Christus factus est (WAB 9–11) „Christus factus est pro nobis“

Bruckner vertonte dieses Graduale aus der Gründonnerstagsliturgie (Text aus dem Philipper-Brief des hl. Paulus, Phil 2,7ff., mit der eindringlich komprimierten Formulierung des Heilsgeschehens) insgesamt dreimal: das 1. Mal (vermutlich 1844) als 1. Satz der (Choral-) Messe für den Gründonnerstag in F‑Dur (WAB 9), die beiden anderen Male (um 1873, 1884) als selbständige Kompositionen.

Christus factus est I (WAB 9)

s. Messe für den Gründonnerstag in F‑Dur

Christus factus est II (WAB 10)

Graduale für achtstimmigen gemischten Chor (2 S, 2 A, 2 T, 2 B), Str. und 3 Pos. in d‑Moll, „Andante“

EZ: vor dem 8.12.1873 in Wien, vermutlich Oktober/November
UA: 8.12.1873 in Wien, Hofburgkapelle
Aut.: ÖNB‑MS (Mus.Hs.44227, Partitur); Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/42, Stimmen – Va., Vc., Kb.)
ED: Musikwissenschaftlicher Verlag, Wien 1934 (Ludwig Berberich)
NGA: Band XXI (Hans Bauernfeind/Leopold Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984)

Bruckners Nachlassverwalter Theodor Reisch (Testament) schenkte das Autograf am 11.10.1897 – an Bruckners 1. Todestag – dessen Freund Rudolf Weinwurm, der es an den Bruckner-Verehrer Franz Schaumann weiterreichte. 2009 konnte die Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) das Autograf erwerben.

Diese Vertonung besteht textlich gleichsam aus einer „erzählenden“ Einleitung von Sopran und Alt im unisono (T. 1–12) und legt das Schwergewicht auf Erhöhung (Fugato, T. 13–19), Namensverleihung (T. 20–31) und Preisung (längster Abschnitt, T. 31–61) des Namens Jesu Christi (höchste Klangentfaltung im ff mit auf acht Stimmen erweitertem Chor; sukzessiv geschichteter, vielleicht vom berühmten „Crucifixus“ des Antonio Lotti [1667–1740] beeinflusster Stimmeneinsatz bei „quod est super“). Nach (nicht weiter belegter) Meinung Nowaks fasste Bruckner seine „Melodie als ‚gregorianischen‘ Choral auf. Dahin zielt auch seine Bemerkung: besser ohne Violinen“ (vgl. Revisionsbericht der NGA XXI [1984], S. 92). Eine plausiblere Erklärung wäre jedoch, dass Bruckner, entsprechend dem die Passion Christi thematisierenden Text, die dunkleren Klangfarben bevorzugen wollte.

Christus factus est III (WAB 11)

Graduale für vierstimmigen gemischten Chor a cappella in d‑Moll, „Moderato misterioso“

EZ: 28.5.1884 in Wien
W: P. Oddo Loidol („Sr Hochwürden dem Wohlgebornen Herrn P. Oddo Loidol, Benediktiner des löbl. Stiftes Kremsmünster“)
UA: 9.11.1884 in Wien, Hofburgkapelle
Aut.: Paul Sacher Stiftung, Basel, Schweiz (Sammlung Arthur Wilhelm, o. Sign., vormals im Besitz von Carl Führich); Stift Kremsmünster, Musiksammlung (C57/20, As. [Widmungspartitur]); ÖNB‑MS (Mus.Hs.37282, As. [Stichvorlage])
ED: Vier Graduale. Rättig, Wien 1886 (zusammen mit Locus iste, Os justi und Virga Jesse)
NGA: Band XXI (Hans Bauernfeind/Leopold Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984)

Der musikalische Aufbau dieser Vertonung stellt sich streng in den Dienst der Textausdeutung: Der 1. Teil (T. 1–20) nennt in Kurzform Menschwerdung und gehorsam übernommenes Todesschicksal Jesu. Der 2., wesentlich längere (T. 21–65) und durch eine (wohl die Stille des Todes andeutende) Generalpause abgesetzte Teil schildert die Erhöhung des „nomen, quod est super omne nomen“. Bruckner gestaltete die Motette mit einem Höchstmaß an musikalischer und theologischer Reflexion, deren besondere Intensität vielleicht auch von der kurz zuvor (10.–14.4.) in Prag (u. a. im Kloster Emmaus) miterlebten und Bruckner tief beeindruckenden Kar- und Osterliturgie geprägt wurde.

Alle musikalischen Elemente werden in dieser Motette mit Symbolbedeutung eingesetzt: Intervalle (z. B. Prim bzw. kleine Sekund T. 1‑4: Demut, Menschwerdung; Duodezimabstieg im Bass, T. 13–15: äußerste Erniedrigung im Kreuzestod), Melodik (z. B. T. 47f.: weitgespannter Bogen auf „super omne nomen“), Harmonik (z. B. Modulation von d‑Moll nach Des‑Dur am Schluss des 1. Teiles: Ankündigung der Erlösung durch das Kreuz), Dynamik (Menschwerdung und Passion: p, Erhöhung: Steigerung bis zum fff, Verstummen aller anderen Namen vor dem des Einen: ppp). Zusätzlich bedient sich Bruckner eines Repertoires traditioneller Topoi (z. B. absteigende Sequenz auf „obediens“) sowie einer von ihm häufig als „theologische Bekräftigung“ verwendeten Formel (T. 23f.: „exaltavit illum“, T. 37f.: „super omne nomen“). Ein codaartiger Schluss (T. 65–79) meditiert den „nomen, quod est super omne nomen“ und versinkt im pp.

Literatur

ELISABETH MAIER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 7.2.2019

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Christus factus est II (WAB 10)

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Christus factus est III (WAB 11)

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