Tantum ergo (WAB 32; 41/1‑4; 42,1-2; 43 und 44) „Tantum ergo sacramentum veneremur cernui“

Das Tantum ergo ist keine eigenständige Hymne, sondern stellt die 5. Strophe aus Thomas von Aquins Sakramentshymnus Pange lingua dar, wurde und wird aber dennoch (meist mit der folgenden, 6. Strophe „Genitori genitoque“) häufig selbständig vertont. Der liturgische Ort des Tantum ergo ist der sakramentale Segen, während die vollständige Form des Hymnus (Pange lingua mit sechs Strophen) mehr dem Fronleichnamsfest und dem Gründonnerstag vorbehalten bleibt. Bruckner zog diesen Text in seinen ersten Jahren als Komponist achtmal heran, und würdigte fünf seiner Vertonungen (WAB 41 und 42) noch 1888 einer Revision.

Tantum ergo (WAB 32)

Hymnus für vierstimmigen gemischten Chor a cappella in D‑Dur, „Andante“

Text: Thomas von Aquin
EZ: 1843 in Kronstorf (NGAAnton Bruckner. Sämtliche Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hg. v. der Generaldirektion der Österreichischen Nationalbibliothek und der Internationalen Bruckner-Gesellschaft. Wien 1951ff. (Editionsleitung: Leopold Nowak, auch als Neue Gesamtausgabe bezeichnet): 1845)
UA: ?, St. Florian (?)
Aut.: Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/32, Partitur-Fragment und Stimmen)
ED: Pange lingua (Tantum ergo) und Vexilla regis. Universal Edition, Wien 1914 (Josef Venantius von Wöss; als „Pange lingua“ in der um T. 23–34 gekürzten Fassung)
NGA: Band XXI (Hans Bauernfeind/Leopold Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984)

Die Einreihung dieser Vertonung in den Bruckner‘schen Werkkatalog ist aus mehreren Gründen etwas kompliziert: Für den praktischen Gebrauch entstand bald eine gekürzte Version, in der die Textwiederholung zwischen T. 23 und 34 mit „vi-de“ gestrichen wurde. Bruckner sanktionierte diese Einrichtung, die sich u. a. P. Oddo Loidol im Jahr 1882 abgeschrieben hatte, mit seinem Namenszug. Im Erstdruck stellte Wöss eine zusätzliche Strophe mit dem Text der 1. Strophe des Hymnus Pange lingua voran und veröffentlichte das Werk in der gekürzten Version.

Das Tantum ergo komponierte Bruckner laut Biografie von August Göllerich und Max Auer „für St. Florian“ (Göll.-A. 1, S. 250), unter Umständen mit der Absicht, sich bei Stiftskanzleidirektor Friedrich Mayer, dem späteren Propst, in Erinnerung zu bringen (vgl. auch die Kantate Vergißmeinnicht). Bruckner schreibt hier zwar im durchaus zeitüblichen kirchenmusikalischen Gebrauchsstil (mit Terz‑ und Sextparallelen), die farbigere Harmonik und die stellenweise expressivere Führung der Oberstimme zeigen aber schon den Kenntniszuwachs durch den Unterricht bei Leopold von Zenetti.

4 Tantum ergo (WAB 41/1‑4)

Hymnen für vierstimmigen gemischten Chor a cappella (Orgel ad lib.)
Nr. 1 in B‑Dur (WAB 41/1): „Langsam“ (lt. Max Auer nach der heute verschollenen Partitur: „Maestoso“)
Nr. 2 in As‑Dur (WAB 41/2): „Langsam“
Nr. 3 in Es‑Dur (WAB 41/3): „Ziemlich langsam“
Nr. 4 in C‑Dur (WAB 41/4): „Andante“

Text: Thomas von Aquin
EZ: 1. Fsg.: 1846 in St. Florian
2. Fsg.: 1888 verbessert in Wien
W: Omnia ad majorem dei gloriam („O.A.M.D.G.“)
UA: ?, St. Florian (?)
Aut.: Partitur verschollen (früher Archiv des Neuen Domes in Linz); Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/51, Stimmen)
ED: 2. Fsg.: Fünf Tantum ergo. Gross (Reiss), Innsbruck 1893 (überarbeitet von Bruckner, mit umgestellter Reihenfolge Nr. 3, 4, 1, 2, zusammen mit Tantum ergo [WAB 42,1-2])
NGA: Band XXI (beide Fsg.; Hans Bauernfeind/Leopold Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984)

Diese Vertonungen der 5. Strophe des Sakramentshymnus Pange lingua stammen aus dem ersten Jahr von Bruckners zweitem St. Florianer Aufenthalt. Es sind schlichte, sich ganz dem liturgischen Gebrauch unterordnende Werke, die jedoch schon zahlreiche Merkmale persönlicher Ausprägung wie insbesondere eine farbige, stellenweise an Franz Schubert orientierte Harmonik (Dur/Moll-Wechsel, Terzverwandtschaften) zeigen. Noch vor dem strengen Blick des gereiften Meisters konnten die kleinen Stücke bestehen: 1888 unterzog Bruckner sie einer Revision, bei der er jedoch nur geringfügige Korrekturen anbrachte.

Tantum ergo (WAB 42,1-2)

Hymnus für fünfstimmigen (2 S, A, T, B) gemischten Chor und Orgel in D‑Dur, „Feierlich“

Text: Thomas von Aquin
EZ: 1. Fsg.: Februar 1846 in St. Florian
2. Fsg.: 1888 revidiert und gekürzt in Wien
UA: ?, St. Florian (?)
Aut.: 1. Fsg.: Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/31)
2. Fsg.: Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (A 174, As. mit autografen Eintragungen)
ED: 2. Fsg.: Fünf Tantum ergo. Gross (Reiss), Innsbruck 1893 (zusammen mit 4 Tantum ergo [WAB 41/1‑4])
NGA: Band XXI (beide Fsg.; Hans Bauernfeind/Leopold Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984)

Diese von Bruckner 1888 revidierte und 1893 in gekürzter Version zusammen mit den 4 Tantum ergo (WAB 41/1‑4) veröffentlichte Vertonung des eucharistischen Hymnus wurde die bekannteste, allerdings erst in dieser 2. Fassung. Das Werk ist jedoch auch schon in seiner frühen Fassung von erstaunlicher Qualität: Bereits der synkopische Choreinsatz erweckt Aufmerksamkeit; die Führung der Singstimmen ist geschmeidig, die Harmonik ungekünstelt und reich. Die charakteristische und sehr wirkungsvolle Schlusswendung des Soprans (bis a‘‘) auf „sensuum defectui“ ist allerdings nur der 2. Fassung zu eigen.

Tantum ergo (WAB 43)

Hymnus für vierstimmigen gemischten Chor und Orgel in A‑Dur, „Andante“

Text: Thomas von Aquin
EZ: 1844 oder 1845 in Kronstorf oder St. Florian
UA: ?
Aut.: Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/29, zusammen mit dem Choral [WAB 12] „Dir, Herr, dir will ich mich ergeben“; mit Besitzvermerk Karl Aigners und Korrekturen von Joseph Anton Pfeiffer [1776–1859] von 1848)
ED: Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 2/2, S. 116ff. (1928)
NGA: Band XXI (Hans Bauernfeind/Leopold Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984)

Im Autograf dieser Komposition finden sich mit roter Tinte die Bemerkungen „Hier kommen Quinten u. Oktaven vor, die im reinen Satze verbothen sind! Vom 13. bis 16. Takte paßt nicht hierher! [?] Schon der Anfang des 13. Taktes ist eine reine Quint vom 12. bis 13. Takt!“ sowie Korrekturen des Stimmenverlaufes. Diese Eintragungen, eines der Ergebnisse von Bruckners Besuch in Seitenstetten 1848, stammen von Pfeiffer, Stiftsorganist von Seitenstetten (nicht, wie Göll.-A. 2/1, S. 108f., vermuteten, von Robert Führer), dem er nicht nur diese wohl noch in der Kronstorfer Zeit begonnene Vertonung des Sakramentshymnus vorgelegt haben dürfte, sondern, um auf seine Fortschritte in der Satztechnik hinzuweisen, auch die 4 Tantum ergo (WAB 41/1‑4), in denen solche Fehler nicht mehr vorkommen. Wegen der früheren Zuschreibung der Eintragung an Robert Führer oder Otto Kitzler wurde das Werk zunächst zu spät – auf 1848 oder 1849 – datiert, bis Leopold Nowak durch Schriftvergleich die eindeutige Identifizierung gelang (NGA XXI, S. 26).

Stilistisch entspricht das kleine Werk ganz dem zeitüblichen kirchenmusikalischen Gebrauch (mit Terz- und Sextparallelen, Vorhaltketten), doch erprobt hier der junge Komponist schon polyphone Einsätze (T. 13f.) und harmonisch angereicherte Sequenzen (T. 17f. bzw. 19f.). Der Schluss (T. 30–36) weist durch seine Anklänge an die Wiener Klassik auf den Unterricht bei Leopold von Zenetti hin (Einflüsse und Vorbilder).

Tantum ergo (WAB 44)

Hymnus für vierstimmigen gemischten Chor, 2 Vl., 2 Trp. und Orgel in B‑Dur

Text: Thomas von Aquin
EZ: 1849 in St. Florian
UA: 31.12.1849 in St. Florian
Aut.: Stift St. Florian, Bruckner‑Archiv (20/33, Stimmen)
ED: Göll.-A.August Göllerich/Max Auer, Anton Bruckner. Ein Lebens- und Schaffensbild (Deutsche Musikbücherei 36–39). 4 Bde. (in 9 Teilbänden [1, 2/1–2, 3/1–2, 4/1–4]). Regensburg 1922–1937, unveränd. Nachdruck 1974 2/2, S. 255–258 (1928; Partiturauszug)
NGA: Band XXI (Hans Bauernfeind/Leopold Nowak, 1984) und Revisionsbericht (1984)

Bislang wurde als Entstehungszeit dieses Tantum ergo das Jahr 1854 angenommen. Die Durchsicht der Aufführungskalendarien des Stiftes St. Florian brachte jedoch die Erkenntnis, dass zu Silvester 1849 neben einer Messe von Johann Baptist Schiedermayr, einem Graduale und einer Motette zum Offertorium von Michael Haydn sowie einem Te Deum in B-Dur von Franz Joseph Aumann ein Tantum ergo in B-Dur von Bruckner aufgeführt wurde. Dass es sich hier um das Tantum ergo (WAB 44) handelte, folgert Klaus Petermayr aus der Besetzung dieses Werkes – neben Chor und Orgel zwei Violinen und zwei Trompeten, möglicherweise war auch eine Paukenstimme vorhanden. Das Tantum ergo (WAB 41/1), ebenfalls in B-Dur, ist hingegen a cappella aufzuführen, eine Orgelstimme sei lediglich ad libitum beigeschlossen. Eine weitere Aufführung des Tantum ergo (WAB 44), wieder gemeinsam mit Aumanns Te Deum in B-Dur, fand laut Aufführungskalender des Stiftes am 4.10.1851 statt (Petermayr, S. 9).

Laut Göll.-A. finden wir in diesem Werk in erster Linie den Ausdruck von Bruckners „Empfindungen, die seine Brust beim Abschiede vom Lehrstande“ erfüllten, und hören daraus „volkstümliche Töne wie die segnende Rückschau des Mannes auf seine Jugend“ (Göll.-A. 2/1, S. 212). Dieses Tantum ergo ist jedoch gerade Bruckners am wenigsten volkstümliche Vertonung dieses Textes: Eine ausdrucksvolle melodische Linie (Sopran) wird von teils umspielenden, teils konzertierend und imitierend geführten Streicherfiguren begleitet und könnte fast einer Vesper Wolfgang Amadeus Mozarts oder sogar einem Bühnenwerk entnommen sein.

Literatur

ELISABETH MAIER

Zuletzt inhaltlich bearbeitet: 17.6.2020

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Tantum ergo (WAB 32)

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