Erben, Robert Joseph
* 9.3.1862 Troppau/Österreich-Schlesien (Opava/CZ), † 17.10.1925 Berlin/D. Komponist, Kapellmeister, Pianist.
Studierte 1880–1885 Klavier bei Wilhelm Schenner und Julius Epstein sowie Harmonielehre, Kontrapunkt und Komposition bei Franz Krenn am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 1880–1890 Mitglied des Wiener Akademischen Wagner-Vereins. 1883–ca. 1910 war er als Klavierbegleiter vor allem in Wien und später in Berlin tätig. 1883–1890 übernahm er die Klavierbegleitung im Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde , wo er auch 1883 sowie 1885–1889 als Sänger aktiv war. 1883 erhielt er vom Wiener Akademischen Wagner-Verein ein Reisestipendium für die Bayreuther-Festspiele. Ab 1890 folgte eine Tätigkeit als Korrepetitor am Wiener Hof-Operntheater, im selben Jahr wurde er zum Chormeister des Wiener Männergesangvereins „Arion“ ernannt. 1890–1892 war er als Kapellmeister am Deutschen Landestheater in Prag. Zu Beginn der Saison 1892 folgte ein Engagement an der Neuen Deutschen Oper (bestand lediglich von Juni bis Oktober 1892) in Berlin, ehe er als Assistent von Gustav Mahler die Nachfolge des zuvor verstorbenen Theodor Hentschel (1830–1892) am Hamburger Stadttheater antrat. 1895/96 war er Kapellmeister am Vereinigten Stadttheater in Frankfurt am Main. Für die Saison 1897/98 wurde er an das Königliche Hoftheater in Stuttgart berufen. Ab 1898 war er in Berlin ansässig. Nach Erholung von einer psychischen Erkrankung unterrichtete er am Stern’schen Konservatorium 1899 Komposition sowie in der angeschlossenen Opernschule, ab 1900 lehrte er in der Chorschule des Konservatoriums. Am Berliner Trianon-Theater war er 1902 Kapellmeister und dirigierte im selben Jahr bei der Eröffnung des Liederspielhauses des Berliner Neuen königlichen Operntheaters. Laut zeitgenössischer Presse folgte 1903 ein Engagement in Wien. 1904/05 fungierte er als Kapellmeister am Berliner National-Theater. Zwei Tage vor seinem Tod wirkte er noch bei einem Uraufführungsabend der Interessensgemeinschaft geistiger Arbeiter in Berlin mit. Darüber hinaus war er an der von Max Friedländer (1829–1872) herausgegebenen Volksliedersammlung beteiligt.
Ob Erben bereits während seiner Ausbildung am Konservatorium in engerem Kontakt zu Bruckner stand, bleibt ungewiss – er wird jedoch nicht explizit als Schüler angeführt. Vielmehr dürften seine Mitgliedschaften in den diversen Gesangsvereinen sowie dem Wiener Akademischen Richard Wagner-Verein eine zumindest oberflächlichere Bekanntschaft mit Bruckner annehmen lassen. Im Rahmen der internen Vereinsabende wirkte Erben regelmäßig als Klavierbegleiter u. a. bei einer Aufführung des Parsifal am 22.5./14.6.1883 (zunächst 1. Akt, am darauffolgenden Termin 2. und 3. Akt), bei der Franz Schaumann den Parsifal gab und Bruckner höchstwahrscheinlich anwesend war. Weiterhin anzunehmen ist, dass Bruckner und Erben sich in Bayreuth bei der Aufführung des Parsifal am 8.7.1883 begegnet sein könnten. Ebenfalls wie Erben mit einem Stipendium des Wiener Akademischen Richard Wagner-Vereins ausgestattet, reisten vermutlich mit ihm gemeinsam Gustav Mahler und Hugo Wolf nach Bayreuth. Ein weiteres Konzert, bei welchem Erben als Korrepetitor mitwirkte, war die Wagner-Gedenkfeier am 13.2.1885. Unter Bruckners Anwesenheit wurde neben der von Erben begleiteten Schlussszene aus dem Parsifal auch die Todesverkündigungsszene aus der Walküre durch Rosa Papier-Paumgartner, Hermann Winkelmann (1849–1912) und Hans Paumgartner aufgeführt.
Trotz der Anbindung an den Schülerkreis Bruckners und seiner Ausrichtung an die Neudeutsche Schule war Erben ursprünglich nicht als Pianist für die Uraufführung des Te Deums am 2.5.1885 vorgesehen, da er den kurz zuvor erkrankten Ferdinand Löwe lediglich ersetzte. Das von Bruckner selbst dirigierte Te Deum wurde bereits in der Fassung für zwei Klaviere positiv rezensiert: „[…] Und diese ungeheuere Wirkung hat es schon mit der einfachen Begleitung von zwei Clavieren [sic] gemacht, welche übrigens von den Herren Schalk und Erben auf’s Trefflichste gespielt wurden […]“ (Allgemeine Kunst-Chronik 1885, S. 374). Trotz der erfolgreichen Aufführung des Te Deums avancierte Erben nicht zum Bruckner-Interpreten: Als Dirigent des Chors des Wiener Akademischen Richard Wagner-Vereins vertrat er wiederum den unpässlichen Josef Schalk. Die vom Vereinschor beigesteuerten Zwischennummern zu einem Orgelkonzert von Joseph Labor (1842–1924) am 6.1.1989 beinhalteten u. a. ein „Graduale“ Bruckners, bei dem es sich wahrscheinlich um das Locus iste gehandelt haben dürfte. Die Aufführung des Kyrie und Gloria aus der Messe in f-Moll am 5.3.1890 unter der Leitung von J. Schalk im kleinen Musikvereinssaal mit Erben als Klavierbegleiter wiederum im Rahmen der internen Vereinsabende des Wiener Akademischen Richard Wagner-Vereins ist dessen bisher letzte, nachgewiesene Beteiligung an einer Aufführung brucknerscher Werke vor seiner Übersiedlung nach Prag.
Werke
- Opern (u. a. Enoch Arden, Der Bettler)
- Instrumentalwerke (Symphonie in F-Dur, Wikingerfahrt in C-Dur, Andante für Orchester, Adagio für Streichquartett)
- Chorwerke (Heinzelmännchen)
- Lieder (u. a. Das liebliche Vergissmeinnicht, Du meine Seele, du mein Herz, 50 Sololieder für feierliche Anlässe)
Literatur
- Jahresberichte des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien für die Studienjahre 1880–1885. Wien 1881–1885
- Jahresberichte des Wiener Akademischen Wagner-Vereines. Hg. v. Wiener Akademischen Wagner-Verein. Wien 1873-1900
- Musikalisches, in: Allgemeine Kunst-Chronik 9 (1885), Nr. 19, S. 374
- Theodor Helm, Theater, Kunst und Literatur, in: Deutsche Zeitung 3.5.1885, Nr. 4787, S. 7
- Deutsches Volksblatt 11.1.1889, Nr. 11, S. 6
- Musikalische Rundschau 1.2.1889, Nr. 12, S. 90
- Neuer Theater-Almanach 2 (1891), S. 381
- Neuer Theater-Almanach 3 (1893), S. 222
- Ludwig Eisenberg, Das geistige Wien. Künstler- und Schriftsteller-Lexikon. Bd. 1: Belletristisch-künstlerischer Theil. Wien 1893, S. 277
- Neuer Theater-Almanach 7 (1896), S. 340
- Neuer Theater-Almanach 13 (1902), S. 262–263
- Neuer Theater-Almanach 16 (1905), S. 295
- Signale für die musikalische Welt 41 (1883), H. 65, S. 1027
- Österreichische Musik- und Theaterzeitung 1.8.1890, S. 8
- Deutsche Musik-Zeitung 17 (1890), H. 4, S. 35
- Deutsches Volksblatt 31.7.1890, S. 7
- Musikalisches Wochenblatt 23 (1892) H. 27, S. 345
- Grazer Tagblatt 16.9.1892, S. 4
- Musikalisches Wochenblatt 23 (1892) H. 43, S. 530
- Neue Freie Presse 25.12.1892, S. 9
- Signale für die musikalische Welt 53 (1895), H. 15, S. 232
- Deutsche Musik-Zeitung 24 (1897), H. 22, S. 259
- Neue Freie Presse 13.8.1898, S. 5
- Signale für die musikalische Welt 57 (1899), H. 41, S. 653
- Signale für die musikalische Welt 58 (1900), H. 21, S. 332
- Wiener Zeitung 6.5.1902, S. 7
- Die Zeit 14.1.1903, S. 1
- Der Humorist 10.10.1904, S. 6
- August Böhm, Geschichte des Singvereines der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Festschrift zum fünfzigjährigen Singvereins-Jubiläum. Wien 1908, S. 139
- Die MusikDie Musik. Stuttgart–Berlin–Leipzig 1901/02–1914/15 und 1922/23–1942/43. Zusatz ab 1934: Amtliches Organ der NS-Kulturgemeinde; Zusatz ab 1937/38: Organ des Amtes für Kunstpflege beim Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung und Schulung der NSDAP; Zusatz ab 1939: Organ der Hauptstelle Musik beim Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung und Schulung der NSDAP; Zusatz ab 1940/41: Organ der Hauptstelle Musik beim Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP. Halbmonatsschrift mit Bildern und Noten 9 (1909-1910) H. 36, S. 182
- Zeitschrift für Musik 92 (1925), H. 12, S. 751
- Signale für die musikalische Welt 83 (1925), H. 41, S. 1532
- Wilhelm Kosch, Deutsches Theaterlexikon. Biographisches und bibliographisches Handbuch. Bd. 1. Klagenfurt 1953, S. 13
- Briefe IAndrea Harrandt/Otto Schneider (Hg.), Briefe von, an und über Anton Bruckner. Bd. I. 1852–1886 (NGA XXIV/1). 2., rev. und verbesserte Aufl. Wien 2009, S. 260
- Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg (Königliches Hoftheater Stuttgart. [Personalakte Robert Erben, E 18 II Bü 264])
- mahlerfoundation.org/mahler/contemporaries/robert-josef-erben/ [10.11.2021]
- ABCD