Christus factus est (WAB 9–11) „Christus factus est pro nobis“
Bruckner vertonte dieses Graduale aus der
Gründonnerstagsliturgie (Text aus dem Philipper-Brief des hl. Paulus,
Phil 2,7ff., mit der eindringlich komprimierten Formulierung des
Heilsgeschehens) insgesamt dreimal: das 1. Mal (vermutlich 1844) als
1. Satz der (Choral-) Messe für den Gründonnerstag in F‑Dur (WAB 9), die beiden
anderen Male (um 1873, 1884) als selbständige Kompositionen.
Christus factus est II (WAB 10)
Graduale für achtstimmigen gemischten Chor (2 S, 2 A, 2 T, 2 B), Str. und 3 Pos. in
d‑Moll, „Andante“
Bruckners Nachlassverwalter Theodor
Reisch (Testament) schenkte das Autograf am 11.10.1897 –
an Bruckners 1. Todestag – dessen Freund
Rudolf Weinwurm, der es an den
Bruckner-Verehrer Franz
Schaumann weiterreichte. 2009 konnte die Musiksammlung der Österreichischen
Nationalbibliothek (ÖNB) das Autograf erwerben.
Diese Vertonung besteht textlich gleichsam aus einer „erzählenden“ Einleitung von
Sopran und Alt im unisono (T. 1–12) und legt das Schwergewicht auf Erhöhung (Fugato, T. 13–19), Namensverleihung (T. 20–31)
und Preisung (längster Abschnitt, T. 31–61) des Namens Jesu Christi (höchste
Klangentfaltung im ff mit auf acht Stimmen erweitertem Chor;
sukzessiv geschichteter, vielleicht vom berühmten „Crucifixus“ des Antonio Lotti
[1667–1740] beeinflusster Stimmeneinsatz bei „quod est super“). Nach (nicht weiter
belegter) Meinung Nowaks fasste Bruckner seine „Melodie als ‚gregorianischen‘ Choral
auf. Dahin zielt auch seine Bemerkung: besser ohne Violinen“
(vgl. Revisionsbericht der NGA XXI [1984], S. 92). Eine plausiblere Erklärung wäre
jedoch, dass Bruckner, entsprechend dem die Passion Christi thematisierenden Text,
die dunkleren Klangfarben bevorzugen wollte.
Christus factus est III (WAB 11)
Graduale für vierstimmigen gemischten Chor a cappella in d‑Moll, „Moderato
misterioso“
| EZ: |
28.5.1884 in Wien
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| W: |
P. Oddo
Loidol („Sr Hochwürden dem Wohlgebornen Herrn P. Oddo Loidol, Benediktiner
des löbl. Stiftes Kremsmünster“)
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| UA: |
9.11.1884 in Wien, Hofburgkapelle
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| Aut.: |
Paul Sacher Stiftung, Basel, Schweiz (Sammlung Arthur Wilhelm, o. Sign., vormals im
Besitz von Carl Führich);
Stift Kremsmünster,
Musiksammlung (C57/20,
As. [Widmungspartitur]); ÖNB‑MS (Mus.Hs.37282, As.
[Stichvorlage])
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| ED: |
Vier Graduale. Rättig, Wien
1886 (zusammen mit Locus
iste, Os
justi und Virga
Jesse)
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| NGA: |
Band XXI (Hans Bauernfeind/Leopold
Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984)
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Der musikalische Aufbau dieser Vertonung stellt sich streng in den Dienst der
Textausdeutung: Der 1. Teil (T. 1–20) nennt in Kurzform Menschwerdung und
gehorsam übernommenes Todesschicksal Jesu. Der 2., wesentlich längere (T. 21–65)
und durch eine (wohl die Stille des Todes andeutende) Generalpause abgesetzte Teil
schildert die Erhöhung des „nomen, quod est super omne nomen“. Bruckner gestaltete
die Motette mit einem Höchstmaß an musikalischer
und theologischer Reflexion, deren besondere Intensität vielleicht auch von der kurz
zuvor (10.–14.4.) in Prag (u. a. im Kloster
Emmaus) miterlebten und Bruckner tief beeindruckenden Kar- und Osterliturgie geprägt
wurde.
Alle musikalischen Elemente werden in dieser Motette mit Symbolbedeutung eingesetzt:
Intervalle (z. B. Prim bzw. kleine Sekund T. 1‑4: Demut, Menschwerdung;
Duodezimabstieg im Bass, T. 13–15: äußerste Erniedrigung im Kreuzestod), Melodik (z. B. T. 47f.: weitgespannter Bogen auf
„super omne nomen“), Harmonik (z. B. Modulation
von d‑Moll nach Des‑Dur am Schluss des 1. Teiles: Ankündigung der Erlösung durch das
Kreuz), Dynamik
(Menschwerdung und Passion: p, Erhöhung: Steigerung bis zum
fff, Verstummen aller anderen Namen vor dem des Einen: ppp). Zusätzlich bedient sich Bruckner eines Repertoires
traditioneller Topoi (z. B. absteigende Sequenz auf „obediens“) sowie einer von
ihm häufig als „theologische Bekräftigung“ verwendeten Formel (T. 23f.:
„exaltavit illum“, T. 37f.: „super omne nomen“). Ein codaartiger Schluss
(T. 65–79) meditiert den „nomen, quod est super omne nomen“ und versinkt im pp.
Literatur
- Erwin Horn, Anton Bruckner. Geistliche Motetten, in: Musica sacra 102 (1982) H. 6, S. 408–420
- Imogen Fellinger, Die drei Fassungen des „Christus factus est“ in Bruckners
kirchenmusikalischem Schaffen, in: Bruckner‑Symposion
1985Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Symposion. Anton Bruckner und die Kirchenmusik. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1985. 19.–22. September 1985. Bericht. Linz 1988, S. 145–153
- Wolfgang Hofmann, Die Motette Christus factus est (1884) von Anton Bruckner. Zur Adaption und Integration älterer Kompositionsverfahren im Kirchenmusikschaffen Anton Bruckners, in: Kirchenmusikalisches Jahrbuch 77 (1993), S. 135–146
- Melanie Wald-Fuhrmann, Geistliche Vokalmusik, in: Bruckner-Handbuch 2010Hans-Joachim Hinrichsen (Hg.), Bruckner-Handbuch. Stuttgart–Weimar 2010, S. 224–289