Lieder

Bruckners fünf Lieder für Singstimme und Klavier (Frühlingslied, Amaranths Waldeslieder, Herbstkummer, Mein Herz und deine Stimme, Im April) stammen ausnahmslos aus seiner frühen Schaffensphase (1851 bis Mitte der 1860er Jahre) und sind – wie die Namen der Widmungsträgerinnen verraten – Gelegenheitskompositionen für den privaten Gebrauch. Bereits während seiner Studienzeit bei Otto Kitzler hatte sich der Komponist mehrfach mit dieser Gattung auseinandergesetzt (s. die Liedentwürfe im Kitzler-Studienbuch), hierbei handelte es sich um Kompositionsübungen. Einen Sonderfall stellt das 1882 für einen Wettbewerb komponierte Volkslied dar, das in Versionen für vierstimmigen Männerchor a cappella und für Singstimme mit Klavierbegleitung überliefert ist.

Grundsätzlich orientierte sich Bruckner an der Tradition des romantischen Klavierliedes. Stilistische Einflüsse von Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann sind erkennbar. Das Klavier ist wesentlich am musikalischen Geschehen beteiligt, indem es Grundstimmungen vermittelt und dramaturgische Aufgaben erfüllt. So fungieren beispielsweise Triolenfiguren in Herbstkummer und Mein Herz und deine Stimme als elementare Ausdrucksträger bzw. rhythmische Konstanten; das Lied Im April weist zu Beginn arpeggierte Akkorde auf, die den „feuchten Frühlingsabend“ atmosphärisch abbilden.

Die Singstimme ist eng an die Textaussage gebunden, in den späteren Liedern sehr kantabel geführt und bildet mit dem Klavierpart eine Einheit. Die formale Gliederung erweist sich als streng textabhängig und damit stets individuell (Durchkomposition, Zwei- und Dreiteiligkeit). Für Wort-Ton-Relationen verwendete Bruckner das traditionelle musikalische Vokabular. Deklamationspassagen, harmonische Überraschungen, Orgelpunkte, Fermaten, Tempoänderungen (Takt, Metrum, Tempo, Agogik) und dynamische Differenzierung (z. B. die Echowirkung in Mein Herz und deine Stimme) prägen Bruckners Liedstil. Einfacher strukturiert ist das Frühlingslied.

Seit Mitte der 1970er Jahre wurden wiederholt einzelne Bruckner-Lieder öffentlich präsentiert, u. a. von Christa Ludwig (* 1928), Tom Krause (1934–2013) und Anne-Sofie von Otter (* 1955). In Band XXIII/1 der NGA (Angela Pachovsky, 1997; Gesamtausgaben) liegen sämtliche Lieder vor. Im Anhang dieser Ausgabe sind auch alle Liedentwürfe aus dem Kitzler-Studienbuch aufgelistet.

2011 wurden die Lieder von Robert Holzer (Bass; * 1963) und Thomas Kerbl (Klavier; * 1965) für die CD Anton Bruckner. Lieder / Magnificat (LIVA 046, 2011) erstmals komplett –mit Ausnahme des Volkslieds – aufgenommen.

Literatur

ANDREA HARRANDT, ERICH WOLFGANG PARTSCH

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 1.9.2017

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ACDH, Abteilung Musikwissenschaft