Natur und Naturbildliches

Die Symphonien

Bruckner war kein Stadtmensch, aber deshalb auch noch lange kein Naturliebhaber. Er blieb zeitlebens seiner oberösterreichischen Heimat, deren sozialem Milieu und wohl auch der Voralpenlandschaft emotional verbunden. Auch liebte er es, wie so viele Wiener bereits in den 1870er Jahren, der sommerlichen Hitze der Großstadt in die „Sommerfrische“ zu entfliehen. Ihn zog es bevorzugt in seine Heimat, besonders wohl fühlte er sich unter Freunden und Förderern (Mäzene) in St. Florian und Steyr. Äußerungen einer Begeisterung für die heimatliche Natur sind von Bruckner aber nicht überliefert.

Fremdartig scheint ihn die Gebirgslandschaft seiner Schweizerreise berührt zu haben. Überhaupt fällt sein Interesse für sehr hohe Berge wie Montblanc oder Großglockner auf. Hier deutet sich ein Sinn für das Extreme des Hochgebirges an, der dann in der Wiener Moderne Künstler verschiedener Sparten kreativ herausgefordert hat (als Komponist gibt Anton Webern [1883–1945] dafür ein treffendes Beispiel). Ob Bruckner sich als Symphoniker durch solche Extrem-Eindrücke angesprochen fühlte, lässt sich nicht klar beurteilen. Jedenfalls ist es problematisch, von persönlichen Eindrücken Bruckners auf die Bedeutung bestimmter Passagen oder Merkmale in seinen Kunstwerken zu schließen.

Anders ist die Beziehung von „Natur und Kunst“ auf der Ebene einer Geschichte des Naturbildes im 19. Jahrhundert zu beurteilen. Naturassoziationen waren wie in den anderen Künsten auch in der zeitgenössischen Musik üblich und beliebt. In Vokal- und Theatermusik lassen sich aufgrund von Texten und Szenenbildern „musikalische Naturbilder“ – gerade in den von Bruckner so bewunderten Werken Richard Wagners – durchaus plausibel mit musikalisch-satztechnischen Merkmalen (in sich bewegte, in der Melodik reduzierte, aber rhythmisch und kontrapunktisch komplexe Klangflächen), die sich von ihrer jeweiligen musikalischen Umgebung abheben, bestimmen. Auch verlief die Rezeption symphonischer Musik zur Brucknerzeit anders als heute. Naturmetaphern waren beliebt, auch, um sich negativ über Musik zu äußern: So verglich Eduard Hanslick in seinen zahlreichen Rezensionen in der Neuen Freien Presse Bruckners Symphonien mit Orkan und Windstille; für letztere wählt die heutige Fachliteratur Begriffe wie „Statik“, „Liegetonfelder“ oder „leise vibrierende Klangflächen“.

Bei Bruckners Symphonien kann es demnach, ausgehend von gewissen Rezeptionshaltungen, nur um die Vermutung einer darauf bezogenen Autorintention gehen. Dabei kann man zur besseren Orientierung die in der Philosophiegeschichte altvertraute begriffliche Unterscheidung zwischen „natura naturata“ und „natura naturans“ heranziehen. Ausdrücklich vom Autor bezeichnete Bilder einer „natura naturata“ kommen in Bruckners Symphonien selten vor (etwa erläutert Bruckner den 1. Satz der Vierten Symphonie gegenüber Paul Heyse: „in der Gesangsperiode ist das Thema: der Gesang der Kohlmeise Zizipe“ [Briefe II, 901222/1]). Einen bereits weiter gefassten bildhaften Charakter haben die Scherzi und Trios. Einerseits mag in ihnen ein spezifischer „Ton“ ländlichen Milieus sublimiert sein, andererseits enthalten sie „elementarische und groteske Züge“, die Assoziationen zu „paganen Naturreligionen“, zum Heidnisch-Dämonischen nahelegen (Wiora, S. 179). In letzterem Fall nähert sich der Naturbegriff einer Suche nach dem „Archaischen“ an, wie sie in der nachfolgenden Moderne vielfach auftaucht. Doch Bruckner selbst hat keine entsprechenden verbalen Hinweise gegeben. Fragwürdig ist es außerdem, einzelne Passagen deutend aus dem Zusammenhang herauszugreifen, besonders dann, wenn bestimmte Merkmale eher mit dem Bereich der „natura naturans“ assoziierbar sind. Gemeint sind die von Bruckner meist gewählten Symphonieanfänge in Form des „Werdens eines Themas“ (nach dem Vorbild von Ludwig van Beethovens Neunter Symphonie), unthematische flächige Passagen, Generalpausen etc. Sicherlich fühlt sich der Hörer damals wie heute mit einer drängenden Aussage der Musik konfrontiert, aber ist das Sensorium einmal erregt, bleibt es dem Rezipienten wie dem Musiker weitgehend überlassen, ob und wie er sein Erleben weltanschaulich zuordnet. Selbst bei einem Blick auf die historische Rezeption der Brucknerzeit bietet sich ein weiter Horizont: Er reicht vom Katholizismus Bruckners bis zu kritischen Haltungen gegenüber dem Christentum, wie die der Philosophen Ludwig Feuerbach (1804–1872) oder Friedrich Nietzsche (1844–1900). Doch die gleichen musikalischen Merkmale lassen sich ebenso auf den philosophischen Begriff der „natura naturans“ wie auf diverse religionswissenschaftliche Begriffe beziehen und auch entsprechend erleben.

Literatur

GERNOT GRUBER

Vokalmusik

Naturbezüge finden sich häufig in Bruckners Chören (Chormusik) und Liedern, allein schon bedingt durch die textlichen Vorlagen. So suggerieren die Überschriften bzw. Textanfänge Assoziationen zu bestimmten Jahres- oder Tageszeiten und damit verbundenen Naturzuständen: Der Abendhimmel (WAB 55), Der Abendhimmel (WAB 56), Abendzauber, Mitternacht bzw. Um Mitternacht (WAB 89) und Um Mitternacht (WAB 90), Der Mondabend, Amaranths Waldeslieder („Wie bist du Frühling gut und treu“), Frühlingslied, Im April, Herbstkummer, Herbstlied und Stille Betrachtung an einem Herbstabende. Natur und Gemütsverfassung der reflektierenden Person, d. h. Objekt und Subjekt, spiegeln einander wechselseitig wider. So träumt etwa im Abendzauber der See ebenso wie der an seinem Gestade sitzende Dichter, so entsprechen in Der Mondabend Tropfen der Wehmut auf den Strahlen des Mondes der Sehnsucht im Auge des Betrachters, so ist im Herbstkummer der Sinn getrübt, da „die Blumen vergehen“ und der Sommer „hin ist“. Geschildert werden diese Natur- bzw. Seelen- oder Gemütszustände mit zeitüblichen romantischen Ausdrucksmitteln.

Aus diesen Vertonungen ragt der Abendzauber als, wie Ernst Kurth schreibt, „eine der seltsamsten Tondichtungen überhaupt“ heraus: „Die Stimmung einer abendlichen Alpenlandschaft im Mondenschein faßt Bruckner in zarteste Klänge, die sich über alle Naturschilderung hinaus ins traumhaft Visionäre auflösen. […] Ferne liegt eigentlich auch über dem Gesamteindruck; nichts […] will realistisch erfaßt sein, das Ganze ist durchaus ins Übersinnliche aufgelöst. […] Bruckners ganze innere Stellung zur Romantik könnte man aus diesem genial traumhaften, aus weltferner Versunkenheit erschauten und doch in die Weltschönheit vertauchten Stimmungserlebnis ableiten.“ (Kurth, Bd. 2, S. 1306).

Literatur

ELISABETH MAIER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 28.11.2023

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