Australien (Rezeption)

Die sechs führenden Symphonieorchester Australiens (Sydney, Melbourne, Queensland, Adelaide, West Australian und Tasmanian Symphony Orchestra) wurden bis 1995 von der Australian Broadcasting Commission (ABC) verwaltet. Im Archiv der ABC sind die Aufführungen von Werken Bruckners bis zu diesem Jahr dokumentiert, zu den früheren Jahren ist die Dokumentation allerdings nur lückenhaft erhalten. Eine Aufführung des Te Deum in Melbourne am 2.3.1904 unter dem in Sydney geborenen, später in London wirkenden George H. Clutsam (1866–1951) wird bei Göllerich-Auer (4/4, S. 257) erwähnt – nähere Angaben sind dazu allerdings nicht zu finden. In den Aufzeichnungen der ABC sind erst 35 Jahre später Aufführungen von Kompositionen Bruckners vermerkt: Am 7.6.1939 wurde die Dritte Symphonie unter George Andreas Szell aufgeführt; angeblich sollen aber auch schon unter Sir Bernard Thomas Heinze (1894–1982) in den 1930er Jahren in Melbourne Werke von Bruckner gespielt worden sein. 1929 wird von Letzterem Bruckner als „in Australien noch unbekannt“ bezeichnet (Neues Wiener Journal 27.1.1929, S. 23).

Soweit nachweisbar wurden die Symphonien in folgender Reihenfolge in Australien erstaufgeführt: Die Dritte Symphonie (in der Ausgabe der Universal Edition), wie eben erwähnt, 1939 in Melbourne, die Vierte am 6.8.1949 in Melbourne, die Erste am 10.7.1950 in Sydney unter Eugène A. Goossens (1893–1962), die Siebente am 17.5.1950 in Melbourne, die Fünfte am 18.4.1951 in Adelaide unter dem 1938 nach Australien emigrierten Wiener Henry Krips (1912–1987), wobei am Schluss der Choral durch die Mitwirkung der Orgel verstärkt wurde, die ersten drei Sätze der Neunten am 22.8.1953 in Sydney unter Goossens, die Achte am 19.10.1955 in Melbourne, die Zweite am 12.8.1959 in Melbourne, die Sechste am 31.7.1963 in Sydney, die Symphonie in f-Moll am 30.9.1976 in Sydney und die Symphonie in d-Moll am 23.1.1978 in Melbourne. In den meisten Fällen liegen keine Angaben über die jeweils verwendete Fassung vor.

Auch einige der weniger berühmten Orchesterwerke Bruckners sind in Australien wiederholt zu hören gewesen, namentlich die Ouvertüre in g-Moll erstmals am 24.12.1957 in Adelaide, der Marsch für Orchester in d-Moll und die Drei Orchesterstücke erstmals im Frühjahr 1955 in Adelaide.

Von den großen Chorwerken erklangen häufiger das Te Deum (erste belegbare Aufführung am 17.5.1960 in Adelaide unter Patrick Thomas [1932–2017]) und die Messe in f-Moll (erstmals am 9.5.1968 in Sydney unter H. Krips). Aufführungen der Messe in e-Moll (erstmals am 14.9.1971 in Adelaide), des Psalms 150 (erstmals am 10.10.1986 in Adelaide) sowie des Requiem in d-Moll ([WAB 39]; erstmals Ende 1978) sind ebenfalls belegt. Die Messe in d-Moll wie auch viele der weltlichen Chorwerke (z. B. Helgoland) dürften, soweit bekannt, bis heute in Australien noch nicht aufgeführt worden sein.

Von den kleineren Chorwerken haben sich das siebenstimmige Ave Maria (WAB 6), Locus iste und Os justi als besonders beliebt erwiesen. In der Musikpflege in größeren anglikanischen Kirchen und Domen gehören einige Chorwerke Bruckners neben jenen von etwa Thomas Tallis (1505–1585) und Giovanni Pierluigi da Palestrina zum Repertoire.

Das Streichquintett in F-Dur wurde 2009 vom renommierten Australian String Quartet in Adelaide aufgeführt. Ob dies auch die australische Erstaufführung des Werkes war, lässt sich nicht nachweisen.

Eine der bedeutendsten australischen Bruckner-Aufführungen überhaupt fand am 19.3.1978 in Adelaide mit dem Adelaide Symphony Orchestra unter Hans-Hubert Schönzeler statt, bei der die 1. Fassung (1873) der Dritten Symphonie, zum zweiten Mal seit der Weltpremiere von 1946, erklang. Die Symphonie kam jedoch weder beim Publikum noch bei den Kritikern besonders gut an. Öfters aufgeführt bzw. eingespielt und besser angenommen wurde bisher wie in vielen anderen Ländern auch die Vierte Symphonie; sie wurde beispielsweise 1986 vom Melbourne Symphony Orchestra unter Hubert Soudant (* 1946) für eine CD-Produktion der ABC eingespielt.

Insgesamt nimmt Bruckner jedoch eine bescheidene Stellung im Konzertleben Australiens ein; seine Popularität beim Publikum liegt weit hinter jener Gustav Mahlers oder gar Richard Strauss‘. Als Gründe dafür werden oft die Länge und die Schwere seiner Werke angeführt – eine Ästhetik, die dem australischen Publikum wenig zugänglich sein soll. Rezensionen zeigen, dass die Rezeption von Bruckners Musik in Australien oft von Vorwürfen wie zu komplex, monoton und unzugänglich geprägt ist. Ein großes symphonisches Werk Bruckners aufs Programm zu setzen, birgt daher für Konzertveranstalter ein erhebliches Risiko. So war eine Aufführung der Siebenten Symphonie in Adelaide unter der Leitung von Jeffrey Tate (1943–2017) im Jahr 2002, in der alleine das Adagio eine Stunde dauerte, sogar eine der bisher am meist kritisierten Aufführungen des Adelaide Symphony Orchestra. Dieser Misserfolg dürfte auch 2009 die Pläne vereitelt haben, die Neunte mit rekonstruiertem Finale in Adelaide aufzuführen. Erst 2012 (Dritte Symphonie in der 1. Fassung) und 2013 (Vierte Symphonie) wurden wieder Symphonien Bruckners in Adelaide gespielt.

Trotz alledem ist seit der Jahrtausendwende ein gewisser Anstieg der Bruckner-Aufführungen zu bemerken; auch scheinen die Kritiker Bruckners Werken gegenüber zunehmend freundlicher eingestellt. So erklangen seither etwa alle Fassungen der Dritten Symphonie mehrmals in Australien, z. B. die 3. Fassung 2000 in Sydney, die 2. Fassung 2009 in Sydney und Melbourne sowie die 1. Fassung, wie oben erwähnt, 2012 in Adelaide. J. Tate dirigierte 2007 in Perth die ersten drei Sätze der Neunten Symphonie. Die viersätzige Fassung dieses Werkes ist bislang (2016) noch nicht in Australien erklungen (in den ersten Jahren nach 2000 in Sydney geplante Aufführungen der Neunten mit der Finale-Komplettierung von Nicola Samale, John A. Phillips, Benjamin-Gunnar Cohrs und Giuseppe Mazzuca bzw. mit der „Dokumentation des Fragments“ kamen nicht zustande). 2008 wurde in Melbourne das Te Deum aufgeführt, 2010 die Achte Symphonie (von einem erweiterten Konservatorium-Orchester) in Hobart.

Simone Young ist die erste australische Dirigentin mit Weltkarriere. Gerade mit ihren Bruckner-Interpretationen konnte sie besondere Auszeichnung erreichen. In Sydney dirigierte sie 2010 die Siebente und 2013 die Neunte Symphonie, 2016 in Melbourne erneut die Neunte. Auch der Österreicher Hans Graf (*1949) dirigierte in Australien mehrmals Werke Bruckners, so z. B. 1999 und 2014 die Sechste Symphonie in Sydney. Simon Rattle (* 1955) leitete 2015 das Australian World Orchestra bei Aufführungen der Achten Symphonie (Fassung von Robert Haas) in Sydney und Melbourne. Am 6.4.2016 bestritt Christoph von Dohnányi sein erstes Konzert in Australien mit dem Sydney Symphony Orchestra und der Vierten Symphonie.

Von den australischen Hauptstädten ist Sydney jene mit der größten „Bruckner-Toleranz“. 2014 wurde hier ein Bruckner Orchestra gegründet, das am 28.6.2014 unter der Leitung von Max McBride mit der Fünften Symphonie im Konservatorium in Sydney debütierte. Ein Jahr später wurde das Orchester in The Musician Project umbenannt; Bruckner steht seither nicht mehr ausschließlich auf dem Programm des Orchesters. Auch wenn Bruckner noch relativ selten von australischen Orchestern gespielt und noch seltener von australischen Dirigenten dirigiert wird, so wagen es führende Spitzendirigenten zunehmend öfter, Werke Bruckners auf ihre Programme zu setzen, die beim Publikum in der Regel gut ankommen und erfolgreich aufgenommen werden.

LITERATUR

JOHN A. PHILLIPS

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 23.9.2020

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