Löwe, Ferdinand

* 19.2.1863 [nicht 1865] Wien/A, † 6.1.1925 Wien. Dirigent.

Sohn des aus Teschen (Cieszyn/PL bzw. Český Těšín/CZ) gebürtigen Branntweiners Leopold Levi und dessen Frau Theresia, geb. Hauser. Nach der Änderung seines Nachnamens in Löwe, die am 17.10.1898 von der niederösterreichischen Statthalterei bewilligt wurde, heiratete er am 10.11.1898 Amalia Josefa Anna Zehetbauer (1871–1933).

1872–1877 Besuch der Horak-Klavierschule, 1877–1881 Studium am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien: Klavier bei Josef Dachs (1825–1896), Kontrapunkt bei Bruckner und Komposition bei Franz Krenn. 1884–1896 Konservatoriumslehrer für Klavier sowie seit 1894 für Chorgesang, Leiter der Chorschule des Singvereins der GdM, 1896–1898 dessen Dirigent, 1897/98 Leiter des Münchner Kaim-Orchesters, 1898/99 Kapellmeister an der Wiener Hofoper unter Gustav Mahler. 1900–1904 Leiter der Gesellschaftskonzerte der GdM. 1900–1925 Chefdirigent des Wiener Concertvereins-Orchesters. Löwe dirigierte 27 Ur- und über 70 Erstaufführungen von Werken des heutigen Repertoires. 1908–1914 Leiter des Münchner Konzertverein-Orchesters. München stellte neben Wien die zweite wichtige Wirkungsstätte für Löwe dar. Seit 1907 regelmäßige Gastdirigate in Budapest, 1916 Gastdirigent der Berliner Philharmoniker. 1919–1922 war er Direktor der neu organisierten Staatsakademie (heute Universität) für Musik und darstellende Kunst in Wien, Kulturrat des Unterrichtsministeriums und Dirigent der Arbeiter-Symphonie-Konzerte. 1915–1917 kammermusikalisches Wirken im Klaviertrio zusammen mit dem Violinisten Adolf Busch (1891–1952) und dem Cellisten Paul Grümmer (1879–1965).

Gemeinsam mit Josef Schalk begann Löwe eine kontinuierliche Pflege der Werke Bruckners zu betreiben. In den „Internen Musikabenden“ des Wiener Akademischen Wagner-Vereins weckten Löwe und Schalk durch eigene Klavierbearbeitungen Interesse für die Symphonien Bruckners. Am 27.2.1884 erklangen etwa erstmals alle vier Sätze der Siebenten Symphonie auf zwei Klavieren im Bösendorfersaal. Am 29.11.1894 spielte Löwe erstmals den 1. Satz der Sechsten Symphonie in einer eigenen Bearbeitung, bereits am 28.12.1890 hatte er eine zweihändige Klavierfassung des Adagio und des Scherzo dargeboten.

Am 9.7.1892 trat Löwe anlässlich der Wiener Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen mit der Dritten Symphonie in der Fassung von 1889 erstmals als Dirigent an die Öffentlichkeit. Am 18.12.1895 dirigierte er die Budapester Erstaufführung der Fünften Symphonie Bruckners. Auch in München setzte sich Löwe unermüdlich für das Schaffen Bruckners ein. So erfolgte am 4.2.1898 die Münchner Erstaufführung der Fünften. Im Rahmen eines Gastspieles des Münchner Kaim-Orchesters leitete Löwe am 1.3.1898 auch die Wiener Erstaufführung dieser Symphonie – ein Konzert übrigens, in dem erstmalig in Wien eine symphonische Komposition von Mahler (2. Satz aus der Zweiten Symphonie) erklang.

Als künstlerischer Leiter des Wiener Concertvereins versuchte Löwe durch konsequente Programmgestaltung die Bruckner-Pflege besonders voranzutreiben. Er dirigierte sämtliche Symphonien Bruckners 1910/11 und 1923/24 in Wien sowie 1911/12 in München, wo er 1905 auch das erste Brucknerfest leitete. Als herausragendste Leistung dieser Jahre ist die Uraufführung der Neunten Symphonie Bruckners (in der Bearbeitung Löwes) am 11.2.1903 in Wien anzusehen.

Einen umstrittenen Punkt in der historischen Bewertung Löwes stellen dessen Bearbeitungen der Symphonien Bruckners dar. Im Zuge der Vorbereitungen der Kritischen Gesamtausgabe der Werke Bruckners durch die Österreichische Nationalbibliothek bemerkten die Herausgeber Robert Haas und Alfred Orel, dass Löwe von den ursprünglichen Bruckner-Handschriften erheblich abweichende Änderungen an den Symphonien vorgenommen hatte. Die darauf einsetzende Kritik verurteilte Löwes Eingriffe, v. a. die an der Vierten, Fünften und Neunten Symphonie, und missverstand das idealistische, selbstlose Bemühen des Bruckner-Schülers, der damit die in vieler Hinsicht ungewöhnlichen Werke Bruckners dem breiten Publikumsgeschmack näherbringen wollte. Löwe besorgte die Herausgabe folgender Klavierbearbeitungen: Dritte Symphonie, vierhändig (gemeinsam mit J. Schalk) 1890 bei Rättig; Vierte Symphonie, vierhändig 1890 bei Gutmann; Erste Symphonie, vierhändig 1893 bei Doblinger; Neunte Symphonie, vierhändig (gemeinsam mit J. Schalk) 1903 bei Doblinger; zweihändig 1904 bei der Universal Edition (UE); Neunte Symphonie, vierhändig (gemeinsam mit J. Schalk) und Te Deum (gemeinsam mit Josef Venantius von Wöss) 1911 bei der UE; Neunte Symphonie, zweihändig, und Te Deum (gemeinsam mit J. V. von Wöss) 1912 bei der UE. Für Bruckners Trauerfeier und Einsegnung in der Pfarrkirche St. Karl Borromäus (Begräbnis) schuf Löwe aus verschiedenen Motiven des Adagio der Siebenten Symphonie eine Bearbeitung für 16 Bläser und 3 Schlagwerker (Freund, S. 6).

Literatur

REINHARD RAUNER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 17.6.2020

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Abbildungen

Abbildung 1: Neue Zeitschrift für Musik 72 (1905) H. 22/23, Beilage [o. S.]

Normdaten (GND)

Löwe, Ferdinand: 119273853

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ACDH, Abteilung Musikwissenschaft