Polen (Rezeption)
Die polnische Presse berichtete 1896 über Bruckners Tod, und in den darauffolgenden Jahren brachten die Zeitungen für Literatur und Kunst kurze Artikel über ihn, in denen er als einer der größten Musiker Europas bezeichnet wurde. Bereits 1893 hatte Rafał Maszkowski (1838–1901) das Adagio der Siebenten Symphonie in Breslau aufgeführt. 1908 wurde das Te Deum gespielt, im selben Jahr kam erstmals die Vierte Symphonie unter Zdzisław Jachimecki (1882–1953) zur Aufführung. In den folgenden Jahren lernten die polnischen Zuhörer die Dritte, Siebente und Neunte Symphonie kennen. Die Neunte hörte u. a. der Komponist Karol Szymanowski (1882–1937), der seine Eindrücke in Briefen an Freunde schilderte. Die Aufführungen der Symphonien Bruckners wurden mit Begeisterung aufgenommen. Die Kritiker, unter ihnen Zygmunt Noskowski (1846–1909) und Zdzisław Jachimecki, lobten den Reichtum an melodischen Einfällen und die neuartige Instrumentation. Dennoch waren die Kompositionen Bruckners dem breiten Publikum in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nicht bekannt. In den 1950er Jahren brachte der Dirigent Stanisław Skrowaczewski dem polnischen Publikum die Musik Bruckners näher. Skrowaczewski gilt als Bruckner-Spezialist und spielte mit polnischen und ausländischen Orchestern die Ouvertüre in g‑Moll, das Streichquintett in F‑Dur und sämtliche Symphonien Bruckners ein.
Neben Skrowaczewski haben auch andere polnische Dirigenten und Orchester (unter der Leitung von ausländischen Dirigenten) Bruckners Orchesterwerke aufgeführt und eingespielt. Zu ihnen zählen u. a. Stanisław Wisłocki (1921–1998), Jerzy Semkow (1928–2014), Kazimierz Kord (*1930), Jacek Kaspszyk (* 1952), das Narodowa Orkiestra Symfoniczna Polskiego Radia in Katowice unter der Leitung von Nicola Samale (* 1941) und die Filharmonia Śląska in Katowice unter der Leitung von Gerard Wilgowicz (* 1945). Außerdem bekamen Bruckner-Einspielungen mit Marek Janowski von der Presse viel Lob. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts führten die polnischen Orchester und Dirigenten nicht nur Bruckners Symphonien auf, das Repertoire wurde um seine Vokalwerke (Motetten), Werke für Chor und Orchester (Te Deum, Messe in f‑Moll, Messe in e‑Moll und Messe in C‑Dur ) sowie auch seine Orgelwerke erweitert. 1998 wurde in Krakau (Österreichisches Generalkonsulat und Musikakademie) ein Workshop mit Philippe Olivier (* 1952) aus Strasbourg veranstaltet. Zwei Konzerte fanden mit Bruckners Orgel- und Chormusik bzw. dem Streichquintett in F‑Dur und der Siebenten Symphonie, in einer Bearbeitung für zwei Klaviere, statt. Erwähnt sei auch, dass in Polen ausländische Orchester mit Werken von Bruckner gastierten.
In den 1970er Jahren begannen sich polnische Musikwissenschaftler zunehmend für die Musik der Spätromantik zu interessieren. Es wurden u. a. Kompositionen von Richard Wagner, Gustav Mahler, Antonín Dvořák und Alexander N. Skrjabin (1872–1915) untersucht. In polnischer Sprache gibt es nur wenig Literatur über Bruckner. Informationen über ihn finden sich z. B. in Musiklexika (u. a. Encyklopedia Muzyczna, Polskie Wydawnictwo Muzyczne, red. E. Dziębowska), in Lehrbüchern für Musikgeschichte und in Musikzeitschriften (Muzyka, Ruch Muzyczny, Canor). Die erste wissenschaftliche Publikation über Bruckner aus dem Jahr 1977 war eine Buchbesprechung von Wiarosław Sandelewski (1912–1983) zum Werk von Sergio Martinotti (1931–2012), dem Verfasser der ersten Biografie Bruckners in italienischer Sprache. Die polnischen Musikwissenschaftler richteten ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die Orchesterwerke Bruckners.
Mit dem symphonischen Schaffen Bruckners beschäftigten sich Bohan Pociej (1933–2011), Zbigniew Zając, Józef M. Chomiński (1906–1994) und Izabela Budzowska 1999. In der polnischen musikwissenschaftlichen Literatur gibt es bisher keine Monografie über Bruckner. 2005 veröffentlichte Zbigniew Kościów (* 1929) ein Buch mit Bruckners Lebenslauf. In der Musikzeitschrift Ruch Muzyczny erscheinen regelmäßig Rezensionen der Konzerte sowie auch Rezensionen zu Aufnahmen mit Bruckner-Werken.
Ein Einfluss der Musik Bruckners ist in den Kompositionen von Krzysztof Penderecki (1933–2020) festzustellen. In den 1970er Jahren wandte sich Penderecki von der Avantgarde ab und dem spätromantischen Stil zu. Er begann damals u. a. an die Sprache der Symphonik der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts anzuknüpfen. Zu jener Zeit begeisterte er sich für die Musik Bruckners, die er höherstellte als jene von Mahler. Nach Pendereckis Meinung erreichte die Entwicklung der Symphonie mit den Werken Bruckners ihren Höhepunkt. Für ihn hat Bruckner das „letzte Wort“ nach Johannes Brahms, Ludwig van Beethoven und Wagner. Der polnische Komponist berichtete, dass u. a. sein Erstes Violinkonzert (1976) und seine Zweite Symphonie „Wigilijna“ (Weihnachtssymphonie 1980) von der Musik Bruckners beeinflusst sind (Hommagen und Widmungen an Bruckner).
Bruckner gehörte zu den Lieblingskomponisten des oben erwähnten Skrowaczewski. Bereits in seiner Kindheit begeisterte er sich für die Musik Bruckners. In einem Interview sagte er, dass Bruckner ihm „den Himmel geöffnet“ habe. Skrowaczewski brachte mit seinem Koncert na orkiestrę (Konzert für Orchester 1985, 2. Fassung 1998), in welchem der 2. Satz den Titel Wniebowstąpienie Antona Brucknera (Anton Bruckners Himmelfahrt) trägt, seine Verehrung für Bruckner zum Ausdruck.
Literatur
- Bohdan Pociej, Szkice z późnego romantyzmu [Studien aus der Spätromantik]. Kraków 1978
- Bohdan Pociej, Sacrum w muzyce liturgicznej [Sacrum in der liturgischen Musik], in: Ateneum kapłańskie. Włocławek 1980, S. 201–214
- Zbigniew Zając, Anton Bruckner jako symfonik [Anton Bruckner als Sinfoniker], in: Ruch Muzyczny 28 (1984) H. 20, S. 22ff.
- Józef M. Chomiński, Formy Muzyczne [Musikformen]. Kraków 1987, Bd. 2, S. 502–509, und Bd. 5, S. 700, 704
- Karol Bula, Bemerkungen zur Interpretation von Anton Bruckners Sinfonien am Beispiel der Bestände des Radio-Symphonie-Orchesters Katowice, in: Bruckner-Symposion Leipzig 1987Steffen Lieberwirth (Hg.), Kongreßbericht zum V. Internationalen Gewandhaus-Symposium. Anton Bruckner – Leben, Werk, Interpretation, Rezeption. Anläßlich der Gewandhaus-Festtage 1987. Leipzig, 9.–11. Oktober 1987. Leipzig 1988, S. 164–169
- Izabela Budzowska, Koncepcja cyklu w symfoniach Brucknera na przykładzie symfonii III, VII i IX [Konzeption des Zyklus in den Symphonien Bruckners, gezeigt am Beispiel der Symphonien Nr. III, VII und IX]. Dipl.arb. Krakau 1999
- Krzysztof Penderecki, Labirynt czasu. Pięć wykładów na koniec wieku [Labyrinth der Zeit. Fünf Vorträge zum Ende des Jahrhunderts]. Warszawa 1997, S. 60
- Rozmowy lusławickie [Interview mit K. Penderecki]. Olszanica 2005, S. 135
- Pawel Strzelecki, „Nowy romantyzm“ w twórczości kompozytorów polskich po roku 1975 [„Neuer Romantizismus“ im polnischen kompositorischen Schaffen nach 1975]. Kraków 2006, S. 438 [Interview mit K. Penderecki]