Nationalsozialismus
Die Jahre 1933–1945 in Deutschland spielen in der Rezeptionsgeschichte Bruckners eine besondere Rolle, auch wenn sie nicht isoliert betrachtet werden können. Zum einen sind die Ereignisse während dieser Zeit Teil einer Entwicklung, die spätestens seit Bruckners Bekenntnis zu Richard Wagner und seiner Vereinnahmung durch die Wagnerianer ihren Lauf genommen hatte, zum anderen wirkt diese Entwicklung über 1945 hinaus. Und weil die Bruckner-Rezeption auch in den 1930er und 1940er Jahren hauptsächlich eine österreichisch-deutsche Angelegenheit war, wäre es ungenau, Geschehnisse um Bruckner in Österreich bis 1938 auszuklammern.
Tatsächlich bemühten sich deutsche und österreichische Brucknerfreunde und Forscher von 1933 an darum, dem verehrten Komponisten in Nazi-Deutschland Geltung zu verschaffen, nicht zuletzt aus dem satzungsmäßig in der Internationalen Bruckner‑Gesellschaft (IBG) festgelegten Bestreben heraus, dem Lebenswerk Bruckners allerorts zu dienen. Deutlich wird dies bei der Feier des 2. Festes der IBG im Oktober 1933 in München, bei der der Architekt und Kunsthistoriker Oskar Lang (1884–1950), Vorstandsmitglied der Gesellschaft, Hauptredner war. Er propagierte Bruckner als einen „ganz ungebrochenen, durch keine Kulturüberfeinerung geschwächten Vertreter unserer deutsch-germanischen Kunst“, als „Prototyp einer kommenden Weltanschauung“ und als „Repräsentanten eines neuen Weltgefühls“ (Lang, S. 16). Bei Adolf Hitler, Joseph Goebbels (1897–1945) und anderen Nazi-Größen stießen solche Worte auf große Resonanz, auch wenn einige Zeit verging, ehe sie den „wahren Wert“ des deutsch-österreichischen Symphonikers erkannten und für ihre Zwecke zu nutzen begannen.
Das herausragende Beispiel hierfür ist die im Sommer 1937 durchgeführte Aufstellung der Bruckner-Büste (Gedenkstätten) in der Walhalla bei Regensburg, mit der der Komponist ein Jahr vor dem „Anschluss“ Österreichs symbolisch ins Reich „heimgeholt“ wurde. Die Inszenierung dieser von Hitler vorgenommenen Büstenweihe lag in Goebbels‘ Händen, der auch die Rede dazu hielt. Diese zeigt gut, dass der Propagandaminister die Bruckner-Literatur – von der älteren bis zur jüngsten – nur geschickt zusammenzufassen brauchte, um den Komponisten als Prototyp des in „deutschem Blut und Boden“ verankerten „Originalgenies“ zu charakterisieren. Die musikalische Umrahmung dieser Feier hatte die IBG in Zusammenhang mit ihrem 8. Brucknerfest zu Regensburg übernommen. Hitler war bei der Aufführung der „Originalfassung“ der Fünften Symphonie durch die Münchner Philharmoniker unter Leitung von Siegmund von Hausegger anwesend.
Die Anziehungskraft, die Bruckners Musik auf die Nazis ausübte – Goebbels hielt sie für grandiose Parteitagsmusik –, lag nicht nur in ihrer monumentalen Form und ihrem hymnisch-religiösen Ton, die geeignet waren, als Bestätigung der Nazi-Ästhetik und -Ideologie aufgefasst zu werden, sondern auch in der Propagierung der sogenannten „Original-“ oder „Urfassungen“ der Bruckner‘schen Werke (herausgegeben von Robert Haas und Alfred Orel). Die Art der Werbung für die von „fremden Händen gereinigten“ Fassungen passte ideal zur offiziellen antisemitischen Hetze. So ist es nicht erstaunlich, dass die erste Gesamtausgabe der Werke Bruckners finanziell vom Hitler-Staat unterstützt wurde. Und es ist auch nicht auf harmlosen Professorenidealismus zurückzuführen, dass Haas in der Einführung zur Ausgabe der „Originalfassung“ der Achten Symphonie (Studienpartitur 1939) den „deutschen Michel-Mythos“ als „geschichtlich[e] Geisteshaltung“ der „großdeutschen Idee“ beschwor. Haas war Mitglied der NSDAP seit 1933 (vgl. Potter). Allerdings ergaben sich zwischen den editorischen Zielen und den Ausführungen der Bände der Gesamtausgabe nach und nach erhebliche Diskrepanzen. Ein ganzer Komplex von Gründen brachte Haas schließlich dazu, seinen ursprünglichen Intentionen zuwider zu handeln (vgl. Brosche; Bruckners Symphonien in Bearbeitungen).
Im Zusammenhang mit Hitlers Plänen zur Umgestaltung seiner Heimatstadt Linz in eine „Führerstadt“ spielte Bruckner eine außerordentliche Rolle, wobei allerdings auch das Stift St. Florian einbezogen war. Dort sollte ein eigenes „Bayreuth Bruckners“ mit Reichs-Bruckner-Orchester und Bruckner-Chor St. Florian entstehen, als „Musikwerk des Großdeutschen Rundfunks“ (vgl. Bruckner-Stift St. Florian). Die Umbaupläne für die Stadt Linz schlossen einen Bruckner-Platz mit einem Bruckner-Konzerthaus („Bruckner-Halle“) sowie ein von Hitler entworfenes Bruckner-Denkmal ein (Denkmalprojekte). Bereits im März 1941 hatten sich Hitler und Goebbels darüber verständigt, dass sie den Plan verfolgen, auch die Bruckner‑Gesellschaft nach St. Florian zu verlegen. Es bestand ferner das Vorhaben, den Bruckner-Verlag Ende 1943/44 aus Sicherheitsgründen von Leipzig nach Braunau am Inn, Hitlers Geburtsort, zu verlagern. Hitler hatte darüber hinaus angeordnet, seinen „Heldentod“ u. a. mit der Rundfunkübertragung des Adagio-Satzes der noch 1944 im Rahmen der Gesamtausgabe erschienenen Siebenten Symphonie am Abend des 1.5.1945 zu betrauern.
Literatur
- Unter vielen Zeitschriftenartikeln aus den Jahren 1933–1945 sei insbesondere auf die Aufsätze der Zeitschrift für Musik (Jg. 103f. aus den Jahren 1936f.) hingewiesen, vgl. dazu Bruckner-Bibliographie
- Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 4/4
- Oskar Lang, Bruckners Bedeutung im deutschen Geistesleben, in: Deutsche Zeitschrift 48 (1934/35), Sonderdruck H. 1/2, S. 10–16
- Friedrich Heer, Der Glaube Adolf Hitlers. Anatomie einer politischen Religiosität. München 1968
- Fred K. Prieberg, Musik im NS-Staat (Fischer-Taschenbücher 6901). Frankfurt am Main 1982
- Ingo Sarlay, Hitlers Linz. Die Stadtplanung von Linz an der Donau 1938–1945: Kulturelle und wirtschaftliche Konzeption, Planungsstellen und Wirtschaftspläne. Diss. Graz 1985
- Bruckner-Stift St. FlorianHanns Kreczi, Das Bruckner-Stift St. Florian und das Linzer Reichs-Bruckner-Orchester (1942–1945) (Anton Bruckner. Dokumente und Studien 5). Graz 1986
- Mathias Hansen, Anton Bruckner (Reclam-Bibliothek 1173). Leipzig 1987
- Ingo Sarlay, Baukunst im Dritten Reich – Hitlers Linz. Die Stadtplanung von Linz an der Donau 1938–1945/2. Teil: Städtebauliche Detailplanung und Architektur. Habil.schr. Graz 1987
- Albrecht Dümling/Peter Girth (Hg.), Entartete Musik. Zur Düsseldorfer Ausstellung von 1938. Eine kommentierte Rekonstruktion. Tonhalle Düsseldorf 16. Januar – 28. Februar 1988. 2. Aufl. Düsseldorf 1988
- Joseph Wulf (Hg.), Kultur im Dritten Reich. 5 Bde. Frankfurt am Main–Berlin 1989
- Michael Meyer, The Politics of Music in the Third Reich (American university studies, Series 9, History 49). New York u. a. 1991
- Lynne Heller, Die Reichshochschule für Musik in Wien 1938–1945. Diss. Wien 1992
- Albrecht Riethmüller, Die Walhalla und ihre Musiker. Laaber 1993
- Bryan Gilliam, The Annexation of Anton Bruckner: Nazi Revisionism and the Politics of Appropriation, in: The Musical Quarterly 78 (1994) H. 3, S. 584–604
- Erik Levi, Music in the Third Reich. New York 1994
- Günter Brosche, Ideologische Einflüsse auf das Nachleben Anton Bruckners, in: Österreichische Musik – Musik in ÖsterreichElisabeth Th. Hilscher (Hg.), Österreichische Musik – Musik in Österreich. Beiträge zur Musikgeschichte Mitteleuropas. Theophil Antonicek zum 60. Geburtstag (Wiener Veröffentlichungen zur Musikwissenschaft 34). Tutzing 1998, S. 451–461
- Pamela M. Potter, Most German of the Arts. Musicology and Society from the Weimar Republic to the end of Hitler‘s Reich. New Haven–London 1998
- Morten Solvik, The International Bruckner Society and the N.S.D.A.P.: A Case Study of Robert Haas and the Critical Edition, in: The Musical Quarterly 82 (1998) H. 2, S. 362–382
- Bruckner und die NachweltChrista Brüstle, Anton Bruckner und die Nachwelt. Zur Rezeptionsgeschichte des Komponisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 1998
- Bruckner-Probleme 1996Albrecht Riethmüller (Hg.), Bruckner-Probleme. Internationales Kolloquium 7.–9. Oktober 1996 in Berlin (Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft 45). Stuttgart 1999
- Bruckners Symphonien in BearbeitungenWolfgang Doebel, Bruckners Symphonien in Bearbeitungen. Die Konzepte der Bruckner-Schüler und ihre Rezeption bis zu Robert Haas (Publikationen des Instituts für Österreichische Musikdokumentation 24). Tutzing 2001
- Christa Brüstle, The musical image of Bruckner, in: The Cambridge Companion to BrucknerJohn Williamson (Hg.), The Cambridge Companion to Bruckner (Cambridge Companions to Music. Composers). Cambridge 2004, S. 244–260
- Regina Thumser, Musikgeschichte der Stadt Linz während des Nationalsozialismus, in: Streifzüge 1 (2007)Klaus Petermayr/Erich Wolfgang Partsch (Hg.), Streifzüge. Beiträge zur oberösterreichischen Musikgeschichte 1 (Oberösterreichische Schriften zur Volksmusik 5). Linz 2007, S. 197–213
- Birgit Kirchmayr (Hg.), „Kulturhauptstadt des Führers“. Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich. Ein Projekt der OÖ. Landesmuseen in Kooperation mit Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas (Kataloge der OÖ. Landesmuseen N.S. 78). Linz 2008
- Christa Brüstle, Bruckner-Forschung im Nationalsozialismus. Musikwissenschaft und Opportunismus, in: Die Tonkunst 3 (2009) Nr. 4, S. 456–466
- Christa Brüstle, Joseph Goebbels als „Bruckner Interpret“. Kontexte der Walhalla-Rede, in: Bruckner-JahrbuchBruckner-Jahrbuch. (Wechselnde Herausgeber). Linz 1980ff. 2006–2010, S. 7–29
- Regina Thumser-Wöhs (Hg.), Klänge der Macht. Nationalsozialistische Musikpolitik in Oberösterreich (OÖ. Schriften zur Volksmusik 9). Linz 2010

