Neuseeland (Rezeption)
Die Geschichte der Bruckner-Rezeption in Neuseeland ist untrennbar mit Georg Tintner verbunden. Schon als Wiener Sängerknabe sang er oft Bruckners Messen, einschließlich einer Aufführung der Messe in f‑Moll unter der Leitung von Franz Schalk bei den Salzburger Festspielen im August 1929. Im September 1938 verließ er Österreich (Nationalsozialismus) und kam schließlich im Jänner 1940 in Auckland an, nachdem er fast ein ganzes Jahr in England auf die neuseeländische Einreiseerlaubnis hatte warten müssen. Die nächsten 14 Jahre verbrachte Tintner in Neuseeland, bevor er im Mai 1954 nach Sydney (Australien) übersiedelte.
Vor der Ära Tintner war Bruckners Musik in Neuseeland im Radio bzw. auf Schallplatten verfügbar. Im Februar 1937 sendete der BBC Empire Shortwave Service eine Aufführung von Bruckners Ouvertüre in g‑Moll. Dies war wahrscheinlich der erste Empfang eines Bruckner-Werks in Neuseeland. Ab 1938 gab es vereinzelt Programme des New Zealand Broadcasting Service in Auckland, Wellington, Christchurch und Dunedin mit Musik Bruckners auf im Handel erhältlichen 78 rpm Schallplatten. Diese Sendungen brachten u. a. die Ouvertüre in g‑Moll, das Streichquintett in F-Dur, die Messe in e‑Moll und die ersten beiden Sätze der Siebenten Symphonie.
1947 wurde Tintner zum Leiter der Auckland Choral Society ernannt und im selben Jahr Dirigent der Auckland String Players. Sechs Jahre später, am 17.10.1953, fand in der Auckland Town Hall die erste neuseeländische Live-Aufführung eines Bruckner-Werkes statt: die Messe in f‑Moll, wobei Tintner die Sänger der Auckland Choral Society und eine hauptsächlich aus Mitgliedern der Auckland String Players bestehende Gruppe von Orchestermusikern dirigierte. Eine Besprechung der Aufführung von L. C. M. Saunders wurde am 19.10.1953 im New Zealand Herald veröffentlicht: „Ohne den inbrünstigen Enthusiasmus eines einzelnen Mannes für einen der meistvernachlässigten großen Komponisten des 19. Jahrhunderts hätte Auckland ein Chorkonzert versäumt, welches eine Stunde lang eine spirituelle Stimmung hervorrief, die man sonst nur selten in der Konzerthalle antrifft. Dieser Enthusiasmus kam von Herrn Georg Tintner und das Ereignis war die Aufführung von Bruckners Messe f‑Moll durch die Auckland Choral Society am Samstagabend in der Town Hall. [...] Trotz einiger stilistischer Kunstfehler, die der Hauptgrund für die Vernachlässigung Bruckners sein dürfte, gibt es keinen Zweifel über die Lauterkeit dieses Komponisten. Mit derselben Lauterkeit und der Begabung, dieselbe seinen Sängern mitzuteilen, bewies Herr Tintner ohne Schwierigkeiten seinem Publikum, dass die Messe f‑moll einer Aufführung durchaus wert ist. Solisten, Chor und Orchester verflochten sich zu einem harmonischen Ganzen, sodass ein Satz nach dem anderen seine eigene Schönheit offenbarte, ohne dass die tief religiöse Atmosphäre des eröffnenden Kyrie je verloren ging.“
Ein paar Wochen später reiste Tintner nach Wellington, um in Neuseeland die erste Aufführung einer Bruckner-Symphonie, der Vierten, mit dem National Orchestra (Vorgänger des New Zealand Symphony Orchestra [NZSO]) zu dirigieren. Tintner benutzte die Edition von Robert Haas der Fassung von 1878/80, von der er die Orchesterstimmen selbst importiert und von Hand kopiert hatte. Die live-Übertragung fand am 28.11.1953 statt und konnte über das New Zealand Broadcasting Service sowohl in Wellington als auch in Auckland empfangen werden. Tintners Witwe Tanya (* 1953) erinnerte sich, dass die Aufführung über die geplante Sendezeit hinausging und das Studio die letzten sechs Minuten nicht mehr übertrug. Tintner dirigierte, ohne dies zu bemerken, bis zum Ende des Werkes weiter.
In einem im Jänner 1999 im Gramophone Magazine veröffentlichten Interview sagte Tintner, er hätte liebend gern auch die Siebente Symphonie aufgeführt, aber Wagner-Tuben waren zu Kriegsende in Neuseeland nicht erhältlich. So konnte die Erstaufführung dieses Werkes erst am 24.5.1961 unter der Leitung von John Hopkins (1927–2013) stattfinden. (1969 kaufte das NZSO schließlich seine eigenen Wagner-Tuben.) Am 22.10.1970 folgte die Dritte unter Ray Wilson. Brian Priestman (1927–2014) leitete am 31.5.1973 die Erste Symphonie, und Uri Segal (* 1944) am 2.9.1977 die Fünfte Symphonie. Franz-Paul Decker (1923–2014) leitete die Erstaufführungen der Neunten (23.7.1976), Achten (9.3.1985) und Sechsten Symphonie (20.6.1992).
Tintner kam später wieder nach Neuseeland und dirigierte Aufführungen der Vierten Symphonie in Dunedin und später auch in Christchurch. Schließlich leitete er im April 1980 in der Auckland Town Hall zum 125. Jahrestag der Auckland Choral Society bei einem Jubiläumskonzert die Messe in f‑Moll.
1994 lud Klaus Heymann (* 1936), Gründer von Naxos Records, Tintner (der damals in Kanada lebte) ein, einen kompletten Symphonie-Zyklus mit dem NZSO einzuspielen. Und so kam Tintner, fast 16 Jahre nachdem er zuletzt eine Bruckner-Symphonie mit dem NZSO dirigiert hatte, Ende Juli 1995 nach Neuseeland zurück, um die Sechste Symphonie mit dem NZSO einzuspielen. Aus verschiedenen Gründen war es nicht möglich, den Rest des Zyklus mit dem NZSO aufzunehmen. 1996–1998 nahm Tintner die Erste, Dritte, Vierte, Fünfte, Siebente, Neunte und die Symphonie in f‑Moll mit dem Royal Scottish National Orchestra sowie die Symphonie in d‑Moll, Zweite und Achte Symphonie mit dem National Symphony Orchestra of Ireland auf. Tintners Aufführungen der Bruckner‘schen Symphonien fanden weltweit kritische Zustimmung.
Literatur
- Tanya Buchdahl Tintner, Out of Time: The Vexed Life of Georg Tintner. Perth 2011
- Michael Humble, Anton Bruckner in Neuseeland, in: IBG-MitteilungsblattMitteilungsblatt der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Studien & Berichte. Hg. v. der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1971ff. Nr. 86 (Juni 2016), S. 5–9
- Anton Voigt, Im Dienste Anton Bruckners. Der Dirigent Georg Tintner (1917–1999), in: Bruckner-JahrbuchBruckner-Jahrbuch. (Wechselnde Herausgeber). Linz 1980ff. 2015–2017, S. 165–187
- pers. Mitt. Tanya Tintner und New Zealand Symphony Orchestra (2011)
- www.abruckner.com/sitesearch/searchdiscographyd/default.htm?search=Tintner [21.9.2020]