Klavierwerke
Bruckners Kompositionen für Klavier zu zwei und zu vier Händen – es handelt sich insgesamt um zehn vollendete Stücke und einen Entwurf – entstanden zwischen 1850 und 1868 (NGA: Band XII/2 und 3, Walburga Litschauer, 1988 und 1994). Es sind Gelegenheitswerke für den Unterricht und den hausmusikalischen Kreis, die Bruckner als Klavierlehrer (Lehrtätigkeit) zum großen Teil als Widmungskompositionen für bestimmte Personen (Widmungsträger) schrieb. Eine Ausnahme stellt der Sonatensatz dar, der im Rahmen seiner eigenen Ausbildung bei Otto Kitzler entstand. Die Chronologie sieht vermutlich folgendermaßen aus:
| um 1850 |
Lancier-Quadrille (WAB 120) Steiermärker (WAB 122) |
| 1853–1855 | Drei kleine Stücke (WAB 124/1‑3) |
| um 1854 | Quadrille (WAB 121) |
| um 1856 | Klavierstück in Es‑Dur (WAB 119) |
| 1862 | Sonate für Klavier in g‑Moll (WAB add 243), 1. Satz (Entwurf) |
| 1863 | Stille Betrachtung an einem Herbstabende (WAB 123,2) |
| um 1868 | Erinnerung (WAB 117) |
| 1868 | Fantasie (WAB 118) |
Bruckner dürfte das Klavierspiel vermutlich bei Johann Baptist Weiß, bei Anton Kattinger und als Autodidakt erlernt haben; genaue Dokumente hierüber fehlen jedoch. Über seine Repertoirekenntnisse ist nur wenig bekannt. Bruckners Klavierkompositionen umfassen sowohl zeittypische „Charakterstücke“ als auch stilisierte sowie von der Tanzpraxis beeinflusste Tänze, die den musikalischen Geschmack ihrer Entstehungszeit widerspiegeln und im Wesentlichen keinen eigenständigen Stil aufweisen. In einigen seiner Klavierstücke zeigt sich ein Einfluss von Felix Mendelssohn Bartholdys Liedern ohne Worte (dies betrifft v. a. das Klavierstück in Es‑Dur und die Stille Betrachtung an einem Herbstabende).
Dennoch lässt sich in manchen dieser Miniaturen der Weg des angehenden Symphonikers vorausahnen. So stößt Bruckner etwa in seinem um 1868 entstandenen Klavierstück Erinnerung mit der dort angewandten orchestralen Kompositionstechnik an die Grenzen der technischen Möglichkeiten der Klaviere seiner Zeit. Im Kitzler-Studienbuch befinden sich noch weitere Klavierwerke. 1998 nahm Wolfgang Brunner ([* 1958]; gemeinsam mit Michael Schopper) erstmals sämtliche Klavierwerke auf.
Literatur
- Walburga Litschauer, Bruckner und das romantische Klavierstück, in: Bruckner‑Symposion 1987Bruckner-Symposion. Bruckner und die Musik der Romantik. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1987. 16.–20. September 1987. Bericht. Hg. v. Anton Bruckner Institut Linz/Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH. Linz 1989, S. 105–110
- Wolfgang Brunner, Einführung, in: Anton Bruckner. Piano Works (cpo 999 256-2) 1995, Booklet
- Andreas Jacob, Die Klavier- und Orgelwerke, in: Bruckner-Handbuch 2010Hans-Joachim Hinrichsen (Hg.), Bruckner-Handbuch. Stuttgart–Weimar 2010, S. 322–332