Kirchenmusik
Bruckner fühlte sich nicht nur als gläubiger Katholik seiner Kirche zugehörig, er verbrachte genaugenommen auch sein ganzes Leben in einem unmittelbaren Nahverhältnis zur Kirche als Institution: Er erfuhr sie zunächst – durch die Koppelung von Schul‑ und Kirchendienst – als Dienstgeberin seines Vaters Anton Bruckner und dann seiner selbst (Windhaag, Kronstorf, St. Florian). Im Dienst der Kirche stand er gewissermaßen auch während seiner Sängerknaben‑ und Instrumentistenzeit in St. Florian. Da die Orgel immer mehr zu seinem Instrument wurde, war auch der Schritt aus dem Lehrermilieu hin zum Berufsmusiker kein solcher aus der kirchlichen Umgebung, denn er bekleidete die Stelle eines Dom‑ und Stadtpfarrorganisten in Linz.
Erst die Anstellung in Wien war eine „weltliche“, doch versah Bruckner seinen Dienst als Organist an den beiden zum Hof gehörigen Kirchen, der Hofburgkapelle und der Kirche St. Augustin. Bruckner blieb also nicht nur sein Leben lang im Lehrermilieu (denn auch an der Universität Wien und am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien sowie im Privatunterricht war er Pädagoge), sondern auch in einem Nahverhältnis zur Kirche – als „Organist des Kaisers“.
Dass demzufolge auch der Komponist Bruckner sein Schaffen vorrangig in den Dienst der Kirche gestellt hätte, ist jedoch nicht der Fall: Durch seinen Lebenslauf verläuft ein Bruch, gekennzeichnet nicht nur durch seine schwere Nervenkrise (Bad Kreuzen), sondern auch durch die Verlagerung seines Schaffensschwerpunktes von der Kirchenmusik zur Symphonik. Fast paradox und den Künstler hierin als einen Sich-beauftragt-Wissenden zeigend ist der Umstand, dass Bruckner gerade in jenem Moment seines Lebens die fast vorgezeichnet erscheinende Bahn als Kirchenmusiker verließ, als er maßgeblich mitverantwortlich wurde für die Kirchenmusik an einer ihrer berühmtesten Pflegestätten in Europa, und man von ihm deshalb logischerweise auch eine gesteigerte Produktion von Kirchenmusikwerken erwartet hätte.
Dieser biografischen Akzentverlagerung folgend sind die meisten Kirchenmusikwerke (s. a. Chormusik) bis zum Jahr 1868 entstanden. Zwischen der „Windhaager“ Messe in C‑Dur (1842) und der Messe in f‑Moll (1867/68) liegt die ganze Bandbreite künstlerischer Entwicklung vom zeitüblichen Gebrauchs-Kirchenstil bis zur persönlichen Meisterschaft. In seiner von der Symphonik beherrschten Wiener Zeit wurden die Kirchenmusikwerke zwar zahlenmäßig geringer, aber nicht nur in den beiden großen geistlichen Werken dieser Schaffensperiode, dem Te Deum und dem Psalm 150, sondern vielleicht gerade in den kleineren Werken, den Motetten der Reifezeit, werden die Souveränität in der Handhabung musikalischer Mittel, die Intensität des Ausdrucks und die theologische Reflexion noch gesteigert.
Literatur
- Max Auer, Anton Bruckner als Kirchenmusiker (Deutsche Musikbücherei 54). Regensburg 1927
- Alan C. Howie, The Sacred Music of Anton Bruckner. Diss. Manchester 1969
- Theodore Kenneth Matthews, The Masses of Anton Bruckner. A Comparative Analysis. Diss. Ann Arbor, Michigan 1974
- Constantin Floros, Anton Bruckner. Persönlichkeit und Werk. Hamburg 2004, bes. S. 81–125
- Melanie Wald-Fuhrmann, Geistliche Vokalmusik, in: Bruckner-Handbuch 2010Hans-Joachim Hinrichsen (Hg.), Bruckner-Handbuch. Stuttgart–Weimar 2010, S. 224–289
- Rezeption der KirchenmusikDominik Höink, Die Rezeption der Kirchenmusik Anton Bruckners. Genese, Tradition und Instrumentalisierung des Vergleichs mit Giovanni Pierluigi da Palestrina (Abhandlungen zur Musikgeschichte 22). Göttingen 2011