Müller, Franz Xaver CanReg
* 10.5.1870 Dimbach, Oberösterreich/A, † 3.2.1948 Linz, Oberösterreich/A. Priester, Domkapellmeister, Komponist, Pädagoge.
1880–1883 Sängerknabe im Augustiner-Chorherrenstift St. Florian, 1890 Matura und Eintritt als Novize in das Stift St. Florian, 28.8.1894 feierliche Profess, 28.7.1895 Priesterweihe. Theologiestudium an der Hauslehranstalt der Augustiner-Chorherren zu St. Florian, 1904 Stiftsorganist, 1906 Regenschori im Stift, 1924–1943 Domkapellmeister in Linz, 1929 Prof.-Titel, 1937 Konsistorialrat. Schüler von Johann Evangelist Habert (1895/96) und Josef Venantius von Wöss (1898/99); Lehrer von Johann Nepomuk David.
Bruckners Stil und Werk hatten für Müller Vorbildwirkung und er sah in dessen Messkompositionen (Messen) den Ausweg aus dem Dilemma, dem die katholische Kirchenmusik im späten 19. Jahrhundert verfallen war. Je mehr sich Müller mit dem Schaffen Bruckners beschäftigte, umso mehr rückte er selbst vom puritanischen Cäcilianismus ab, dem er zuvor stark verbunden war. In seiner Harmonik unmittelbar von Wöss und Habert, mittelbar durch Bruckner beeinflusst, weist Müller in seinem kirchenmusikalischen Schaffen neue Ideen zwischen Neoklassizismus und Cäcilianismus auf. Mit seinem Propriumschaffen bildet er einen Höhepunkt in der gesamten österreichischen Kirchenmusik.
Müller lernte Bruckner und dessen Orgelspiel (Orgel, Improvisationen) im August 1880 im Stift St. Florian kennen. Waren es vorerst Erlebnisse eines Kindes wie Eisschießen, Spazierengehen oder Schnupftabakholen, die ihn als Sängerknaben mit Bruckner verbanden, rückte später die musikalische Prägung entscheidend in den Vordergrund. In seinen persönlichen Erinnerungen berichtet er: „Oft bin ich als Student und Kleriker bei der Tür des Florianer Musikzimmers gestanden und habe gehorcht, wenn der Meister an der Arbeit war, mitunter auch ganz leise die Tür geöffnet und ihn durch den Spalt betrachtet.“ (zit. n. Mayr-Kern 1970, S. 75). Müller suchte die Gesellschaft zu Bruckner, wurde von diesem auch geschätzt und half u. a. im August 1888 beim Absuchen der Dritten Symphonie nach verbotenen und verdeckten Quint- und Oktavfolgen.
1904 wurde Müller Stiftskaplan in St. Florian, am 1.7.1906 übernahm er das Amt des Regenschori. Zu dieser Zeit war Bruckners Bruder Ignaz (Bruckner, Familie) als Kalkant des Chorpersonals tätig. Zu den damaligen Sängerknaben gehörten J. N. David und Ludwig Daxsperger, später Domorganist von Linz. Im Stiftsarchiv entdeckte Müller einzelne Werke Bruckners wieder und brachte u. a. Das Lied vom deutschen Vaterland am 11.10.1921 in St. Florian erstmals zu Gehör. Als Vertreter des Stiftes St. Florian gehörte er auch dem Arbeitsausschuss für ein in Linz geplantes Bruckner-Denkmal an (Denkmalprojekte). Die erste Versammlung fand am 10.1.1914 statt, der Krieg setzte dem Plan jedoch ein jähes Ende.
Nachdem Müller 1924 als Domkapellmeister nach Linz berufen worden war, beendete er seine Tätigkeiten in St. Florian. Während seiner Amtszeit in Linz kamen unter seiner Leitung über hundert neu einstudierte Messen zur Aufführung, darunter fünf Messkompositionen von Bruckner (Messe in d‑Moll, Requiem in d‑Moll [WAB 39], Messe in e‑Moll, Missa solemnis, Messe in f‑Moll). In dieser Zeit beteiligte er sich an der Gründung des Brucknerbundes für Oberösterreich und wurde zu dessen 1. Obmann-Stellvertreter gewählt. Aufgrund eines Nervenleidens musste er im August 1943 sein Amt niederlegen. Zuvor hatte er sich noch für den Erhalt der originalen Bruckner-Orgel in St. Florian eingesetzt und am 11.1.1943 in einem Brief an den Reichsintendanten Heinrich Glasmeier (1892–1945) appelliert, „daß man den Klangcharakter der Orgel von 1875 im wesentlichen beläßt beziehungsweise wiederherstellt und nicht ein Werk schafft, mit dem das lebendige Andenken an den Meister mehr oder weniger verschwinden würde“ (zit. n. Mayr-Kern 1970, S. 100).
Mit großer Hingabe widmete sich Müller dem Andenken Bruckners. Er war maßgebend an der Gestaltung von Bruckner-Gedenkfeiern in St. Florian beteiligt und hielt zahlreiche Vorträge über Bruckners Leben und Werk im In- und Ausland. In seinem Nachlass finden sich über dreißig, teils gedruckte, Manuskripte für „Brucknervorträge“. Müller überlieferte auch Bruckners berühmten Ausspruch: „Mendelssohn ist ein großer Komponist, aber ein Klassiker ist er nicht.“ (Göll.-A. 2/1, S. 35).
Neben einem beachtlichen Liedschaffen, zahlreichen Propriengesängen und mehreren Messen, schrieb Müller u. a. zwei Te Deum, eine Symphonie in D‑Dur (1910) sowie die Symphonische Dichtung „Heimat“ (1936). Zu seinen bedeutendsten Kompositionen gehören die Augustinus-Messe (UA 1912) und das Oratorium Der heilige Augustinus, dessen Uraufführung 1924 mit über 900 Ausführenden zu einem der größten Ereignisse im oberösterreichischen Musikleben der Zwischenkriegszeit zählt.
1906 schrieb Müller einen Gedenkchor Dem lieben Meister, der anlässlich des zehnten Todestages in St. Florian am Sarg Bruckners zur Aufführung kam, 1932 entstand die Kantate Bruckners Dankgebet (UA 5.5.1932 in St. Florian). Ferner komponierte er das Orgelpräludium „Passion“ In memoriam Anton Bruckner (Hommagen).
Werke
- Meister Frindt, Schauspiel in drei Akten mit Gesang
- Der Dorfbauern-Franzl, Schauspiel in fünf Akten mit Gesang
- Der heilige Augustinus, Oratorium
- 11 Messen (z. B. St. Augustinus-Messe)
- Stabat mater, 2 Te Deum
- Proprienvertonungen
- Lauretanische Litanei für Doppelchor
- Krippenspiel mit Liedern
- Praeludium „Passion“ In memoriam Anton Bruckner
- Lieder
Schriften
- Tagebücher (1887–1927)
- zahlreiche Zeitungsartikel (vgl. Bruckner-Bibliographie)
Literatur
- Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 2/1, S. 35
- Johannes Unfried, Franz Xaver Müller, in: OÖ Heimatblätter 3 (1949) H. 2, S. 124–140
- Josef Mayr-Kern, Franz Xaver Müller als Messkomponist. 2 Bde. Diss. Wien 1967
- Josef Mayr-Kern, Franz Xaver Müller. Ein oberösterreichischer Komponist zwischen Anton Bruckner und Johann Nepomuk David. Linz 1970
- Josef Mayr-Kern, Franz Xaver Müller und seine Stellung in der österreichischen Kirchenmusik, in: Sankt Florian. Erbe und Vermächtnis. Festschrift zur 900-Jahr-Feier (Mitteilungen des OÖ. Landesarchivs 10). Wien 1971, S. 413–420
- Harry Slapnicka, Zwei gleichgewichtige Berufe und Berufungen: der Seelsorger und Musiker Franz Xaver Müller, in: Harry Slapnicka/Franz Steinmaßl, Berühmte Persönlichkeiten aus dem Mühlviertel und dem Böhmerwald. Grünbach 2004, Bd. 2, S. 162–165
- Josef Mayr-Kern, Art. „Müller, Franz Xaver“, in: www.biographien.ac.at [9.1.2019]
- Uwe Harten, Art. „Müller, Franz Xaver CanReg“, in: www.musiklexikon.ac.at [9.1.2019]
