Japan (Rezeption)
In Japan begann 1868 die Meiji-Zeit (Meiji-tennō [1852–1912]), in der auf vielen gesellschaftlichen Gebieten Modernisierungen nach europäischem Vorbild vorgenommen wurden. Auch abendländische Musik und Musikerziehungssysteme hielten Einzug. Als einer der ersten europäischen Musiker kam 1888 der Bruckner-Schüler Rudolf Dittrich nach Japan und wirkte bis 1894 – die westliche Musiktradition vermittelnd – als Violin-, Klavier-, Orgel- und Musiktheorie-Lehrer sowie als artistischer Direktor der kaiserlichen Musik-Akademie Tokio. Die Konzerttätigkeit von professionellen Orchestern begann erst im frühen 20. Jahrhundert. Das Symphonieorchester Takarazuka, das sich für die 1913 gegründete Mädchen-Oper in einem Badeort nördlich von Osaka formierte, und das Shin-Symphonie-Orchester in Tokio (heute NHK-Sinfonieorchester) spielten 1926 bzw. 1927 ihre ersten Abonnementkonzerte. Von dem ersteren wurde die Vierte Symphonie am 24.4.1931 in Takarazuka unter der Leitung von Joseph Laska aufgeführt. Der gebürtige Linzer dirigierte außerdem am 22.11.1933 in Takarazuka die Erste Symphonie und am 26.1.1935 das Te Deum in Osaka, allesamt japanische Erstaufführungen.
Die Musik Bruckners war vor dem Zweiten Weltkrieg den meisten Japanern fremd. Außer den obengenannten Aufführungen wurde damals nur die Vierte Symphonie insgesamt dreimal in den Abonnementkonzerten des Shin-Symphonie-Orchesters aufgeführt, obwohl das Orchester der Tokio-Musikhochschule unter Klaus Pringsheim d. Ä. (1883–1972), einem ehemaligen Schüler von Gustav Mahler, schon am 21.10.1933 die Siebente Symphonie und am 15.2.1936 die Neunte Symphonie erstaufgeführt hatte. In der Nachkriegszeit stieg die Zahl der japanischen Orchester bis 1962 auf neun an. Die Bruckner-Rezeption wurde vor allem durch Schallplatten (Neunte Symphonie unter Joseph Keilberth; Achte unter Herbert von Karajan; Fünfte unter Eugen Jochum u. a.) und durch Gastspiele einiger europäischer Orchester angeregt. Die japanische Erstaufführung der Achten Symphonie durch die Wiener Philharmoniker im Herbst 1959 in Tokio unter Karajan war für die Bruckner-Rezeption der folgenden Jahre von großer Bedeutung. Im Anschluss daran erreichte sie am Ende der 1960er Jahre ihre erste, bisher einzige Steigerungsphase und 1986 ihren Höhepunkt: Symphonien von Bruckner wurden in den Abonnementkonzerten der damals 20 professionellen Orchester insgesamt 18 Mal aufgeführt. Damit rückte Bruckner nach Ludwig van Beethoven (22 Mal) auf den zweiten Platz vor. Außerdem wirkte sich die Verbreitung der Compact Disc seit 1984 auf die Rezeption der Bruckner‘schen Symphonien sehr günstig aus. 1986 wurden insgesamt 76 CDs mit Werken Bruckners von japanischen Firmen produziert. Darauf sind sämtliche Symphonien je viermal enthalten: zweimal mit E. Jochum, je einmal mit Günter Wand und Kurt Masur.
Viele europäische Dirigenten, u. a. Eliahu Inbal und G. Wand mit ihren CDs sowie Konzerten in Japan, trugen dazu bei, dass Bruckner auch im 21. Jahrhundert einer der beliebtesten Komponisten in Japan blieb. Takashi Asahina, Begründer und Direktor des Osaka Philharmonic Orchestra (1847 als Kansai Symphonic Orchestra gegründet), machte sich unter den japanischen Dirigenten am meisten um Bruckner verdient. Er leitete von 1951 an nicht nur mit dem Osaka Philharmonic Orchestra (116 Mal), sondern auch mit anderen japanischen und ausländischen Orchestern insgesamt 202 Bruckner-Aufführungen.
Literatur
- Kazumi Negishi, Bruckner-Rezeption im asiatischen Raum – am Beispiel Japans, in: Bruckner-Symposion 1991Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Symposion. Bruckner-Rezeption. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1991. 18.–22. September 1991. Bericht. Linz 1994, S. 201–210
- Shoji Onodera, Takashi Asahina – Dokumente seiner Bruckner-Aufführungen. 2009 [japanisch]
- Kazumi Negishi, Joseph Laska (1886–1964). Ein österreichischer Komponist und Dirigent in Japan. Wien–Köln–Weimar 2014
- Marc Bridle, Bruckner’s Late Symphonies in Post-War Japan: A Synopsis of Performance and Recording from 1948 to 2016, in: The Bruckner Journal 20 (2016) H. 3, S. 15–24
- Thng Yi Ren, The Bruckner Problem: An Asian Refraction, in: The Bruckner Journal 21 (2017) H. 3, S. 30–36
- ABCD
- Andrea Harrandt/Kazumi Negishi, Art. „Japan (Nippon)“, in: www.musiklexikon.ac.at [14.9.2020]