegensatz zu Richard Wagner immer einer Vorbereitungsphase bedürfen und erst mit der Nacharbeitung, die bereits an Durchführungen gemahnt, zu jener Themencharakteristik gelangen, die mit der Wagner‘schen Leitmotivik gleichzusetzen ist. Hier zeigt sich trotz des klanglichen Ähnlichkeitsbildes eine völlig von Wagner verschiedene thematische Entwicklung, die in jüngerer Zeit auch von den Musikologen als solche erkannt wurde und deswegen die einheitliche Zitierung im Sinne eines Motiv- oder Themenkatalogs verwirrend und schwierig macht.

Literatur
  • August Halm, Die Symphonie Anton Bruckners. München 1914
  • Alfred Orel, Zum Problem der Bewegung in den Symphonien Anton Bruckners, in: In memoriam Anton BrucknerKarl Kobald (Hg.), In memoriam Anton Bruckner. Festschrift zum 100. Geburtstage Anton Bruckners. Wien 1924, S. 202–232
  • Ernst Kurth, Bruckner. 2 Bde. Berlin 1925
  • Rudolf von Ficker, Primäre Klangformen, in: Jahrbuch der Musikbibliothek Peters 36 (1929), S. 21–34
  • Hermann Kretzschmar, Führer durch den Konzertsaal. Die Orchestermusik. Bd. 2: Sinfonie und Suite. Von Berlioz bis zur Gegenwart. 7. Aufl. Bearb. Hugo Botstiber. Leipzig 1932
  • Franz Grasberger, Anton Bruckner und Johannes Brahms. Ein Vergleich, in: Musikblätter der Wiener Philharmoniker 5 (1950/51) H. 9, S. 19–28
  • Winfried Kirsch, Studien zum Vokalstil der mittleren und späten Schaffensperiode Anton Bruckners. Diss. Frankfurt/Main 1958
  • Warren Storey Smith, The cyclic principle in musical design and the use of it by Bruckner and Mahler, in: Chord and Discord 2 (1960) H. 9, S. 3–32
  • Werner Fritz Korte, Bruckner und Brahms. Die spätromantische Lösung der autonomen Konzeption. Tutzing 1963
  • Leopold Nowak, Metrische Studien von Anton Bruckner an Beethovens III. und IX. Symphonie, in: Beethoven-Studien. Festgabe der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zum 200. Geburtstag von Ludwig van Beethoven. Hg. v. der Kommission für Musikforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien–Köln–Graz 1970, S. 361–371
  • Manfred Wagner, Die Melodien Bruckners in systematischer Ordnung. Ein Beitrag zur Melodiegeschichte des 19. Jahrhunderts. 3 Bde. Mschr. Diss. Wien 1970
  • Josef Tröller, Anton Bruckner. III. Symphonie d-Moll (Meisterwerke der Musik 13). München 1976
  • Siegfried Thiele, Bruckner und die Musik des 20. Jahrhunderts, in: Melos. Neue Zeitschrift für Musik 4 (1978) H. 5, S. 396–403
  • Constantin Floros, Brahms und Bruckner. Studien zur musikalischen Exegetik. Wiesbaden 1980
  • Michael Kopfermann, Über den Anfang des Ersten Satzes von Bruckners VIII. Symphonie, in: Heinz-Klaus Metzger/Rainer Riehn (Hg.), Anton Bruckner (Musik-Konzepte 23/24). München 1982, S. 23–70
  • Bruckner-Symposion 1984Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Symposion. Bruckner, Wagner und die Neudeutschen in Österreich. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1984. 20.–23. September 1984. Bericht. Linz 1986
  • Thomas Röder, Auf dem Weg zur Bruckner-Symphonie. Untersuchungen zu den ersten beiden Fassungen von Anton Bruckners 3. Symphonie (Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft 26). Wiesbaden–Stuttgart 1987
  • Wilhelm Gloede, Eine Hommage Anton Bruckners an Mozart?, in: Bruckner-JahrbuchBruckner-Jahrbuch. (Wechselnde Herausgeber). Linz 1980ff. 1984/85/86, S. 7–14

MANFRED WAGNER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 6.11.2018

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