Streichquartett in c‑Moll (WAB 111)
2 Vl., Va., Vc.
| Sätze: | 1. Satz: „Allegro moderato“; 2. Satz: „Andante“; 3. Satz: „Scherzo. Presto“; 4. Satz: „Rondo. Schnell“ |
| EZ: | ab Juli 1862, vollendet 7.8.1862 in Linz |
| UA: | 15.2.1951 in Berlin, RIAS (Koeckert-Quartett) |
| Aut.: | ÖNB‑MS (Mus.Hs.44706, Kitzler-Studienbuch) |
| ED: | s. NGAAnton Bruckner. Sämtliche Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hg. v. der Generaldirektion der Österreichischen Nationalbibliothek und der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1951ff. (Editionsleitung: Leopold Nowak, auch als Neue Gesamtausgabe bezeichnet) |
| NGA: | Band XIII/1 (Leopold Nowak, 1955) und Revisionsbericht (1956); Band XXV (Paul Hawkshaw/Erich Wolfgang Partsch, 2014; Faksimile) |
Das im Kitzler-Studienbuch (S. 165–206) überlieferte Streichquartett in c‑Moll ist als Studienwerk für den Unterricht bei Otto Kitzler (1861–1863 in Linz) aufzufassen (Ausbildung). Es entstand im Rahmen der gestellten Aufgaben der Formen- und Satzlehre und dokumentiert eine Auseinandersetzung mit klassischen und frühromantischen Vorbildern; es sind Einflüsse Joseph Haydns und Franz Schuberts erkennbar. Bruckner erprobte anhand des Werkes klassische Formmodelle wie Sonatensatz (Sonatenhauptsatzform), Liedform, Scherzo und Rondo; das Quartett bildet das Endergebnis seiner Studien bzw. Aufgaben in der zyklischen Sonatenform.
Die Entstehung des Streichquartetts in c‑Moll ist zeitlich umrahmt von der Sonate für Klavier in g‑Moll für Klavier und dem Rondo für Streichquartett in c‑Moll für Streichquartett. Unmittelbar zuvor, am 29.6.1862, hatte Bruckner mit dem 1. Satz der Sonate für Klavier in g‑Moll begonnen. Der Kompositionsbeginn des Streichquartetts in c‑Moll ist somit mit Juli 1862 anzusetzen. Kurz nach Vollendung des Quartetts, dessen Finale er am 7.8.1862 abschloss, komponierte Bruckner das Rondo für Streichquartett in c‑Moll als einen weiteren Finalsatz zum Streichquartett in c‑Moll „in größerer Form“ (NGA XIII/1 [1955], Vorwort; NGA XII/1 [1985], Vorwort), das er am 15.8.1862 beendete. Die große Ähnlichkeit mit dem Rondo des Streichquartetts in c‑Moll zeigt sich nicht nur in der gleichen Form, sondern auch durch gleichen Charakter, Aufbau sowie Ton- und Taktart.
Die Komposition eines Streichquartetts regte bereits Ende November 1861 Joseph Hellmesberger d. Ä. an. Dieser war als Mitglied der Prüfungskommission bei der von Bruckner erwünschten Prüfung (19. und 21.11.1861) am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien nach dessen Studien bei Simon Sechter anwesend und von dessen Leistung so beeindruckt, dass er Bruckner angeblich ersuchte, für seine Quartett-Vereinigung ein Streichquartett zu komponieren. In der Linzer Zeitung war am 3.12.1861 (S. 1165) diesbezüglich zu lesen, „daß Herr Bruckner vom Hrn. Hofconcertmeister Hellmesberger zur Componirung eines Streichquartetts aufgefordert worden [ist], welches Letzterer in einem Concerte zur Ausführung bringen wird“.
Bruckner schrieb zwar tatsächlich 1862 ein Streichquartett, es entstand aber eben im Rahmen seiner Studien bei Kitzler und war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. An verschiedenen Stellen der Partitur sind deutliche Arbeitsvorgänge erkennbar. Bruckners Notizen im Autograf verweisen auf formale, harmonische und satztechnische Fragen, seine Überlegungen und Begründungen notierte er zu den einzelnen Sätzen. So vermerkte er beispielsweise am Beginn des 2. Satzes: „in Rondoform u zwar 3theilige Liedform mit Trio, dann in Repetition mit Variande [sic]“ (Kitzler-Studienbuch, S. 178). Am Beginn des Trios zum Scherzo notierte er verschiedene mögliche Tonarten. Das Autograf enthält kaum musikalische Vortrags- und Phrasierungszeichen.
Die von Anfang an erkennbare polyphone Prägung weist auf frühere Satzstudien zurück und zeigt ein von Bruckner bereits beeindruckend erarbeitetes theoretisches Fundament. Zuweilen wirkt die Satztechnik sogar der Melodik und Rhythmik übergeordnet. Traditionsgemäß steht im 1. Satz die Handhabung der Sonatensatzform im Zentrum; die Ausführung ist noch vorsichtig und autoritätsgebunden, auffallend ist der kühne Modulationsplan in der Durchführung (s. etwa die enharmonische Modulation des Hauptthemas von as-Moll über fis‑Moll zum Orgelpunkt G, T. 88ff.). Der 2. Satz ist dreiteilig angelegt. Schon sein Beginn ist experimentell: Elftakter, Chromatik. Nach dem kantablen Hauptteil folgt ein stark rhythmisch geprägter, harmonisch abgesetzter Mittelteil, welcher durch seine harmonische Medianten an Schubert erinnert. Der Satz schließt mit veränderter Reprise. Im Trio des schwungvollen Scherzo klingt Ländlermotivik an; die Haydn-Bezüge treten in diesem Satz am deutlichsten hervor. Das abschließende Rondo ist formal einfach, ein Sonatenrondo, in seiner Gliederung vollkommen klar, aber virtuos angelegt. Durch Pausen ist das Thema deutlich von den Episoden abgesetzt, die ihrerseits gestaltmäßig darauf Bezug nehmen. Eine Coda erfüllt die Steigerungswirkung, die durch ein ritardando kurz vor dem Ende nochmals bekräftigt wird. In der Grundtonart c‑Moll, in manchen harmonischen Wendungen und Themenstrukturen sowie in der Ländlermotivik könnte man Verbindungen zu späteren Bruckner-Werken sehen. „Wenn auch […] ein über weite Strecken unpersönlicher, gleichsam geborgter Tonfall vorherrscht, so ist doch der neu erlangte Stand der Reflexion und die davon ausgehende genaue Planung unverkennbar.“ (Rathert, S. 314).
Rudolf Koeckert (1913–2005), Primarius des Münchner Koeckert-Quartetts, entdeckte in Hamburg das vergessene Werk. Sein Ensemble erkannte es erstmals als vollständige Komposition und brachte das Quartett am 15.2.1951 im Sender RIAS in Berlin zur Uraufführung. Am 8.3.1951 folgte die erste Konzertaufführung in Hamburg. Das Streichquartett in c‑Moll war das erste Werk aus dem Kitzler-Studienbuch, das herausgegeben wurde.
Eine mögliche Erstaufführung in Österreich fand am 13.11.1951 wiederum durch das Koeckert-Quartett im Brahms-Saal des Musikvereins statt. Es folgte eine weitere Aufführungen durch das Fröhlich-Quartett in der Schlosskapelle Steyr (Bruckner und Steyr, S. 444). In Frankreich kam das Streichquartett in c‑Moll erstmals am 17.12.1960 durch das Loewenguth-Quartett in Paris zur Aufführung. Durch die Erstaufführung des Streichquartetts in c‑Moll beim London Bruckner Festival 1964 erlangte Bruckner mit Verspätung auch in Großbritannien steigende Aufmerksamkeit. Am 16.11.1988 spielte das Linzer Anton Bruckner Quartett das Werk in der Oper von Kairo.
Literatur
- Linzer Zeitung 3.12.1861, S. 1165
- Otto Kitzler, Musikalische Erinnerungen mit Briefen von Wagner, Brahms, Bruckner und Richard Pohl. Brünn 1904, S. 28–34
- Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 3/1, S. 119
- Ein neues Bruckner-Quartett, in: Weltpresse. Österreichisches Informationsblatt 13.3.1951, S. 6
- Leopold Nowak, Vorwort, in: NGAAnton Bruckner. Sämtliche Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hg. v. der Generaldirektion der Österreichischen Nationalbibliothek und der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1951ff. (Editionsleitung: Leopold Nowak, auch als Neue Gesamtausgabe bezeichnet) XIII/1 (1955)
- Hans Jancik, Anton Bruckner in seiner Kammermusik, in: Bruckner-Studien 1964Franz Grasberger (Hg.), Bruckner-Studien. Leopold Nowak zum 60. Geburtstag. Wien 1964, S. 45–51
- Othmar Wessely, Anton Bruckner und die Kammermusik, in: Bruckner-Vorträge 1983/84Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Vorträge. Budapest 1983/84. Österreichisch-Ungarisches Bruckner-Symposion. Franz Liszt-Musikhochschule Budapest. 18. Mai 1983 und 3. April 1984. Bericht. Linz 1985, S. 41ff.
- The Manuscript SourcesPaul Hawkshaw, The Manuscript Sources for Anton Bruckner‘s Linz Works. A Study of his Working Methods from 1856 to 1868. Diss. New York City 1984, S. 84–106
- Erich Wolfgang Partsch, Zum Streichquartett c-Moll, in: Renate Grasberger (Hg.), Bruckner-Fest Würzburg, 7.–10. Oktober 1993. Katalog zur Ausstellung, Konzertprogramm. Würzburg 1993, S. 24
- Paul Hawkshaw, Das Kitzler-Studienbuch: ein unschätzbares Dokument der Brucknerschen Arbeitsweise, in: Bruckner‑Symposion 1995Othmar Wessely u. a. (Hg.), Bruckner-Symposion. Zum Schaffensprozeß in den Künsten. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1995. 20.–24. September 1995. Bericht. Linz 1997, S. 95–109
- Bruckner und SteyrErich Wolfgang Partsch, Anton Bruckner und Steyr. Mit einem kirchengeschichtlichen Beitrag von Roland Bachleitner (Anton Bruckner. Dokumente und Studien 13). Wien 2003
- Wolfgang Rathert, Die Kammermusik, in: Bruckner-Handbuch 2010Hans-Joachim Hinrichsen (Hg.), Bruckner-Handbuch. Stuttgart–Weimar 2010, S. 310–321