Mexiko (Rezeption)
Nordamerikanischer Staat (Estados Unidos Mexicanos). Das Aztekenreich bildete seit 1536 das spanische Vizekönigreich Neu-Spanien. 1821 erreichte Mexiko die Unabhängigkeit von Spanien. 1846/47 eigneten sich die USA die nördlichen Gebiete Mexikos an. Benito Juárez García (1806–1872), der 1857 eine Verfassung durchsetzen konnte, blieb bis 1872 Präsident. Eine Schuldenkrise führte zur Invasion ausländischer Gruppen und schließlich 1864 zur Einsetzung Erzherzog Maximilians als Kaiser von Mexiko, der drei Jahre später erschossen wurde. Die lange Diktatur von Porfirio Díaz (1830–1915) führte 1910 zur Mexikanischen Revolution. Heute zählt Mexiko zu den bevölkerungsreichsten Ländern Lateinamerikas (2020: 128 Mio. EW).
Mit der Unabhängigkeit Mexikos 1821 spielten vermehrt ausländische Komponisten eine Rolle im Musikleben. Neben italienischen Opern wurden aber auch Werke einheimischer Komponisten aufgeführt. Maximilian versuchte in Mexiko ein Kulturleben nach europäischem Vorbild aufzubauen. Es wurde eine Akademie der Wissenschaften und der Literatur gegründet sowie ein Nationaltheater im Nationalpalast eingerichtet. So gastierte die österreichische Sängerin Henriette Sulzer (1832–1907) im Oktober 1864 an der italienischen Oper. Im Dezember 1865 berichtete die Wiener Zeitung von einem Hofkonzert. Bereits ab 1838 gab es öffentlichen Musikunterricht; 1866 wurde unter der Aufsicht der Sociedad Filarmónica Mexicana ein Konservatorium eingerichtet.
Im Zusammenhang mit den Bestrebungen Maximilians dürfte Bruckner durch Vermittlung von Emilie von Binzer der Posten eines Hoforganisten am Kaiserhof angeboten worden sein, was allerdings nur in einem Brief Bruckners an Rudolf Weinwurm (Briefe I, 641018) erwähnt wird. Bruckner interessierte sich daraufhin für alle Berichte über den Kaiser und hatte auch den Wunsch, den aufgebahrten Leichnam Maximilians nach seiner Rückkehr nach Österreich zu sehen (Briefe I, 680116). Am 19.6.1879 wirkte Bruckner mit dem Wiener Schubertbund an einer Gedenkfeier für Maximilian in der Votivkirche in Wien mit.
Die erste Aufführung von Bruckners Vierter Symphonie in Mexiko dürfte am 22.4.1955 durch das Orquesta Sinfónica Nacional de México unter der Leitung von Josef Krips stattgefunden haben. Zwanzig Jahre später leitete Kurt Wöss dasselbe Orchester mit einer denkwürdigen Aufführung der Neunten am 25.6.1976. Am 6.3.1981 fand die Erstaufführung der Ouvertüre in g-Moll durch das Orquesta Filarmónica de la Universidad Nacional Autónoma de México (OFUNAM) unter Jorge Velazco (1942–2003) statt. Am 6.5.1988 leitete Carter Nice (* 1940) dasselbe Orchester mit der Dritten Symphonie in Mexiko-Stadt. Einen Höhepunkt in der Bruckner-Rezeption stellt das Jahr 1999 dar, in dem Carlos Miguel Prieto (* 1965) mit dem Orquesta Filarmónica de la Ciudad de México drei Symphonien Bruckners innerhalb eines Monats aufführte: die Siebente am 24.4.1999, die Vierte am 1.5.1999 und die Fünfte am 15.5.1999. Am 1.12.2001 leitete Gabriel Chmura (* 1946) das OFUNAM bei einer der ersten lateinamerikanischen Aufführungen der Neunten Symphonie mit dem von William Carragan vollendeten Finale.
Das wachsende Interesse an Bruckners Werk spiegelt sich in zwei Aufführungen 2002 in Mexiko-Stadt wider: die Vierte am 30.6.2002 mit dem Orquesta Sinfónica Juvenil Carlos Chávez unter Juan Carlos Lomónaco (* 1969) und am 5.10.2002 die Achte unter Yannick Nézet-Séguin (* 1975) mit dem OFUNAM. 2003 spielte dasselbe Orchester die Vierte Symphonie unter Sergio Cárdenas (* 1951) am 15.2.2003 und die Siebente am 14.4.2003. Am 24.8.2003 wurde in Xalapa vom Orquesta Sinfónica de Xalapa die Siebente unter Prieto zu Gehör gebracht und am 5.10.2006 von denselben Interpreten die Sechste.
2008 wurden Bruckners Werke auch in anderen mexikanischen Städten aufgeführt: am 12.6.2008 in Culiacán die Vierte durch das Orquesta Sinfónica Sinaloa de Las Artes unter Gordon Campbell (* 1950) und am 18.11.2008 in Monterey die Erste durch das Orquesta Sinfónica de la Universidad Autónoma de Nueva León unter Robert Lehrbaumer (* 1960).
Seit den 1990er Jahren versuchten mexikanische Orchester und Dirigenten, Werke Bruckners sowohl in Mexiko-Stadt als auch im ganzen Land ins Programm zu nehmen, wobei die Vierte und die Siebente prominent hervorstechen. Außer über die Aufführungen der traditionellen Orchester und nationalen Dirigenten, durfte sich das mexikanische Publikum auch über ausländische Gäste freuen: die Fünfte Symphonie unter Bernard Haitink mit dem Amsterdamer Koninklijk Concertgebouworkest oder die Dritte (in der 3. Fassung) und die Vierte (in der Ausgabe von Robert Haas von 1936) unter Kurt Masur mit den New York Philharmonic. Wie in Chile und den meisten Ländern Lateinamerikas konnten sich Bruckners Sakralwerke weniger schnell in den Konzertprogrammen Mexikos etablieren. Die erste dokumentierte Aufführung von Bruckners Vokalmusik in Mexiko scheint aus einigen nicht näher bezeichneten Motetten bestanden zu haben, die vom Finnischen Tuira Chamber Choir am 8.2.1997 vorgetragen wurden.
Weitere Aufführungen sind: Locus iste mit dem Chor Kantorei Cedros unter Philippe Tolón am 27.5.2001 und mit der Schola Cantorum of Oxford unter James Burton (* 1974) am 1.10.2004. Das Requiem in d-Moll (WAB 39) wurde vom Orquesta de Cámara de Bellas Artes und dem Coro de Madrigalistas de Bellas Artes unter Burton in Mexiko-Stadt 2006 und am 8.6.2008 gegeben. Das Te Deum wurde in Puebla-Stadt vom Orquesta Sinfónica und dem Coro del Conservatorio de Música del Estado de Puebla unter Sergio Berlioz (* 1963) am 25.3.2010 zur Aufführung gebracht.
Schließlich erinnern einige Aufführungen von Bruckners Sakralwerken in ländlichen Provinzen an die Aufführungspraxis zur Zeit Bruckners, da durch verschiedene Umstände (finanziell oder institutionell bedingt) das Orchester durch zwei Klaviere ersetzt werden musste. So z. B. bei der Aufführung des Requiem in d-Moll (WAB 39) unter Roberto Gutiérrez und dem Coro Municipal Santiago de Querétaro am 13.10.2009 und dem Te Deum unter Eduardo Storni und dem Coro de Radio Universidad Veracruzana in Xalapa am 6.2.2010.
Literatur
- Gabriel Saldívar, Bibliografía mexicana de musicología y musicografía. 2 Bde. México 1991
- Robert M. Steverson/Gerard H. Béhague, Art. „Mexiko“, in: MGG²Ludwig Finscher (Hg.), Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. 29 Bde. (Sach- und Personenteil). 2. neubearb. Ausgabe. Kassel u. a. 1994–2008 6 (1997), Sp. 235–257
- Briefe IAndrea Harrandt/Otto Schneider (Hg.), Briefe von, an und über Anton Bruckner. Bd. I. 1852–1886 (NGA XXIV/1). 2., rev. und verbesserte Aufl. Wien 2009
- Ferdinand Anders, Von Schönbrunn und Miramar nach Mexiko. Leben und Wirken des Erzherzog-Kaisers Ferdinand Maximilian. Graz 2009
- Andreas Lindner, Bruckner und die Neue Welt, in: Bruckner-Symposion 2008Theophil Antonicek/Andreas Lindner/Klaus Petermayr (Hg.), Bruckner-Symposion. Der Künstler und seine Welt. Brucknerhaus Linz, 25.–27. September 2008. Bericht. Linz 2010, S. 229f.
- Juan Arturo Brennan, Pentagrama de letras. Mexiko-Stadt 2009