Ecce sacerdos (WAB 13) „Ecce sacerdos magnus“

Responsorium für siebenstimmigen gemischten Chor, 3 Pos. und Orgel in a‑Moll

EZ: 20.–28.4.1885 in Wien
W: Omnia ad maiorem Dei gloriam („O. A. M. D. G.“)
UA: 4.10.1885 in Linz, Alter Dom (Musikfreunde Linz; Adalbert Schreyer)
Aut.: Wiener Männergesang-Verein (o. Sign.)
ED: Universal Edition, Wien 1911 (U.E. 3298, Viktor Keldorfer)
NGA: Band XXI (Hans Bauernfeind/Leopold Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984)

Vom 26.9. bis 4.10.1885 feierte die Diözese Linz ihr 100‑jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass erteilte der Regens chori des Linzer Domes, Johann Baptist Burgstaller, Bruckner den Auftrag zu einer festlichen Komposition zum Einzug des Bischofs. Der Text (ein Responsorium mit Versikel und Doxologie) ist dem Ordo ad recipiendum processionaliter Episcopum entnommen. Er enthält Zitate von und Anspielungen auf Stellen aus dem Alten und Neuen Testament, die vom Hohepriester und vom Bund JHWHs mit Gerechten (Noach, Abraham, Isaak, König David) und von seiner Treuezusage handeln (bes. Sir. 44,21 und Hebr. 6,13f.).

Bislang wurde angenommen, dass im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten nicht Bruckners Komposition, sondern stattdessen ein Ecce sacerdos magnus von Ignaz Traumihler erklang. Im Diözesanarchiv Linz neu aufgefundene Abschriften eines anonymen Schreibers lassen allerdings darauf schließen, dass am 4.10.1885 Bruckners Ecce sacerdos sowie weitere kurze und einstimmige Responsorien (Diözesanarchiv Linz, 469/6/29) gesungen wurden (Klugseder/Kaiser, S. 8f.). Eine Aufführung am 21.11.1912 in Vöcklabruck unter Max Auer gilt somit nicht mehr als Uraufführung.

Bruckners Testamentsvollstrecker (Testament) Theodor Reisch schenkte das Autograf des Werkes aus Bruckners Nachlass dem Wiener Männergesang-Verein.

Aus der Spannung zwischen festlicher Prunkentfaltung des kirchlichen Amtes und ihrer gleichzeitigen Relativierung (der Text spricht von einem Hohepriester/Priesterkönig der Vergangenheit, der „in seinen Erdentagen Gott gefiel“, und der folglich dem gegenwärtigen „Hohepriester“, dem Bischof, als Vorbild und Mahnung dienen soll) gewinnt auch die Vertonung Bruckners ihre Dynamik. (Die Interpretation, dass „in diesem Stück […] nicht die Herrlichkeit Gottes oder das Geheimnis des Wesens von Christus oder Maria im Vordergrund“ stünde, sondern vielmehr „die Verherrlichung des Kirchenfürsten“ – vgl. Wald-Fuhrmann, S. 278 – ist demnach verfehlt.) Bruckner stellt akkordische Klangblöcke (mit stellenweise hochromantischen harmonischen Rückungen) Passagen von altkirchlicher Polyphonie gegenüber, in denen der Komponist auch gewiss dem Geschmack des Cäcilianers Burgstaller (Cäcilianismus) entgegenkommen wollte. Das Responsorium zeigt Anklänge an das Te Deum, das etwa zur gleichen Zeit (2.5.1885) im Wiener Akademischen Wagner-Verein mit zwei Klavieren uraufgeführt wurde, und an die gerade im Entstehen begriffene Achte Symphonie. So versinnbildlichen, wie im Te Deum, die im machtvollen ff ertönenden Quint-Oktav-Klänge (ohne Terz) nach einem alten Tonsymbol die Majestät Gottes (nicht des Kirchenfürsten!), während die von Großterzverwandtschaften geprägte Harmonik des „Ideo jurejurando“-Teiles auf das Finale der Achten hinweist (das nach Bruckners etwas unbeholfenen Erklärungsversuchen ebenfalls von „Majestäten“, nämlich den einander begegnenden Kaisern, „handelt“).

Das festliche Responsorium endet zurückhaltend mit der im Chorunisono pp vorgetragenen Doxologie („Gloria Patri et Filio ...“) und einer kurzen Wiederholung des Abschnittes „ideo jurejurando“, die ins ppp einmündet. Diese Reduktion der äußeren Prachtentfaltung ist liturgisch und theologisch folgerichtig: Die feierliche Einzugsprozession hat den Altar erreicht, wo nur mehr das „Omnia ad maiorem Dei gloriam“, das Bruckner auf das Titelblatt schrieb, Geltung haben soll.

Literatur

ELISABETH MAIER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 12.5.2017

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ACDH, Abteilung Musikwissenschaft