Virga Jesse (WAB 52) „Virga Jesse floruit“
Graduale für vierstimmigen gemischten Chor a cappella in e‑Moll, „Alla breve. Feierlich langsam“
| EZ: | 3.9.1885 |
| W: | Omnia ad majorem dei gloriam („O. A. M. D. Gl.“) |
| UA: | 4.10.1885 in Linz, Presbyterium des Neuen Doms |
| Aut.: | ÖNB‑MS (Mus.Hs.44018) |
| ED: | Vier Graduale. Rättig, Wien–Leipzig 1886 (zusammen mit Christus factus est [WAB 11], Locus iste und Os justi) |
| NGA: | Band XXI (Hans Bauernfeind/Leopold Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984) |
Bruckner schrieb den Chor zum Jubiläum des 100‑jährigen Bestandes der Diözese Linz auf Ersuchen des Chordirektors des Neuen Domes in Linz, Johann Baptist Burgstaller. Erst vor Kurzem wurden zusammen mit dem von Franz Rossi notierten Chorstimmensatz zur Uraufführung zwei Partiturabschriften von Burgstaller (Diözesanarchiv Linz, 486/8/29) gefunden, die belegen, dass das Virga Jesse tatsächlich auch zu diesem Anlass am 4.10.1885 im gerade erst fertiggestellten Presbyterium des Neuen Linzer Doms uraufgeführt wurde. Die Uraufführung erfolgte also nicht erst, wie bisher vermutet, am 8.12.1885 (Mariä Empfängnis) in der Wiener Hofburgkapelle. Auf Anregung von Johann Baptist Burgstaller wurde am selben Tag beim Kaiseramt im Alten Dom unter der Leitung von Adalbert Schreyer die Messe in e‑Moll aufgeführt. Laut Burgstaller spielte Bruckner sowohl im Alten wie im Neuen Dom die Orgel.
Die überlieferte Widmung an den bereits 1884 verstorbenen Chorherren und Regens chori von St. Florian, Ignaz Traumihler, wie bei Os justi, fußt auf einer missverständlichen Angabe bei August Göllerich und Max Auer (Göll.-A. 4/2, S. 348f.). Aigner vermerkte auf seiner Abschrift – wohl irrtümlich – als Entstehungszeit dieser Komposition „August [1]875. in Steyer u. St. Florian“ (Stift Kremsmünster, Musiksammlung, C57–8).
Der Text dieses Graduale, der Alleluja-Vers aus dem Commune Beatae Mariae Virginis, bringt Anklänge an eine Weissagung des Propheten Jesaia über den kommenden Messias und sein Friedensreich (vgl. Jes 11).
Im 1. Teil der Motette (T. 1–62) unterstreicht Bruckner eindringlich den theologischen Gehalt des Textes: Es begegnen die bei ihm so häufige „theologische Bekräftigungsformel“ (das „Dresdner Amen“ oder die „Grals-Sexten“) gleich zu Beginn zweimal auf „floruit“, eine sanft ausschwingende Melodik und der imitatorische Einsatz im Oberchor bei „pacem Deus reddidit“, wobei die Steigerung bis zum fff und die darauf unmittelbar folgende, im pp sanft sich herabneigende dreimalige Geste der Sext zugleich den musikalischen und den gedanklichen Höhepunkt – das Anbrechen des Friedens und der Versöhnung („in se reconcilians“) – markieren. Den 2. Teil bildet ein strahlendes, prägnant rhythmisiert einsetzendes „Alleluja“, das mit seiner Ausdehnung (T. 63–91) ein Drittel der Motette einnimmt.
Literatur
- Max Auer, Bruckner als Kirchenmusiker (Deutsche Musikbücherei 54). Regensburg 1927, S. 73–77
- Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 4/2, S. 348f.
- Erwin Horn, Anton Bruckner. Geistliche Motetten: Virga Jesse, in: Musica sacra 102 (1982) H. 5, S. 334–346
- Melanie Wald-Fuhrmann, Geistliche Vokalmusik, in: Bruckner-Handbuch 2010Hans-Joachim Hinrichsen (Hg.), Bruckner-Handbuch. Stuttgart–Weimar 2010, S. 224–289
- Robert Klugseder/Ikarus Kaiser, Wiederentdeckung eines umfangreichen Korpus an Abschriften des Linzer Dom-Musikarchivs, in: ABIL-MitteilungenABIL-Mitteilungen. Hg. v. Anton Bruckner Institut Linz. Linz 2008ff. Nr. 17 (Juni 2016), S. 4–10