Militärmusik

Der Kontext „Bruckner und die Militärmusik“ kann nicht ohne die Berücksichtigung der besonderen Situation der Militärkapellen Österreich-Ungarns gesehen werden. Sie wurden von staatlicher Seite nur sehr gering gefördert und mussten durch Auftritte bei privaten Konzert- und Ballveranstaltern zu ihrer Finanzierung beitragen. Dabei hatten sich die Militärkapellen am Musikgeschmack breiter Massen zu orientieren; meist bestand mehr als die Hälfte des Programmes aus Wiener Tanzmusik. Von den meisten Musikern wurde neben dem Blasinstrument auch die Kenntnis eines Streichinstruments verlangt. Durch die Beteiligung der Kapellmeister und Musiker an den Einnahmen war der Dienst bei Militärkapellen in größeren Städten sehr lukrativ. Dies führte zu qualitativ guten Militärmusiken, die zivilen Kapellen in den meisten Fällen überlegen waren, da vielfach auch Absolventen der Konservatorien Dienst bei den Militärkapellen leisteten.

Die Mitwirkung einzelner Militärmusiker sowie der ganzen Kapelle oder einer Abteilung der Militärmusik an lokalen Konzert- und Theaterveranstaltungen war selbstverständlich, sowohl mit Blas- als auch Streichinstrumenten. Bei der Aufführung von Werken Bruckners waren oft Militärmusiker aktiv. Da die Führung einer Militärkapelle weitgehend als „Privatsache“ des Regiments gesehen wurde, gab es keine vorgeschriebenen Besetzungen und es existieren auch keinerlei Aufzeichnungen über den Einsatz der Musiker bei den einzelnen Veranstaltungen im militärischen bzw. zivilen Bereich.

Erstmals verwendete Bruckner 1855 bei der Kantate „Auf, Brüder! auf, und die Saiten zur Hand!“ zur Begleitung des Männer-Soloquartetts, vierstimmigen Männerchores und vierstimmigen gemischten Chores ein Bläserensemble mit zwei Oboen, zwei Fagotten, drei Hörnern, zwei Trompeten und drei Posaunen.

Für die Instrumentalbesetzung der Festkantate schrieb er ein Blasorchester (zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, vier Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, Basstuba) vor, das bei der Uraufführung am 1.5.1862 von der Musikkapelle des Infanterieregiments Nr. 13 „Freiherr von Bamberg“ unter Militärkapellmeister Joseph Wiethe (1811–1889) ausgeführt wurde; Wiethe trat 1856 in Wien mit seiner Kapelle auch gemeinsam mit Johann Strauss Sohn auf. Ebenfalls für Blasorchester-Besetzung ist der Bruckner fälschlich zugeschriebene Apollo-Marsch in Es‑Dur, der tatsächlich von Béla Kéler (eigentl. Adalbert Paul von Keler, 1820–1882) stammt (Mazzuchelli-Marsch op. 22).

In der Messe in e‑Moll dient ein größeres Bläserensemble mit zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotten, vier Hörnern, zwei Trompeten und drei Posaunen zur Begleitung des achtstimmigen gemischten Chors. Es könnte als erweiterte klassische Harmoniemusik-Besetzung gesehen werden, bei der nebst vergrößertem Hornregister noch zwei Trompeten und drei Posaunen hinzukommen. Die Uraufführung am 29.9.1869 zur Einweihung der Votivkapelle des Neuen Doms in Linz fand unter Mitwirkung von Militärmusikern statt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stellte der angesehene Militärkapellmeister Karl Komzák Vater (1823–1893) vom Infanterieregiment Nr. 11 „Albert Kronprinz von Sachsen“ die Musiker für diese Aufführung. Denkbar wäre auch die Mitwirkung von Musikern des ebenfalls 1866 in Linz garnisonierenden Infanterieregimentes Nr. 63 „Wilhelm III. König der Niederlande“ unter der Leitung des Militärkapellmeisters Anton Schmidl von Hegyes (1819–1880). In den 1860er Jahren wirkten Bruckner und Komzák gemeinsam bei Konzerten mit, so auch bei der Aufführung der Messe in d‑Moll am 6.1.1868 im Alten Dom in Linz.

Die Begleitung des Germanenzugs übernahm bei der Uraufführung am 5.6.1865 die in Enns stationierte Kapelle des Husarenregiments Nr. 5 „Graf Radetzky“ unter Stabstrompeter Stefan Schramm (1821–1874). Bruckner erwähnt in seinem Brief an Rudolf Weinwurm vom 1.3.1864, dass  Alois Weinwurm zur einfachen Instrumentation des Germanenzugs rate (vgl. Briefe I, 640301). 1868 führte Bruckner als Chorleiter der Liedertafel „Frohsinn“ den Germanenzug mehrmals auf, u. a. im Märzenkeller und im Volksgarten, wobei die Orchesterbegleitung immer von der Kapelle des Infanterieregiments Nr. 11 mit Militärkapellmeister Karl Komzák Vater ausgeführt wurde. Die Besetzung ist keine Harmoniemusik im klassischen Sinne, sondern entspricht eher einem größeren Bläserensemble.

Der Marsch für Militärmusik in Es‑Dur ist der „Militär-Kapelle der Jäger-Truppe“ (Vorwort, in: NGA XII/8) gewidmet und mit 12.8.1865 datiert. Die Dedikation galt höchstwahrscheinlich der Militärmusik des zu dieser Zeit in Linz stationierten Feldjäger-Bataillons Nr. 3 unter Bataillonskapellmeister Ignaz Müller recte Ortner (1812–1885). Die Besetzung des Marsches mit Flöte in Des, Klarinette in As, zwei Klarinetten in Es, drei Klarinetten in B, zwei Flügelhörnern, drei Euphonien, drei Hörnern in F, fünf Trompeten in Es, Trompete in B, 2 Posaunen, 2 Tuben und Schlagwerk entspricht – im Gegensatz zu den vorher besprochenen Werken – im Wesentlichen der gängigen Besetzung der Militärkapellen der Zeit. Bereits Wolfgang Suppan (1933–2015) stellte fest, dass Bruckners Melodik nicht den Vorstellungen der traditionellen österreichischen Marschkomposition entsprach und deshalb auch geringe Aufführungschancen hatte (vgl. Suppan, S. 334).

Im Sommer 1879 improvisierte Bruckner in St. Florian über Militärthemen. In der Schwimmschule hatte ihm Matthias Lehner (1862–1922) das Thema der Retraite (Zapfenstreich) aus den auf Michael Haydn zurückgehenden Militärsignalen vorgepfiffen (vgl. Göll.-A. 2/1, S. 270, und 4/1, S. 674f.). Bruckner konnte von seiner Linzer Wohnung aus die Militärsignale miterleben und soll so auch zum Hauptthema seiner Sechsten Symphonie angeregt worden sein (vgl. Göll.-A. 4/1, S. 674ff.).

Quellen
  • Personalakte, Grund- und Contobücher des Militärkapellmeister-Pensionsvereins, Österreichisches Staatsarchiv, Abteilung Kriegsarchiv
  • Nachlass Emil Rameis, Sign. B/796, Österreichisches Staatsarchiv, Abteilung Kriegsarchiv
Literatur

FRIEDRICH ANZENBERGER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 13.9.2017

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