Brasilien (Rezeption)

Brasilien besitzt viele gute Symphonieorchester, einige von ihnen wurden bereits im frühen 20. Jahrhundert gegründet oder umstrukturiert. Die berühmtesten sind das Orquestra Sinfônica do Teatro Municipal de São Paulo, das Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo (OSESP), das Orquestra Sinfônica Brasiliera (OSB) in Rio de Janeiro und das Orquestra Sinfônica de Porto Alegre. Diese Institutionen haben außerdem zu verschiedenen Zeiten unter dem Dirigat international anerkannter Künstler gespielt. Unglücklicherweise wurden die Aufführungen dieser und anderer bekannter Orchester nicht so vorbildlich dokumentiert wie in Chile. Deshalb ist es heute schwierig festzustellen, welche der österreichischen oder deutschen Werke des späten 19. Jahrhunderts von diesen Orchestern erstaufgeführt wurden.

Es gab eine reiche symphonische Tradition und einen besonderen Bruckner-Bezug in diesem Land. Tatsächlich entstand die Verbindung Bruckner–Brasilien bereits zu Lebzeiten des Komponisten. Sein Schüler Emil Lamberg zog nach Studien in Wien und Paris 1883 nach Rio de Janeiro. Bruckner bedankte sich bei Emils Vater für den brasilianischen Tabak und bat gleichzeitig um Anweisung des ausstehenden Betrages für den erteilten Privatunterricht (Briefe I, 830405).

Neben dem argentinischen Buenos Aires war die frühere brasilianische Hauptstadt Rio de Janeiro in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein wichtiges kulturelles und musikalisches Zentrum in Südamerika. Gegründet 1909 wurde das Theatro Municipal schnell zu einem wichtigen Aufführungsort für bekannte Musiker auf ihren Konzerttourneen durch den Kontinent. Die Liste der auftretenden Künstler deckt sich weitgehend mit jener der Gäste des Teatro Colón (wie das Teatro Colón war auch das Theatro Municipal gleichzeitig Opernhaus und Konzertsaal). Die wichtigsten Residenzorchester waren das Orquestra Filarmônica do Rio de Janeiro, das 1931 gegründete Orquestra do Teatro Municipal und das 1940 gegründete Orquestra Sinfônica Brasileira.

Als erstes Werk Bruckners in Brasilien wurde die Siebente Symphonie in Rio de Janeiro zwischen 1932 und 1953 drei Mal aufgeführt, als einziges Werk vor der Brasilianischen Erstaufführung der Dritten im Jahr 1956.

Walter Burle Max (1902-1990) war ein bekannter brasilianischer Pianist, Dirigent und Komponist, der 1921–1929 in Europa studiert hatte. Ab 1929 als Dirigent tätig, gründete er und leitete 1930–1933 das erste professionelle Orchester der Stadt, das Orquestra Filarmônica do Rio de Janeiro, mit dem er am 11. August 1932 die Siebente Symphonie erstmals aufführte.

Eugen Szenkar (1891-1977) war ein ungarisch-jüdischer Pianist und Dirigent, der nach seiner Flucht aus Deutschland 1933 über Österreich und die Sowjetunion nach Rio de Janeiro kam, wo ihn der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zum Bleiben in Brasilien zwang. 1940 war er unter den Gründern des Orquestra Sinfônica Brasileira, dessen Leiter er bis zu seiner Rückkehr nach Europa 1949 blieb. Am Ende seiner Direktionszeit leitete er am 12. Juli 1947 die Siebente Symphonie.

Als erstes Chorwerk Bruckners erklang am 28. Juni 1932 ein Tantum ergo mit dem Hamburger Madrigalchor unter Otto Stöterau (1900–?) in Rio de Janeiro. Im August 1937 folgten ein Ave Maria und das Locus iste mit dem Regensburger Domchor unter Theobald Schrems (1893-1963), im November 1938 Trösterin Musik mit der Grupo Côral Lyra unter Walter Sommermeyer (1883–?). Afferentur regi und Ecce sacerdos im Juli 1960 mit dem Michigan Chorale unter Lester McCoy (1906–?), Psalm 150 im April 1964 mit Orquestra e Coro do Teatro Municipal unter Edvard Fendler (1902-1987) und Um Mitternacht (ob WAB 89 oder 90 ist nicht nachweisbar) im August 1966 mit den Wiener Sängerknaben unter Anton Neyder.

Unter den weiteren belegbaren Aufführungen findet sich jene der Zweiten Symphonie am 27.9.1982 unter David Machado (1938–1995) und dem Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo als einer der Höhepunkte. Dasselbe gilt für die Aufführungen des OSESP unter Eleazar de Carvalho (1912–1996) in den 1990er Jahren. Bemerkenswert ist auch die brasilianische Erstaufführung von Bruckners Streichquintett in F-Dur, in welcher der Geiger Erich Lehninger das Trio de Cordas São Paulo (und Gäste) am 12.6.1994 in São Paulo leitete.

Spätere Aufführungen sind jene der Siebenten des OSESP unter Mariss Jansons am 9.2.2000, der Vierten unter Roberto Minczuk (* 1967) am 29.11.2001, der Siebenten unter Minczuk am 21.8.2003, der Messe in e‑Moll unter Naomi Munakata und dem Coro da Câmara des OSESP am 16.10.2003, der Neunten unter Gabriel Chmura (* 1946) am 25.3.2004 und der Achten unter Roman Brogli-Sacher (* 1966) am 1.6.2006. Im Jahr 2007 führte allein das OSESP drei Mal Bruckner-Werke auf: die Vierte Symphonie unter Cláudio Cruz (* 1967) am 3.5., die Zweite unter Stanisław Skrowaczewski am 28.6. und die Dritte unter Günther Herbig (* 1931) am 23.8. Im darauffolgenden Jahr spielte dasselbe Orchester die Vierte Symphonie unter Ricardo Castro (* 1964) und die Siebente unter Mario Venzago (* 1948).

Es gibt wenige Informationen über Aufführungen von Werken Bruckners außerhalb São Paulos, allerdings ist jene der Vierten in Belo Horizonte am 2.10.2008 bekannt. Ausführende waren das Orquestra Filarmônica de Minas Gerais unter Fabio Mechetti (* 1957). In den letzten Jahren führte der Dirigent Carlos Eduardo Moreno fast alle Bruckner-Symphonien mit dem Orquestra Sinfônica de Santo André auf. 2010 dirigierte Moreno die Erste, die Zweite und die Fünfte Symphonie in Santo André, 2011 die Achte, die Sechste und die Neunte sowie 2012 das Te Deum.

Der brasilianische Dirigent de Carvalho machte sowohl in seiner Heimat als auch in den USA Karriere. Viele Jahre war er künstlerischer Direktor des Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo (OSESP) und dirigierte das Orquestra Sinfônica Braslileira, das Orquestra Sinfônica de Porto Alegre und andere wichtige brasilianische Orchester. Am 25. Juli 1953 dirigierte er die Siebente Symphonie in Rio de Janeiro. Für sein Engagement für Bruckner erhielt er die Kilenyi-Medaille (IKO 254) der Bruckner Society of America. Die Gesamtaufnahme der Werke Bruckners blieb durch seinem Tod 1996 unvollendet.

Literatur

MIGUEL J. RAMIREZ

(Übersetzung: Andrea Partsch)

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 15.1.2021

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