Bolivien (Rezeption)

La Paz, der Regierungssitz Boliviens, ist ein interessantes Beispiel für eine der ersten Bruckner-Aufführungen in Lateinamerika. Gegenüber anderen Städten wie Buenos Aires, Santiago oder Caracas war das musikalische Leben in La Paz, der faktischen Hauptstadt und dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes, immer sehr moderat, vor allem in den 1940er und 1950er Jahren. Es ist daher umso erstaunlicher, dass gerade in La Paz die lateinamerikanische Erstaufführungen einiger Symphonien Bruckners stattfand. 1947–1953 wurden in La Paz die Zweite, Dritte und Achte Symphonie gespielt. Während die lateinamerikanische Premiere der Dritten in Buenos Aires (1928) stattfand, scheinen die Zweite und die Achte in La Paz zum ersten Mal auf lateinamerikanischem Boden aufgeführt worden zu sein.

Wie viele andere jüdische Musiker dieser Zeit floh der österreichische Dirigent und Organist Erich Eisner (* 7.6.1897 Prag/Böhmen [Praha/CZ], † 2.3.1956 La Paz) vor den Schrecken Nazi-Deutschlands (Nationalsozialismus) nach Südamerika, um dort ein neues Leben und eine neue Karriere zu beginnen. Viele andere seiner europäischen Kollegen hatten sich in Argentinien, Chile oder Brasilien angesiedelt, wo sich bereits größere Kolonien europäischer Immigranten aufhielten und sich musikalische Aktivitäten rasch entwickelten.

Eisner machte Bolivien zu seiner neuen Heimat und ließ sich zuerst in Sucre, der konstitutionellen Hauptstadt Boliviens, später in La Paz nieder. Nachdem er bereits als Musikprofessor und Chorleiter an der Escuela Nacional de Maestros (Nationale Lehrerausbildung) in Sucre gearbeitet hatte, wurde Eisner 1944 nach La Paz berufen, um das bolivianische Orquesta Sinfónica Nacional (OSN) aufzubauen und zu leiten, eine Position, die er bis zu seinem Tod innehatte. Mit Hilfe der Orchestermitglieder, unter ihnen viele geflohene jüdische Musiker, bereicherte Eisner Boliviens musikalisches und kulturelles Leben signifikant.

Als Musiker, der an der Akademie der Tonkunst der Universität München ausgebildet worden und in mehreren österreichischen und deutschen Städten engagiert war, entwickelte Eisner ein lebenslanges Interesse am österreichischen und deutschen Symphonie-Repertoire. Es ist also nur natürlich, dass Eisner während seiner Zeit als Dirigent des OSN Symphonien von Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Robert Schumann und Johannes Brahms, aber auch immer wieder herausfordernde Werke von Richard Wagner, Bruckner und Gustav Mahler in seine Konzertprogramme aufnahm.

Wegen der fehlenden finanziellen Mittel hatte Eisner Schwierigkeiten Aufführungsmaterial zu bekommen. Deshalb musste er die Noten für das Orchester aus der Partitur selbst kopieren. Auch Bruckners Zweite, Dritte und Achte Symphonie wurde von ihm eigenhändig übertragen. Da die technischen Möglichkeiten, vor allem im Bereich der Holz- und Blechbläser zu dieser Zeit sehr limitiert waren, musste Eisner zahlreiche Änderungen vornehmen, um die Arrangements an die spieltechnischen Möglichkeiten der Musiker bzw. die vorhandenen Instrumente anzupassen. Außer des Psalm 150 und anderer größerer Chorwerke waren in Bolivien nach Eisners Tod bis in die späten 1990er Jahre keine Bruckner-Werke zu hören.

Literatur
  • Miguel Ramirez, Erich Eisner, an Early Champion of Bruckner in Latin America, in: The Bruckner Journal 20 (2016) H. 3, S. 4–14
  • eigene Recherchen in Bibliothek des Orquesta Sinfónica Nacional und Universidad de San Andres

MIGUEL J. RAMIREZ

(Übersetzung: Andrea Partsch)

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 23.9.2020

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