Symphonie in d‑Moll (WAB 100, „Annullierte“)
2 Fl., 2 Ob., 2 Klar., 2 Fg., 4 Hr., 2 Trp., 3 Pos., Pk., Str.
| Sätze: | 1. Satz: „Allegro“; 2. Satz: „Andante“ (Überschrift); 3. Satz: „Scherzo“ (Überschrift) „Presto“ – „Trio. Langsamer und ruhiger“; 4. Satz: Finale (Überschrift) „Moderato – Allegro vivace“ |
| EZ: | 24.1.–12.9.1869 in Wien und Linz |
| UA: | 17.5.1924 in Klosterneuburg (3. und 4. Satz; Klosterneuburger Philharmonie; Franz Moißl); 12.10.1924 in Klosterneuburg (gesamte Symphonie; Klosterneuburger Philharmonie; Moißl) |
| Aut.: | OÖ. Landesmuseum (Mus.Hs.517) |
| ED: | Universal Edition, Wien 1924 (Josef Venantius von Wöss, stark bearbeitet) |
| NGA: | Band XI (Leopold Nowak, 1968) und Revisionsbericht (1981) |
Zur Entstehung
Für einen großen Teil des 20. Jahrhunderts war die Entstehungsgeschichte der Symphonie in d‑Moll das Thema umfangreicher wissenschaftlicher Debatten. Das Vorwort der 1968 in der Neuen Gesamtausgabe (NGA) erschienenen Partitur sowie das einleitende Material im 1981 erschienenen Revisionsbericht – beides von Nowak vorbereitet und weitgehend auf Hinweisen aus den Schriften von August Göllerich und Max Auer basierend – postulierten die Meinung, dass das Autograf dieses Werks von 1869 eine Überarbeitung des Materials von 1863/64 war; man vermutete, dass die frühere Fassung entweder zerstört wurde oder verloren war.
Nach dieser Darstellung, die im 20. Jahrhundert viele Anhänger hatte, wurde die d‑Moll-Symphonie vor der Ersten Symphonie (1865) komponiert; Bruckners Anmerkung auf dem Autograf – das Symbol „Ø“ – wurde als kompositorische Reihenfolge angesehen und somit dieses Werk als Symphonie Nr. 0 (oder die „Nullte“) bekannt. Obwohl bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Einwände gegen diese Version der Chronologie erhoben wurden, kam man in der 2. Hälfte des Jahrhunderts zum Konsens, dass das Autograf dieses Werkes vom Komponisten selbst mit „No 2“ auf dem Titelblatt bezeichnet wurde (anschließend von Bruckner durchgestrichen) und eine Kompositionspartitur und nicht eine Überarbeitung von schon zuvor komponiertem Material vorlag. Die Beweise für die Zwei-Versionen-Theorie von Nowak u. a. stellten sich als fehlerhaft heraus. Es überzeugten schließlich die Schlussfolgerungen der Forschung aus dem späten 20. und frühen 21. Jahrhundert, die eine Entstehungszeit von 1869 annahmen und in erster Linie auf detaillierten Studien der bestehenden Hauptquellen beruhten.
Nach dieser letzteren Version der Chronologie des Werkes wurde die Symphonie in d‑Moll nach der Ersten Symphonie im Jahre 1869 komponiert. Zum Zeitpunkt dieser Komposition wertete Bruckner das frühere Werk (WAB 100) als zweiten Vertreter des entstehenden symphonischen Kanons. Aus Gründen, die nur spekulativ sein können, beschloss er im Jahre 1895, das d‑Moll-Werk beiseite zu legen, und es endlich offiziell aus der Liste der Symphonien zu streichen, in dem er auf das Autograf kommentierende Eintragungen hinzufügte, die das Werk als „ungiltig, ganz nichtig“ und „annulirt“ kennzeichneten. Aufgrund dieser Eintragungen erhielt das Werk die Bezeichnung „Annullierte“.
Nach seiner Übersiedlung nach Wien im Jahr 1868 suchte Bruckner sofort beim Ministerium für Cultus und Unterricht um finanzielle Unterstützung zum Zweck der Komposition „größerer symphonischer Werke“ (Göll.-A. 4/1, S. 80) an. Seinem Ansuchen wurde stattgegeben und Bruckner verbrachte im Jahr 1869 sieben Monate mit der Arbeit an der Symphonie in d‑Moll. Aufgrund seiner Konzerte als Organist in Nancy und Paris zwischen dem 24.4. und 19.5.1869 ist es nicht verwunderlich, dass das einzige große Werk, das Bruckner in seinem ersten Jahr in Wien komponierte, die Symphonie in d‑Moll war. Obwohl das Werk in Wien größtenteils konzipiert und realisiert wurde, erhielten die vier Sätze den letzten Schliff während der Ferien im August und September 1869, die Bruckner in Linz verbrachte. Erwähnenswert ist, dass am 18.3.1869 eine Skizze eines schließlich von Bruckner abgelehnten Trios für dieses Werk abgeschlossen wurde; diese Skizze ist heute Teil des Autografs (fol. 38v).
Charakteristik
Obwohl der kritische Kommentar zur „Annullierten“ und die im 20. Jahrhundert herrschende Ungewissheit über die Kompositionschronologie die Symphonie in d‑Moll minderwertiger als die früher entstandene Erste Symphonie kategorisiert, enthält sie viele interessante Züge, die typisch für Bruckners voll entwickelte schöpferische Werke sind. Der Kopfsatz ist eine dreithematische Sonatenhauptsatzform. Das Mittelthema ist ein synkopiertes Gesangsthema, das charakteristischerweise im Gegensatz zu seiner einrahmenden Gegenstimme kurz die Dominante (A‑Dur) berührt, bevor die F‑Dur-Tonalität für den Rest der Exposition, die mit einer kurzen Choralstelle typisch für Bruckners Stil zum Schluss überleitet, begründet wird. Die Formstruktur der Exposition ähnelt sehr der Ersten Symphonie und auch der 1871/72 entstandenen Zweiten Symphonie. Nach einer langen Durchführung folgen in der Reprise alle Themen der Exposition in den für diesen Abschnitt geeigneten Tonarten. Der 2. Satz (Langsamer Satz), von Bruckner das einzige Mal mit „Andante“ ohne genaueren Zusatz überschrieben (in der Vierten Symphonie z. B. wünscht Bruckner ein „Andante quasi allegretto“), folgt der typischen Sonatenhauptsatzform. Ein sakraler Ton ist allgegenwärtig, obwohl das 2. Thema synkopiert erscheint wie sein Gegenstück im Kopfsatz und durch koloristische Chromatik unterbrochen wird. Das Scherzo („Presto“) beginnt mit einer kraftvollen Unisono-Einleitung in allen Stimmen, die den Zuhörer auf das hauptmotivische Material, mit stetigen Viertelnoten über der Basslinie aus laufenden Achtelnoten, hinführt. Das ruhige Trio („Langsamer und ruhiger“) in G‑Dur kontrastiert zu den kräftigen Scherzo-Abschnitten. Interessant zeigt sich der allgemeine Aufbau des 4. Satzes, welcher mit einer langsamen Einführung („Moderato“) beginnt. Das folgende „Allegro vivace“ könnte am besten als dreithematisches Sonaten-Rondo beschrieben werden; Refrains auf Grundlage des Hauptthemas unterbrechen die Form und betonen die Kontrapunktik des Satzes. Die Wiederkehr des Einführungsmaterials signalisiert den Beginn der Durchführung (T. 132) und identifiziert den Öffnungsabschnitt nicht nur als eine dekorative Zutat des Satzes, sondern auch als Material, das eine wichtige strukturelle Rolle spielt.
Der sakrale Charakter der Symphonie wird sowohl von den verschiedenen Choralstellen, die in allen Sätzen mit Ausnahme des 3. vorhanden sind, wie auch durch Paraphrasen aus Bruckners Messen verstärkt. Die Paraphrasen sind aus der Messe in f‑Moll (1868, Credo: „Et resurrexit“) im 1. Satz (T. 175ff.) bzw. aus der Messe in e‑Moll (1866, Gloria, „qui tollis peccata mundi“) im 2. Satz (T. 68ff.) zu finden. Sie sind als weiterer Beweis für die Entstehungszeit im Jahr 1869 anzusehen.
Annullierungsgründe und Rezeption
Warum genau Bruckner diese Arbeit aus seinem symphonischen Kanon ausschloss, bleibt ein Rätsel. Es ist jedoch klar, dass sich der Komponist lange bevor er die annullierende Eintragung in das Autograf einfügte, entschlossen hatte, das Werk beiseite zu legen. Eine Partitur-Abschrift und Orchesterstimmen wurden im Jahre 1870 hergestellt. Es wird angenommen, dass Bruckner versuchte, es ist ihm vielleicht auch gelungen, eine private Probe bzw. Aufführung der „Annullierten“ mit Felix Otto Dessoff und den Wiener Philharmonikern unter Verwendung dieses Aufführungsmaterials zu arrangieren. Allerdings zeigt Dessoffs Kommentar zum Kopfsatz „Ja, wo ist denn das Thema?“ (Göll.-A. 3/1, S. 228) eine erste negative Reaktion auf das Werk und wird oft als ein möglicher Grund erwähnt, warum Bruckner es beiseitelegte.
Ähnlichkeiten mit der Dritten Symphonie (1872/73) wurden als vielleicht ebenfalls beitragend zu Bruckners Entscheidung, die „Annullierte“ zu verwerfen, zitiert. Auch hier ist die Kompositionsgeschichte der Werke klar. Am 31.12.1873 abgeschlossen, wurde dieses spätere d‑Moll-Werk vom Komponisten als Symphonie No. 3 bezeichnet. Daher muss Bruckners Entscheidung, die „Annullierte“ aufzugeben, im Dezember 1873 – zwischen der Beendigung der Zweiten Symphonie im September 1872 (zu dieser Zeit als No. 3 bezeichnet, mit der „Annullierten“ als No. 2) und der Vollendung der Dritten Symphonie (immer No. 3) – gefallen sein. Es wird angenommen, dass Bruckner die Dritte Symphonie für eine elaboriertere Ausführung seiner kreativen Impulse, als in der „Annullierten“ ausgedrückt, hielt, und dass er daher die früheren Bemühungen verwarf; die Erwägung dieser Deutungsmöglichkeit sollte jedoch nicht die vielen Vorzüge des hervorragenden Werkes in den Schatten stellen.
Das Autograf wurde 1897, spätestens im Februar 1898 von Bruckners Testamentsexekutor Theodor Reisch dem OÖ. Landesmuseum übergeben (Jahrbuch des OÖ. Musealvereins 56 [1898], S. LXXIX). Die erste öffentliche Aufführung eines Teils dieses Werkes fand am 17.5.1924 statt. Das Scherzo und Finale wurden durch die Klosterneuburger Philharmonie unter Moißl, einem frühen Verfechter von Bruckners Werken im 20. Jahrhundert, gespielt. Am 12.10.1924 wurde beim Klosterneuburger Brucknerfest die „Annullierte“ erstmals vollständig wieder unter Moißl mit der Klosterneuburger Philharmonie vorgestellt. Obwohl im 20. Jahrhundert Aufführungen nur sporadisch stattfanden, erlebte das Werk in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse, auch in Form einer respektablen Diskografie.
Literatur
- Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 3/1, S. 228, 4/1, S. 80
- Franz Moißl, Die „Nullte“, in: In Memoriam Anton Bruckner, S. 179–192
- Hans Ferdinand Redlich, Bruckner‘s Forgotten Symphony „No. 0“, in: Music Survey 2 (1949) Nr. 1, S. 14–20
- Deryck Cooke, The Bruckner Problem Simplified, in: The Musical Newsletter (1975), S. 5–15
- Paul Hawkshaw, The Date of Bruckner‘s „Nullified“ Symphony in D Minor, in: 19th Century Music 6 (1983), S. 252–263
- Bo Marschner, Die chronologischen Probleme der „Nullten“ Symphonie Bruckners, in: Bruckner-JahrbuchBruckner-Jahrbuch. (Wechselnde Herausgeber). Linz 1980ff. 1987/88, S. 53–62
- Ludwig Finscher, Zur Stellung der „Nullten“ Symphonie in Bruckners Werk, in: Studien zu Werk und WirkungChristoph-Hellmut Mahling (Hg.), Anton Bruckner. Studien zu Werk und Wirkung. Walter Wiora zum 30. Dezember 1986 (Mainzer Studien zur Musikwissenschaft 20). Tutzing 1988, S. 63–79
- Constantin Floros, Zu Bruckners frühem symphonischem Schaffen, in: Bruckner‑Symposion 1988Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Symposion. Anton Bruckner als Schüler und Lehrer. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1988. 21.–25. September 1988. Bericht. Linz 1992, S. 173–190
- Wolfram Steinbeck, Zu Bruckners Symphoniekonzept oder: Warum ist die Nullte „ungiltig“?, in: Siegfried Kross/Marie Luise Maintz (Hg.), Probleme der symphonischen Tradition im 19. Jahrhundert. Internationales musikwissenschaftliches Kolloquium Bonn 1989. Tutzing 1990, S. 545–569
- Wolfgang Grandjean, Anton Bruckners frühe Scherzi, in: Bruckner-JahrbuchBruckner-Jahrbuch. (Wechselnde Herausgeber). Linz 1980ff. 1994/95/96, S. 47–66
- Doris Sennefelder, Symphonie in d-Moll – (Die „Nullte“ oder „Annullierte“). Ein kompositorischer Schritt in die Zukunft, in: Renate Ulm (Hg.), Die Symphonien Bruckners. Entstehung, Deutung, Wirkung. München 2005, S. 43–52
- Bo Marschner, Zwischen Einfühlung und Abstraktion. Studien zum Problem des symphonischen Typus Anton Bruckners (Studier og publikationer fra Musikvidenskabeligt Institut 6). Aarhus 2002
- Benjamin M. Korstvedt, Between Formlessness and Formality: aspects of Bruckner‘s approach to symphonic form, in: The Cambridge Companion to BrucknerJohn Williamson (Hg.), The Cambridge Companion to Bruckner (Cambridge Companions to Music. Composers). Cambridge 2004, S. 170–189
- Wolfram Steinbeck, Von den „Schularbeiten“ bis zur Zweiten Sinfonie, in: Bruckner Handbuch 2010, S. 110–150
- Dermot Gault, The New Bruckner. Compositional Development and the Dynamics of Revision. Surrey 2011