Nordamerika (Rezeption)

Für Bruckners Musik war der Weg zu allgemeiner Anerkennung in Nordamerika lang und mühsam, obwohl sie dem amerikanischen Publikum bereits zu einem relativ frühen Zeitpunkt, nämlich am 5.12.1885, erstmals vorgestellt wurde, als der gebürtige Breslauer Walter Damrosch (1862–1950) im Metropolitan Opera House in New York die Dritte Symphonie aufführte. Ein Jahr später leitete der aus Deutschland stammende Theodore Thomas (1835–1905) vier Aufführungen der Siebenten Symphonie – zwei in New York, eine in Boston und eine in Chicago. Obwohl die Reaktion auf die Dritte ermutigend war, wurde die Siebente besonders in New York weniger gut aufgenommen. In den folgenden Jahrzehnten gab es trotz der Bemühungen einiger Dirigenten – Th. Thomas, Anton Seidl, Frederick Stock (1872–1942) und Gustav Mahler, der die Vierte Symphonie am 30.3.1910 in New York dirigierte – nur selten Aufführungen Bruckner‘scher Werke.

1931 gründete eine Gruppe begeisterter Bruckner-Anhänger die Bruckner Society of America, um die Musik Bruckners und Mahlers in den USA und Kanada zu fördern. Um ihren Ansichten Gehör zu verschaffen, wurde von der Bruckner Society of America ab Februar 1932 die Zeitschrift Chord and Discord publiziert. Herausgeber war Gabriel Engel, Autor der ersten Bruckner-Biografie in englischer Sprache. Mit Artikeln von Musikwissenschaftlern, Komponisten, Dirigenten und Kritikern aus Nordamerika und Europa – u. a. Max Auer, Bruno Walter, Robert Simpson, Neville Cardus (1888–1975), Jack Diether (1919–1987), Dika Newlin (1923–2006) – diente Chord and Discord bis 1998 als Brennpunkt des Interesses Amerikas an dem Komponisten.

Die Bemühungen der Bruckner Society of America, die ihre Medal of honor seit 1933 verdienten Dirigenten und Wissenschaftler verleiht (Kilenyi-Medaille), brachten das ersehnte Resultat. Obwohl Bruckner in den USA und Kanada nicht so schnell und allgemein verstanden wurde wie Mahler, schrieb Philip Greeley Clapp (1888–1954): „Most habitual concert goers [in the United States] have some personal memory of the six Bruckner symphonies (Numbers 3, 4, 5, 7, 8, and 9) which have now been played a number of times by the principal symphony orchestras“ (Chord and Discord 2 [1946] Nr. 4, S. 1). Der Erfolg hielt an, mit dem Ergebnis, dass die Symphonien Bruckners nun regelmäßig von den großen professionellen Orchestern in Nordamerika aufgeführt und die Chorwerke ins Repertoire zahlreicher Chorvereinigungen aufgenommen wurden. Im Jänner 2017 spielte die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim in der Carnegie Hall sämtliche Bruckner-Symphonien (Zyklus).

Mit der Etablierung von Bruckners Musik in den Konzertsälen von Kanada und den USA fand die Forschung universitäre Unterstützung. Die amerikanischen Studien bringen hauptsächlich analytische bzw. theoretische Abhandlungen über die in der von Leopold Nowak edierten Gesamtausgabe erschienenen Partituren, die in zahlreichen Musikbibliotheken in Nordamerika bereitstehen (einzelne Bruckner-Autografe finden sich in New York, Stanford, Washington D.C.). Das wissenschaftliche Interesse wächst ständig: Im Februar 1994 wurde unter dem Titel „Perspectives on Anton Bruckner“ am Connecticut College in New London das erste internationale Bruckner-Symposion in Nordamerika abgehalten, bei dem u. a. die Rezeptionsgeschichte in Deutschland und Österreich zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg behandelt wurde. David Chapman, Paul Hawkshaw, Timothy Lynn Jackson, Benjamin Marcus Korstvedt, Margaret Anne Notely, Miguel Ramirez u. a. befassen sich mit der Musik des österreichischen Komponisten.

Literatur

PAUL HAWKSHAW

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 21.9.2020

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