Abendzauber (WAB 57) „Der See träumt zwischen Felsen“
Vierstimmiger Männerchor, Tenorbariton-Solo, 3 Fern-Frauenstimmen und 4 Hr. in Ges‑Dur, „Langsam, feierlich, doch nicht schleppend“
| Text: | Heinrich Wallmann |
| EZ: | vollendet 13.1.1878 in Wien |
| W: | Carl Almeroth |
| UA: | 18.3.1911 in Wien, Musikverein (Wiener Männergesang-Verein; Viktor Keldorfer, in dessen Bearbeitung) |
| Aut.: | Wiener Männergesang-Verein (o. Sign.) |
| ED: | Universal Edition, Wien 1911 (Keldorfer) |
| NGA: | Band XXIII/2 (Angela Pachovsky/Anton Reinthaler, 2001) |
Der 82‑taktige Chor ist ein bemerkenswertes Beispiel für die Gattung der Naturschilderung, die Bruckner auch in Mitternacht, Um Mitternacht (WAB 89) und Um Mitternacht (WAB 90) dargestellt hat (Natur und Naturbildliches). Der geheimnisvolle Zauber der Nacht wird durch Jodlerstimmen, die Franz Xaver Bayer an die Naturlaute von Richard Wagners Rheintöchtern erinnerten, sowie Ferngesang und Brummstimmen beschworen. Nach einer zweitaktigen Einleitung der Hörner, die die träumerische Stimmung vorbereiten, setzen Brummchor und Solostimme ein. Zwischen den einzelnen Absätzen der Singstimme erklingt das Hornquartett als Ferngesang der Jodlerstimmen. Zu Beginn der 2. Strophe umrahmen Fernstimmen die Szenerie einer Mondnacht am Waldsee. Ernst Kurth meinte dazu: „Bruckners ganze innere Stellung zur Romantik könnte man aus diesem genial traumhaften, aus weltferner Versunkenheit erschauten und doch in die Weltschönheit vertauchten Stimmungserlebnis ableiten.“ (Kurth, Bd. 2, S. 1306).
Nachdem Bruckner 1889 diesen Chor und Germanenzug dem Wiener Akademischen Gesangverein vergeblich angeboten hatte, konnte die Uraufführung erst 1911 stattfinden. 1889 erwähnte August Göllerich diesen „köstlich-eigenartige[n] Chor, der eine Scene an einem Gebirgs-See mit Hörnerklang, frischen Juchezern etc. schildert“, in einem Artikel (Deutsches Volksblatt 19.4.1889, S. 7). Der leichteren Sangbarkeit halber unterlegte Keldorfer für den Erstdruck die Brummstimmen mit Text sowie die Fernstimmen mit Jodlersilben und unterstützte den Chor durch Hörner. Die Klavierbegleitung diente nur Studienzwecken.
Das Werk erlebte v. a. bei großen Chorkonzerten in den 1920er und 1930er Jahren einige Aufführungen, u. a. 1934 beim Aachener Brucknerfest, 1936 bei einem Monsterchorkonzert in Wien, 1937 beim 12. Deutschen Sängerbundesfest in Breslau, dann wieder 1946 beim Brucknerfest in Karlsruhe. 1984 fand in Paris die französische Erstaufführung des Chores statt, 1960 wurde das Werk erstmals auf Tonträger aufgenommen (in Großbritannien). Am 13.1.1995 stand es in der Avery Fisher Hall in New York auf dem Programm eines Chorkonzertes. Der Korea Male Choir führte Abendzauber am 31.3.2001 im Seoul Arts Center auf.
Literatur
- August Göllerich, Ueber den Wiener Akademischen Gesangverein, in: Deutsches Volksblatt 19.4.1889, S. 7f.
- J. K., Konzerte [zur Uraufführung], in: Neue Freie Presse, Abendblatt, 29.3.1911, S. 4
- Neues Wiener Journal 19.3.1911, S. 14
- Viktor Keldorfer, Zur Uraufführung des Brucknerschen Chorwerkes „Abendzauber“, in: Ton und Wort. Zeitschrift für Musik und Literatur 1 (1911) H. 4, S. 1-4
- Ernst Kurth, Bruckner. Berlin 1925, Bd. 2, S. 1306
- Viktor Keldorfer, Zur Uraufführung des Brucknerschen Chorwerkes „Abendzauber“, in: Bruckner-Blätter 7 (1935) H. 1/2, Beilage
- Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 4/1, S. 489–493
- Andrea Harrandt, Bruckner und das bürgerliche Musiziergut seiner Jugendzeit, in: Bruckner‑Symposion 1987Bruckner-Symposion. Bruckner und die Musik der Romantik. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1987. 16.–20. September 1987. Bericht. Hg. v. Anton Bruckner Institut Linz/Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH. Linz 1989, S. 93–103
- Ivana Rentsch, Weltliche Vokalmusik, in: Bruckner-Handbuch 2010Hans-Joachim Hinrichsen (Hg.), Bruckner-Handbuch. Stuttgart–Weimar 2010, S. 290–309
- ABCD
- Abendzauber Ges‑Dur, WAB 57 (1878), in: www.brucknerdiskografie.nl/php/index.php?pag=200 [19.10.2016]