Verlage

Sieht man von den beiden frühen Drucken Bruckner‘scher Werke ab (Germanenzug bei Kränzl und In Sanctum Angelum custodem hymnus bei Feichtingers Erben in Linz), so fällt den Wiener Verlegern ein wesentlicher Anteil an der Drucklegung der Werke Bruckners zu. Motor der Drucklegungen waren in den meisten Fällen Bruckners Freunde (v. a. Hermann Levi, die Brüder Franz Schalk und Josef Schalk, Friedrich Eckstein), in wenigen Fällen die Verleger selbst (z. B. Rättig); auch die Finanzierung erfolgte zumeist über Freunde und Mäzene; Bruckner selbst blieb weitgehend inaktiv in der Suche nach Verlegern für seine Werke.

Verlagsorte (Erstdrucke) Anzahl der gedruckten Werke
Wien (11 Verlage) 62
Oberösterreich (2 Verlage) 3
Innsbruck (Gross) 5
Augsburg/Augsburg-Wien (2 Verlage) 10
andere (3 Verlage) 3

Der erste und auch bedeutendste Wiener Bruckner-Verleger war Theodor Rättig, der 1879 als erster eine Symphonie Bruckners verlegte (die Dritte – für Bruckner, der sich zeitlebens als Symphoniker verstand, besonders wichtig); weiters verlegte Rättig acht kleinere Werke der geistlichen und weltlichen Vokalmusik Bruckners – in chronologischer Folge: Ave Maria (WAB 6), Tota pulchra es, Maria, Christus factus est (WAB 11), Locus iste, Os justi, Te Deum, Virga Jesse und Träumen und Wachen. Im Gegensatz zu Rättig, der die Drucklegung der Dritten Symphonie aus idealistischen Beweggründen initiiert hatte, standen bei Gutmann (Wiener Hoftheater-Verlag) bei der Drucklegung des Streichquintetts in F‑Dur, der Vierten und der Siebenten Symphonie kommerzielle Gründe im Vordergrund, was wiederum beweist, dass Bruckner bereits 1884/85 als Komponist anerkannt war und über einen gewissen Marktwert verfügte. Seit 1892 wurde das 1876 gegründete Verlagshaus Doblinger zu einem weiteren bedeutenden Bruckner-Verlag. Doblinger ist bis heute der Bruckner-Gesamtausgaben-Verlag schlechthin (wenn auch der 1. Band der AGA bei Filser in Augsburg erschien): Grundlage der ersten Gesamtausgabe war ein zwischen der Druckerei Eberle (später Waldheim & Eberle) und Bruckner 1892 geschlossener Vertrag, der Eberle die Exklusivrechte an den Werken Bruckners sicherte, den Vertrieb der Werke übernahm Doblinger. Bei Doblinger erschienen (später auch unabhängig von Eberle) 17 Werke. Der 1932 eigens zur Erstellung einer Gesamtausgabe gegründete Musikwissenschaftliche Verlag Wien war ebenfalls in das Verlagshaus Doblinger eingegliedert. Die 1901 (u. a. mit Beteiligung von Doblinger) gegründete Universal Edition (UE) verlegte anfangs v. a. Klavierauszüge (Bearbeitungen) der Symphonien Bruckners; erst ab ca. 1911 kam es zu einer Reihe an Erstdrucken bzw. der Edition einer Rumpf-Gesamtausgabe. Bis 1926 erschienen weitere 14 Werke Bruckners bei der UE (bzw. in von ihr herausgegebenen Zeitschriften).

Die übrigen Drucklegungen durch Wiener Verlage, wie Weinberger, Berté, Robitschek, oder der Druck der Achten Symphonie durch die Verlagsgemeinschaft Haslinger/Schlesinger/Lienau (an der indirekt auch wieder Rättig beteiligt war) sind eher „Zufallsproduktionen“ und kommen an die systematische Verlagspolitik der genannten vier großen Bruckner-Verleger (Rättig, Gutmann, Doblinger, UE) nicht heran; gleiches gilt auch für die Editionen der Verlage Hüni in Zürich (Fantasie), Heinrichshofen in Wilhelmshaven (Quadrille) oder die erwähnte Faksimile-Ausgabe von Um Mitternacht (WAB 90) durch den Straßburger Männer-Gesangverein (Straßburger Sängerhaus).

Als Spezialverlage für die Kirchenmusik Bruckners (Vokalmusik bzw. Orgelwerke) etablierten sich Johann Gross (Innsbruck), Böhm & Sohn (Augsburg–Wien) und Filser (Augsburg). Die Editionen bei Gross (Reiss) wurden durch den Dornbirner Industriellen, Bruckner-Freund und -Mäzen Theodor Hämmerle, dem Schwiegersohn von Simon Alfons Reiss, initiiert und finanziert. Die Editionen der beiden auf Kirchenmusik spezialisierten Augsburger Verlage fallen in die Jahre 1927–1931; sie erwuchsen keinem speziellen Bruckner-Förderungsprogramm, sondern waren die Antwort auf die Bedürfnisse des Marktes.

Mit den großen deutschen Verlagshäusern (Schott, Peters, Breitkopf & Härtel) wurde zwar mehrfach verhandelt, doch kam es zu Bruckners Lebzeiten wegen seiner verstiegenen Vorstellungen nie zu konkreten Vertragsabschlüssen; v. a. das Verlagshaus Bote & Bock bot sich mehrfach (erstmals 1885) an. Schott zeigte 1885/86 anfangs reges Interesse an Bruckners Vierter Symphonie und wurde für die Herausgabe der Achten angefragt, doch verliefen beide Projekte im Sand. Die Verlage J. G. Cotta (Stuttgart) und die Edition Peters in Leipzig wurden erst nach dem Tode Bruckners aktiv: Nachdem August Stradal die (zweihändigen) Klavierauszüge der Ersten, Zweiten, Fünften, Sechsten und Achten, des Adagio und Scherzo der Dritten und des Scherzo der Neunten Symphonie für die UE hergestellt hatte, erschienen seine Klavierauszüge der Dritten und Vierten Symphonie bei Cotta, jener des Streichquintetts in F‑Dur bei Filser (Augsburg). Ab 1927 publizierte Peters in Zusammenarbeit mit der UE Partituren und Klavierauszüge (meist hergestellt von Karl Grunsky) aller neun Symphonien.

Literatur

ELISABETH TH. HILSCHER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 22.9.2017

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